Assad-Abtrünnige EU-Staaten sollen syrische Überläufer bezahlt haben

Geheimnisvoll kündigte Frankreich weitere spektakuläre Überläufer in Syrien an - nun scheint klar, woher dieses Wissen stammt: Laut "Times" bezahlen Europa und arabische Staaten hohe Staatsbedienstete, wenn sie sich von Diktator Assad abwenden.
Präsident Assad: Mehrere wichtige Vertreter seines Regimes sind schon geflohen

Präsident Assad: Mehrere wichtige Vertreter seines Regimes sind schon geflohen

Foto: AFP/ SANA

Hamburg - Einer der bisher spektakulärsten Überläufer ist Riad Hidschab. Der Ex-Regierungschef flüchtete mit Familie und Vertrauten Anfang August aus Syrien - nach nur zwei Monaten im Amt. Diverse Diplomaten, hochrangige Militärs und Abgeordnete haben sich in den vergangenen Monaten ebenfalls losgesagt. Auch ein enger Freund Baschar al-Assads aus Kindheitstagen, Ex-General Manaf Tlass, brach mit dem Diktator. Er setzte sich nach Paris ab. Welche Rolle die französische Regierung bei seiner Flucht spielte, ist offen.

Frankreichs Außenminister Laurent Fabius kommentierte die wachsende Zahl der Überläufer vergangene Woche mit den Worten: "Das alles zeigt, dass Menschen verschiedenster Art entschieden haben, das Regime fallen zu lassen." Sie alle hätten erkannt, sagte er der französischen Nachrichtenagentur AFP, dass die Führung von Assad derzeit das eigene Volk ermorde. Und er kündigte weitere "spektakuläre Überläufe" an. Ihm lägen entsprechende Informationen vor.

Doch die Überläufer haben offenbar nicht nur politische Gründe. Wie die "Times" am Dienstag berichtet, fließt auch Geld.

Europäische Länder haben demnach mit einigen Golfstaaten gemeinsam Schmiergelder an syrische Amtsträger gezahlt, um sie dazu zu bringen, sich vom Assad-Regime abzuwenden. Bei einem Treffen von europäischen Diplomaten im Mai in der katarischen Hauptstadt Doha wurde demnach vereinbart, dass Vertretern des syrischen Regimes "Anreize" für den Bruch mit Assad gegeben werden sollten. Die Runde der Botschafter sei sich einig gewesen, dass die russische Verhinderungspolitik in der Uno jede Hoffnung auf Erfolg für den Friedensplan des damaligen Uno-Vermittlers Kofi Annan zerstört habe. Russland blockiert gemeinsam mit China eine deutliche Verurteilung des Assad-Regimes oder gar Sanktionen.

Das Risiko bleibt groß

Laut "Times" kamen die Botschafter bei ihrem Meeting in Doha zu der Übereinkunft, dass sie öffentlich den Annan-Plan weiter unterstützen wollen, aber hinter den Kulissen eine Alternative entwickeln wollen. Die Diplomaten beschlossen, mögliche Überläufer zu ködern, heißt es in dem Bericht weiter. Schmiergelder seien zwar nie explizit erwähnt worden, zitiert der Bericht eine Quelle in Doha. Aber das sei auch gar nicht nötig gewesen. Jeder habe genau verstanden, worum es ging. Katarische Regierungsvertreter hätten an dem Treffen nicht teilgenommen, heißt es weiter. Über einen der Diplomaten sei jedoch in die Runde getragen worden, dass der Golfstaat diesen Weg mit den Europäern an der Seite mitgehen werde.

Ein Vertreter der oppositionellen Freien Syrischen Armee bestätigte der Zeitung, dass Bestechungsgelder geflossen seien. "Westliche Geheimdienste sind ganz scharf darauf, Vertreter des Regimes abzuwerben."

Wer sich von Assad lossagt, geht trotz finanzieller Unterstützung immer noch ein großes Risiko ein. Denn um Familie und Freunde vor der Rache des Regimes zu schützen, müssen oft 20 oder 30 Menschen außer Landes gebracht werden. Das unauffällig zu organisieren, erfordert eine enorme Logistik und zahlreiche Unterstützer.

Schmiergelder dürften vor allem für Mitglieder der mittleren Regime-Ebene einen Anreiz darstellen: Botschafter, Minister oder Generäle der regulären Armee. Spektakuläre Überläufer aus dem engsten Kreis um Assad wie Manaf Tlass hingegen dürften damit nicht zu ködern sein: Die Tlass-Familie ist selbst milliardenschwer. Möglicherweise wurden ihm andere Versprechen gemacht wie etwa Straffreiheit. In Paris leben neben Tlass auch zwei weitere Ex-Größen des syrischen Regimes, Rifaat al-Assad, Baschars Onkel, der als Chef der syrischen Elite-Truppen 1982 für das Massaker in Hama verantwortlich gewesen sein soll, und Abd al-Halim Chaddam, der als rechte Hand von Baschars Vater galt. Beide mussten sich bis heute nicht vor Gericht für die mutmaßlich von ihnen mitgetragenen Verbrechen verantworten.

Es überrascht daher nicht, dass die Oppositionsbewegung dem einen oder anderen Abtrünnigen misstraut. So etwa dem früheren syrischen Botschafter im Irak, Nawaf al-Fares, der als enger Verbündeter des syrischen Sicherheitsapparats galt. "Er macht das nicht, weil er ein gutes Herz hat", zitiert die "Times" eine Quelle in Doha.

ler