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Angriffe auf Ost-Ghuta: Aleppo 2.0

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Ost-Ghuta in Syrien "Wenn ihr nach Hilfe schreit, wird euch niemand hören"

Die Menschen im syrischen Ost-Ghuta erleben die bisher schlimmsten Luftangriffe der Regierung. Knapp 400.000 Menschen sind dort eingeschlossen. Egal ob Essen, Arzneien oder Benzin: Es fehlt an fast Allem.

Suhail al-Hassan ist wieder da. Der Brigadegeneral gilt als einer der rücksichtslosesten und charismatischsten Kommandeure der syrischen Armee von Diktator Baschar al-Assad. Am Wochenende tauchte der Endvierziger - Kampfname "Tiger" - am Rande von Ost-Ghuta auf.

Dieses Gebiet nahe der syrischen Hauptstadt Damaskus umfasst knapp hundert Quadratkilometer und ist eine der letzten von Rebellen kontrollierten Gegenden in Syrien. Laut Schätzungen leben zwischen 350.000 und 400.000 Menschen in Ost-Ghuta. Seit 2013 ist das Gebiet, das heute von den islamistischen Rebellengruppen "Armee des Islams" und "Brigade des Barmherzigen" beherrscht wird, von Regierungstruppen eingeschlossen. Seit Monaten gelangt kaum noch Nachschub dorthin: Es fehlt an Lebensmitteln, Medikamenten, Benzin. (Lesen Sie hier mehr über die Lage in Ost-Ghuta.)

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Nun steht offenbar eine Bodenoffensive der syrischen Armee und verbündeter Milizen bevor. Am Wochenende drohte Brigadegeneral Hassan den Eingeschlossenen: "Wenn ihr nach Hilfe schreit, wird euch niemand hören", sagte der Kommandeur bei einer Ansprache vor Soldaten in Richtung der Menschen in Ost-Ghuta. Hassans Kämpfer antworteten mit dem Schlachtruf: "Wir opfern unsere Seele und unser Blut für dich, Baschar!"

"Situation ist viel schlimmer als erwartet"

Doch diejenigen, die im Kampf um Ost-Ghuta wirklich geopfert werden, sind hilflose Zivilisten. Seit der Nacht zu Montag sind dort laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte 250 Menschen ums Leben gekommen, unter ihnen Dutzende Kinder. Es sind die bisher schlimmsten Luftangriffe auf die Vororte von Damaskus. Offenbar wollen die syrische und die russische Luftwaffe Ost-Ghuta sturmreif schießen, bevor Bodentruppen einrücken. Genauso ging das Assad-Regime vor anderthalb Jahren in der Schlacht um Ost-Aleppo vor.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow sagt ganz offen, dass er das Aleppo-Szenario in Ost-Ghuta wiederholen möchte. "Wir wollen unsere Erfahrungen, die wir bei der Befreiung von Aleppo gesammelt haben, in Ost-Ghuta einsetzen", sagte Lawrow. Das bedeutet, dass Krankenhäuser, Schulen oder Ersthelfer so lange bombardiert werden, bis sich die Rebellen ergeben. Diese werden dann per Bus in andere Landesteile transportiert, vermutlich in die noch von Rebellen kontrollierte Provinz Idlib in Nordsyrien.

Machtverteilung in Syrien

Machtverteilung in Syrien

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Die monatelange Belagerung von Ost-Ghuta, die Weigerung, verwundete Zivilisten zu evakuieren, gezielte Angriffe auf Krankenhäuser - all das sind Kriegsverbrechen. Darauf weisen auch die Vereinten Nationen immer wieder hin. Lawrow tut die Appelle ab: "Die Uno bauscht die humanitären Probleme in Ost-Ghuta und Idlib auf", zitieren russische Medien den Außenminister.

Dabei ist das Grauen im Kriegsgebiet bestens dokumentiert: Mediziner in einem Krankenhaus in Ost-Ghuta untersuchten in den ersten beiden Februarwochen 317 Kinder unter fünf Jahren. 69 von ihnen waren akut unterernährt, 127 weitere kurz davor. Inzwischen wird jedes vierte Kind in Ost-Ghuta per Kaiserschnitt entbunden, weil die Mütter mangelernährt und zu schwach für eine natürliche Geburt sind. Ein Uno-Team, das am 14. Februar den Ort Naschabije in Ost-Ghuta besuchen durfte, meldete anschließend: "Die Situation ist viel schlimmer als erwartet."

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Angriffe auf Ost-Ghuta: Aleppo 2.0

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Das Uno-Kinderhilfswerk Unicef hat sich inzwischen entschieden, lieber gar nichts mehr zu sagen. Am Dienstag veröffentlichte Unicef eine fast leere Presseerklärung, in der nur der Satz steht: "Keine Worte können den Kindern, Müttern, Vätern und ihren Angehörigen gerecht werden."

Russland verhindert eine Waffenruhe

Dabei gibt es ja nicht nur Worte, Zahlen und Fakten: Die Menschen aus Ost-Ghuta verbreiten im Internet eine Vielzahl von Videos und Fotos. Das Regime kann dem Gebiet nicht gänzlich den Netzzugang blockieren, weil sonst auch die Umgebung vom Internet abgeschnitten würde.

So kann die Welt den Menschen in Ost-Ghuta beim Leiden und Sterben gewissermaßen live zusehen: den Helfern, die Verletzte aus bombardierten Häusern retten - gerade noch rechtzeitig vor dem zweiten Luftangriff, den das Regime meistens nach wenigen Minuten folgen lässt, um gezielt die Zivilretter zu treffen; den Müttern und Vätern, die in Krankenhäusern und Leichenhallen verzweifelt nach ihren Kindern suchen; den Föten, die Ärzte getöteten Müttern aus dem Bauch schneiden.

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All das hat sich so oder so ähnlich schon einmal vor mehr als einem Jahr in Aleppo abgespielt und wiederholt sich nun vor den Augen der Welt in Ost-Ghuta. Es passiert, weil die Vetomacht Russland als Kriegspartei in Syrien alle Bemühungen um einen Waffenstillstand sabotiert, weil die USA mit dem Syrienkonflikt am liebsten gar nichts mehr zu tun haben wollen und weil die europäischen Staaten zu schwach und uneins sind.

Deshalb sind auch die Worte von Brigadegeneral Hassan vom Wochenende nur teilweise richtig: Die Welt hört die Schreie der Menschen in Ost-Ghuta durchaus. Nur sie hilft trotzdem nicht.

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