Syrien Dutzende Tote bei Massendemo in Hama

50.000 Menschen demonstrieren in der Stadt Hama gegen das syrische Regime - so viele wie nie zuvor seit Beginn der Proteste. Augenzeugen zufolge schossen die Sicherheitskräfte erneut in die Menge: Menschenrechtler sprechen von mehr als 30 Toten.

Protest in Syrien: Bereits seit März gibt es in vielen Städten des Landes Demonstrationen
REUTERS

Protest in Syrien: Bereits seit März gibt es in vielen Städten des Landes Demonstrationen


Nikosia - Während einer der größten Kundgebungen der seit zehn Wochen andauernden Proteste haben syrische Regierungstruppen erneut auf Demonstranten geschossen. Nach Angaben von Menschenrechtsaktivisten starben dabei allein in Hama mindestens 34 Menschen. "Es gibt viele Tote und Verwundete, das Krankenhaus ist voll", sagte ein Augenzeuge. "Ich bin weggerannt, aber ich kann noch immer Schüsse hören."

In der zentralsyrischen Stadt Hama demonstrieren demnach am Freitag mehr als 50.000 Menschen gegen die Regierung. Die Demonstranten in Hama seien getötet worden, als die Sicherheitskräfte zur Auflösung der Proteste in die Menge geschossen hätten, berichteten die Aktivisten. Dutzende Menschen seien verletzt worden. Ein Aktivist sprach von einem "regelrechten Massaker". Die Zahl der Toten könne wegen der vielen Verletzten weiter steigen, sagte der Vorsitzende des Syrischen Beobachtungszentrums für Menschenrechte, Rami Abdel-Rahman. Ein weiterer Zivilist sei zudem bei einer Demonstration im nordsyrischen Dorf Has getötet worden.

In Syrien nehmen immer mehr Menschen an den Protesten gegen die Herrschaft von Präsident Baschar al-Assad teil. In allen Teilen des Landes gingen nach Berichten von Bewohnern am Freitag wieder Zehntausende Menschen mit der Forderung nach demokratischen Reformen und dem Rücktritt Assads auf die Straße. Auch in Deir al-Sor im Osten des Landes schossen Soldaten mit scharfer Munition, um eine Demonstration aufzulösen. Das Regime blockierte in weiten Teilen von Syrien den Zugang zum Internet und ließ Orte beschießen, die als Zentrum der Revolte gelten.

Ban Ki Moon ist "alamiert"

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon zeigte sich angesichts der Eskalation der Gewalt "alarmiert", wie er über eine Sprecherin erklären ließ. Bei den Protesten seien seit Mitte März bereits mehr als 1000 Menschen ums Leben gekommen, davon allein 70 in der vergangenen Woche. Es war die erste offiziell von der Uno genannte Zahl zu Opfern der Proteste in Syrien. Besonders besorgt zeigte sich Ban auch über Berichte gefolterter und getöteter Kinder.

Die Demokratiebewegung hatte für Freitag zu Kundgebungen zum Gedenken an die seit Mitte März von den Sicherheitskräften getöteten Kinder aufgerufen. Das Uno-Kinderhilfswerk Unicef gibt ihre Zahl mit mindestens 30 an. Besonders bekannt ist der Fall des 13-jährigen Hamsa al-Chatib, der nach Angaben syrischer Aktivisten von Sicherheitskräften im südlichen Daraa gefoltert und getötet wurde. Syrische Medien wiesen die Foltervorwürfe als "erfundene Lügen" zurück.

Die Proteste reißen trotz der Freilassung Hunderter politischer Gefangener im Zuge einer Amnestie nicht ab. Die Opposition sprach sich am Donnerstag für die sofortige Amtsniederlegung und die Übergabe der Macht an den Vizepräsidenten aus. Dann müsse ein Rat den Übergang in die Demokratie vorbereiten, beschlossen etwa 300 im Exil lebende Oppositionelle auf einem zweitägigen Treffen in der Türkei.

1982 hatte die Regierung unter Hafis al-Assad, dem Vater des derzeitigen Staatschefs, einen Aufstand der Muslimbruderschaft in Hama blutig niedergeschlagen. Dabei hatte es 20.000 Tote gegeben.

