SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

31. Mai 2016, 23:11 Uhr

Hunger in Syrien

Das Versagen der Weltgemeinschaft

Von

Millionen Syrer leiden Hunger, das Regime konfisziert selbst Babymilch. Ab diesem Mittwoch wollte die internationale Gemeinschaft Lebensmittel abwerfen. Doch kein Staat macht mit.

Eigentlich ist der Fall klar. Bis zum 1. Juni soll die syrische Regierung humanitäre Hilfe in die vielen belagerten Gebiete zulassen. Andernfalls soll die Uno eine Luftbrücke für die leidenden Menschen einrichten.

Auf diese Regelung haben sich die Mitglieder der Internationalen Unterstützungsgruppe für Syrien (ISSG) am 17. Mai in einer gemeinsamen Erklärung geeinigt. Dazu zählen die USA, Russland, die Mitglieder der Europäischen Union, die reichen arabischen Golfstaaten, Iran und die Uno.

Nun läuft die Frist ab - und noch immer werden Zivilisten in Syrien belagert und ausgehungert. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen geht von knapp zwei Millionen Betroffenen aus. Das sind rund zehn Prozent von Syriens Gesamtbevölkerung vor dem Krieg.

Aber Vorbereitungen für eine Luftbrücke? Gibt es nicht.

Stattdessen Formulierungen wie diese: "Für eine Luftbrücke brauchen wir die Kooperation der syrischen Regierung." Das sagte Staffan de Mistura, Uno-Sondergesandter für Syrien, in der vergangenen Woche.

Dabei liegt genau dort das Problem. Etwa 90 Prozent der zwei Millionen betroffenen Zivilisten werden vom syrischen Regime belagert, auf dessen Kooperation nun gehofft wird. Der "Islamische Staat" hat in der Stadt Deir al-Sor die Gewalt über rund 200.000 Menschen, die syrische al-Qaida und syrische Rebellen belagern in den Städten Foua und Kefraya rund 20.000 Menschen. Doch das Netz des Regimes ist am engmaschigsten: In diesen Gebieten hat es bereits Hungertote gegeben, vor allem Kinder und Ältere.

Es ist paradox: Nicht einmal eine Autostunde von Damaskus entfernt, wo das Leben vergleichsweise normal weitergeht, müssen Menschen verhungern. Es wäre kein Problem, sie mit Uno-Hilfskonvois voller Lebensmitteln zu erreichen. Aber dafür braucht die Uno die Zustimmung der syrischen Regierung. Die gibt nur selten ihre Erlaubnis - und wenn, beanstandet sie die Lieferungen oft in letzter Minute.

"Wie können bewaffnete Männer so tief sinken?"

Zuletzt verlor sogar der Leiter der Uno-Taskforce für humanitäre Hilfe in Syrien, Jan Egeland, die Fassung. "Wie tief können bewaffnete Männer sinken? Heute hat die vierte Division der syrischen Armee eine humanitäre Lieferung ins verhungernde Daraya blockiert, weil sie Babymilch enthielt!", twitterte er wütend. Die Soldaten prüften den Uno-Konvoi, nahmen erst die Medikamente und Lebensmittel heraus. Am Ende blockierten sie sogar die Babymilch. Nichts durfte nach Daraya gebracht werden.

Die vierte Division gilt als eine Eliteeinheit des syrischen Militärs. Daraya ist ein Vorort von Damaskus, bereits seit vier Jahren vom syrischen Regime belagert. Dort war es 2011 zu großen Protesten gegen das Regime gekommen, später galt Daraya als Rebellenhochburg. 2012 kam es dort zu einem Massaker. Immer wieder wurde der Vorort in den vergangenen Jahren von der syrischen Luftwaffe bombardiert.

Die internationale Gemeinschaft scheint ihre Forderungen vom 17. Mai vergessen zu wollen. Obwohl die Frist abläuft, gibt es bisher keinerlei Bewegung. Aus Washington, London, Paris ist nichts zu hören, und auch Berlin hält still.

"Die Bundesregierung plant nicht, sich zu beteiligen"

Das deutsche Verteidigungsministerium antwortete am 30. Mai auf eine schriftliche Frage der Grünen-Bundestagsabgeordneten Franziska Brantner: "Die Bundesregierung plant nicht, sich mit der Bundeswehr an Aktionen der humanitären Hilfe in Syrien zu beteiligen. Anfragen zu einem Einsatz der Bundeswehr in diesem Rahmen liegen nicht vor."

Grünen-Politikerin Brantner kann diese Position nicht nachvollziehen: "Alles andere als die vollständige Erfüllung der Forderungen, die die Internationale Unterstützungsgruppe für Syrien selbst aufgestellt hat, wäre ein weiteres gebrochenen Versprechen, das wir den Menschen in Syrien gemacht haben." Es handele sich um einen ernsten Glaubwürdigkeitsverlust für die Unterstützungsgruppe insgesamt.

Die ISSG strebt die Vermittlung einer Waffenruhe und einer politischen Lösung für Syrien an. Derzeit ist jedoch nicht einmal sicher, wann die nächste Runde der Friedensverhandlungen in Genf stattfinden soll. Der Chefunterhändler der syrischen Opposition war zuletzt enttäuscht über die mangelnden Fortschritte zurückgetreten.

Und in Daraya, Deir al-Sor und anderswo in Syrien hungern die Menschen weiter.


Zusammengefasst: Die angekündigte Luftbrücke für Syrien wird zum vereinbarten Termin am 1. Juni nicht zustande kommen - obwohl die internationale Gemeinschaft das genau so versprochen hatte. Stattdessen hofft man auf die Kooperation des Regimes, das aber seinerseits für die meisten Belagerungen verantwortlich ist. Hilfe für die vielen Hungernden im Land lässt so weiter auf sich warten.

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung