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Syrien-Blogger Eliot Higgins: Der YouTube-Waffenexperte

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Syrien-Blogger Brown Moses Der YouTube-Waffenexperte

Er spricht kein Arabisch, war nie im Nahen Osten und Politikwissenschaften hat er auch nicht studiert. Trotzdem ist Eliot Higgins zum Experten für den Bürgerkrieg in Syrien aufgestiegen - indem er die Videos analysiert, die von beiden Seiten auf YouTube hochgeladen werden.
Von Theresa Breuer

Hamburg - Eliot Higgins kennt den Unterschied zwischen einem Granatwerfer des Typs Milkor MGL und des Typs RBG-6, und er weiß, dass eine Aerosolbombe keine chemischen Kampfstoffe enthält. Higgins ist Syrien-Experte, er deckt Waffenschmuggel und den Einsatz illegaler Bomben auf - und an diesem Morgen muss er sich verstecken. Doch nicht etwa vor Diktator Baschar al-Assad oder syrischen Rebellen. Sondern vor seiner 18 Monate alten Tochter. "Wenn sie mich am Laptop sieht, will sie, dass ich mit ihr Kinderlieder auf YouTube anhöre", sagt er.

Eliot Higgins sitzt in seinem Schlafzimmer in Leicester, England, knapp 5000 Kilometer von Damaskus entfernt. Er ist kein Politikwissenschaftler, er war noch nie in Syrien und er spricht auch kein Arabisch. Eliot Higgins ist ein arbeitsloser Mann Mitte 30. Nachdem er letzten Herbst seinen Bürojob im Finanz- und Verwaltungswesen verlor, hat er sein Hobby zur Mission gemacht.

Jeden Tag durchforstet Higgins rund 500 YouTube-Kanäle, auf die syrische Kämpfer, Aktivisten und Assad-Unterstützer Videos hochgeladen haben. Akribisch achtet er auf jedes Detail. Gehören die Kämpfer zur syrischen Armee oder zu einer Rebellengruppe? Wo im Land befinden sie sich? Welche Waffen setzen sie ein und woher stammen sie?

Vom Counter-Strike-Spieler zum Waffenexperten

Seine Erkenntnisse veröffentlicht Higgins auf seinem Blog  unter dem Pseudonym Brown Moses. Der Name stammt aus einem Frank-Zappa-Song. Als Higgins noch feste Arbeit hatte und in Onlineforen regelmäßig mit anderen Kommentatoren diskutierte, wollte er nicht erkannt werden. Doch als sich immer mehr Gerüchte um seine Person rankten - ein dunkelhäutiger Jude vielleicht? - outete er sich. Er wollte zeigen, dass er ein ganz normaler Typ ist, der ohne Agenda über Syrien bloggt.

Durch seine Analysen ist er innerhalb weniger Monate zum Waffenexperten für Syrien aufgestiegen - und das, obwohl er nach eigenen Aussagen früher nicht mehr über Waffen wusste als der gewöhnliche Counter-Strike-Spieler. Inzwischen laden ihn Think-Tanks zu Konferenzen nach Italien und in die USA ein, um über Social Media in Krisengebieten zu sprechen. Human Rights Watch zitiert ihn, und internationale Medien beziehen sich auf seine Recherchen. Medienhäuser zeigen Interesse, seinen Blog zu kaufen.

Higgins deckte auf, was internationalen Medien entging

Angefangen hat alles vor gut einem Jahr. "Ich war frustriert von der Berichterstattung zum Arabischen Frühling", erzählt Higgins, "es gab so viel Material auf Twitter und auf YouTube, aber niemand schien sich die Mühe zu machen, es zu analysieren". Also hat er selbst damit angefangen. Letzten Sommer hat Higgins etwa aufgedeckt, dass die syrische Regierung verbotene Streubomben einsetzte - obwohl Assad das immer geleugnet hat.

Doch sein bislang größter Coup gelang ihm im Januar: Higgins waren Videos aufgefallen, in denen islamistische Rebellen mit kroatischen Waffen hantierten. Woher die Aufständischen das Kriegsgerät hatten, konnte sich niemand erklären. Die "New York Times" arbeitete daraufhin mit Higgins zusammen, ging seinen Recherchen auf den Grund. Dabei kam die Zeitung zu der Erkenntnis, dass Saudi-Arabien die Waffen von Kroatien gekauft und über Jordanien nach Syrien geschmuggelt hatte.

Ohne die Vorarbeit des Bloggers wäre der Waffenschmuggel womöglich nie aufgedeckt worden. Trotzdem hätte Higgins seinem Projekt beinahe ein Ende gemacht. Im März bekam er ein Jobangebot - unter der Voraussetzung, dass er das Bloggen einstelle. Higgins war hin- und hergerissen. "Es gibt niemanden, der so gründlich Social Media in Syrien analysiert", sagt er, "andererseits muss ich Geld verdienen, mit dem Halbtagsjob meiner Frau können wir uns nicht über Wasser halten."

Mit Crowdfunding rettete er seinen Blog

Freunde, Bekannte und Journalisten konnten Higgins jedoch überzeugen weiterzumachen und zu versuchen, sich über Crowdfunding zu finanzieren. Ein Spender, der anonym bleiben möchte, hat ihm 5000 Pfund überwiesen. Auch das Politik-Netzwerk Avaaz will Higgins künftig unterstützen. "So muss ich keinen regulären Job annehmen und den Blog aufgeben", sagt Higgins, "ich bewahre mir meine Unabhängigkeit". Ganz einfach ist das aber nicht: Am Sonntag Abend twitterte der Blogger, dass der Online-Bezahldienst Paypal die rund 4000 Pfund, die er auf dem Portal indiegogo  gesammelt hatte, einkassiert habe. "Aus Sicherheitsgründen".

Selber nach Syrien fahren möchte Higgins nicht. "Das überlasse ich den professionellen Kriegsberichterstattern", sagt er. Anstatt in eine Recherchereise will Higgins das Geld lieber in einen Schreibtisch investieren. Das cremefarbene Sofa im Wohnzimmer, auf dem er die meiste Zeit verbringt, sei nämlich lange nicht so bequem, wie es aussehe. Sollte es ihm gelingen, 12.000 Pfund zu sammeln, will er seinen Blog außerdem ins Arabische übersetzen lassen.

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