ler/lgr/dapd/AFP/Reuters



insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
Schleswig 03.06.2011
1. xxx
Zitat von sysop50.000 Menschen demonstrieren in der Stadt Hama gegen das syrische Regime - so viele wie nie zuvor seit Beginn der Proteste. Augenzeugen zufolge schießen die Sicherheitskräfte dort in die Menge. Aus anderen Regionen des Landes kommen ähnliche Meldungen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,766476,00.html
Hallo Sarkozy, Cameron, Obama und die EU (ohne Deutschland) wo seid ihr? Ich höre euch nicht. Das Syrische Volk fleht um Hilfe. Oder lohnt im dem Fall die Koste/Nutzen Bilanz nicht, und man verweist auf "innere Angelegenheiten".
sukowsky, 03.06.2011
2. Ungleichbehandlung
Da kann man sich nur fragen wo bleibt Sarkozy und NATO mit den Bombern. Ach ich vergaß, in Syrien gibt es kaum Öl.
heinerz 03.06.2011
3. fleht um Hilfe
Zitat von SchleswigHallo Sarkozy, Cameron, Obama und die EU (ohne Deutschland) wo seid ihr? Ich höre euch nicht. Das Syrische Volk fleht um Hilfe. Oder lohnt im dem Fall die Koste/Nutzen Bilanz nicht, und man verweist auf "innere Angelegenheiten".
[QUOTE=Schleswig;7982714] Das Syrische Volk fleht um Hilfe. QUOTE] Ich weiss nicht... wann immer ich mit einem Bekannten in Damaskus telefoniere, oder wann immer ich von anderen Menschen höre, die mit Bekannten, Freunden und Verwandten in Damaskus oder Homs sprechen heisst es von dort nur: wir wollen mit diesen Auseinandersetzungen nichts zu tun haben und das ist alles übertrieben.
meisterraro 03.06.2011
4. Liebe Mitkommentatoren
Im Westen ist man es gewohnt, Interventionen in souveränen Staaten für legitim und manchmal sogar für geboten zu halten. Das ist aber nicht so, denn sobald sich fremde Truppen in einem Land niederlassen beginnen Spaltung und Bürgerkrieg erst richtig. Das gilt für die ganze Arabische Welt und teilweise auch für Afrika. Was ihr für gut haltet und was die Medien euch für gut verkaufen ist nichts als eine falsche Denkgewohnheit, die man ablegen muss. Denn sie stimmt nicht. Der Westen sollte sich im Interesse Aller zurückhalten bei den aktuellen Umwälzungen. Was dabei entsteht können sich die Völker nur selbst aufbauen. Der Wandel muss aus ihrer Mitte kommen, nicht von außen. Jedes fremde Eingreifen ist Gift für die Volksseele und spaltet die Völker. Das ist die Lehre aus den bisherigen Nato-Einsätzen. Bei keinem einzigen war das Ergebnis Stabilität! Man muss doch irgendwann aus falschen Strategien mal lernen und sie ändern.
glücklicher südtiroler 03.06.2011
5. Syrien...
Zitat von SchleswigHallo Sarkozy, Cameron, Obama und die EU (ohne Deutschland) wo seid ihr? Ich höre euch nicht. Das Syrische Volk fleht um Hilfe. Oder lohnt im dem Fall die Koste/Nutzen Bilanz nicht, und man verweist auf "innere Angelegenheiten".
Hallo Schleswig... Du hast recht mit Deiner Klage, aber es gibt gleich mehrere Gründe warum sich die Obengenannten nicht in die NO-Nesseln setzen wollen. Syrien ist zwar international weitgehend isoliert und de facto nur mit dem Iran verbandelt, aber ein Syrien als failed state würde den halben NO ins Chaos stürzen. Gerade die Israelis blicken mit bangen Erwartungen nach Nordosten. Sie wissen, daß sie zwar militärisch haushoch überlegen sind und die Syrische Armee keine Gefahr darstellt, aber nach den Erfahrungen von 2006 im Südlibanon fürchten sie einen asymmetrischen Krieg mit einem unterlegenen, aber militärisch sehr gut organisierten Gegner. Sie kennen den NO und ihren alten Syrischen Gegner und werden sich ob der syrischen Opposition(ähnlich wie in Libyen ein Sammelsurium von Stämmen, zu kurz gekommenen Abtrünnigen, "Facebookern" und natürlich auch Salafiten/Islamisten) kaum Illusionen. Zynischer- und ironischerweise ist ihnen ein "bekannter aber berechenbarer Feind" lieber als etwas weit Unangenehmeres, was nachher kommen könnte. Angesichts des religiösen Flickerlteppich des Landes ist ein langwieriger Bürgerkrieg libanesischen Stils leider das wahrscheinlichste Szenario, es sei denn Assad Jr kriegt das Land wieder unter seine harte Hand. Im worst case Fall wären die Israelis auf sich alleine gestellt; die USA und der Westen sind in Libyen, Irak, Afghanistan bereits genug beschäftigt und gebunden. Auf der Arabischen Halbinsel und in NO gelten andere Gesetze als bsw. in Ägypten oder Tunesien(Libyen ist wiederum ein ganz anderer Fall). Mehr als einige halbherzige Sanktionen und internationale Verurteilungen hat Assads Bunkerregime nicht zu fürchten. Syrien ist tief im NO-Konflikt verstrickt und man braucht nur an die Golanhöhen zu denken, um festzustellen, daß die Nachbarn keinen Hort der Instabilität bzw, ein Bürgerkriegsgebiet brauchen können. Für Saudi Arabien ist Stabilität in Bahrain wie in Syrien wichtig; Veränderungen und "Revolutionen" bzw. ein "Arabischer Frühling" bei den Nachbarn würden das eigene religiöse Königtum untergraben; die USA wollen letztendlich ein stabiles Haus Saud. War in Bahrain offensichtlich. Die Türken verurteilen zwar das Vorgehen Assads, verbieten sich aber jede Einmischung von Außen bzw. jede Veränderung des Kräfteverhältnisses in der Region. Die Europäer sind mit dem kleinen libyschen Kriegsschauplatz genug beschäftigt, Europa hat mehr Interessen in Libyen als in NO, weitere strikes sind den EU-Bevölkerungen ohnehin nicht vermittelbar. Derweil fließen immer mehr Waffen in das Land... http://english.aljazeera.net/news/middleeast/2011/05/2011511145417573716.html Das Land wird uns noch lange beschäftigen... Wie in anderen Arabischen Staaten könnte die Armee noch eine entscheidende Rolle spielen. Assads besonders harter und gewalttätiger Kurs könnte leicht nach hinten losgehen; dann wenn die Armee nicht mehr mitmacht... Ägyptisch-Tunesische "Lösung" oder Lybisches Bürgerkriegsszenario...? Wir werden sehen... Viele Grüße an die Waterkant...
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