Syrien Ex-Premier ruft Führungselite zu Fahnenflucht auf

Der desertierte syrische Ex-Premier Riad Hidschab meldet sich erstmals öffentlich zu Wort. Präsident Baschar al-Assad sei außerstande, die Kämpfe im Land zu stoppen, das Regime stehe vor dem Aus. Er rief alle politischen und militärischen Führungsfiguren dazu auf, ebenfalls überzulaufen.

Ex-Premier Riad Hidschab: "Stellt euch auf die Seite des Volkes"
AFP

Ex-Premier Riad Hidschab: "Stellt euch auf die Seite des Volkes"


Amman - Riad Hidschab ist der hochrangigste Überläufer Syriens, vorige Woche kehrte der Premierminister dem Regime um Baschar al-Assad den Rücken und floh mit seiner Familie nach Jordanien. Nun hat er sich in einer Pressekonferenz zu Wort gemeldet.

Hidschab erklärte, er schließe sich aus freiem Willen den Aufständischen an und sei nicht etwa, wie von der Regierung behauptet, entlassen worden. Anführer aus Politik und Militär sollten es ihm gleichtun. "Ich fordere die Armee auf, dem Beispiel Ägyptens und Tunesiens Heerscharen zu folgen - und auf Seite der Menschen zu wechseln", fügte er hinzu.

Assad sei nicht mehr in der Lage, den Bürgerkrieg im Land zu stoppen. Dessen Regierung sei ein "Feind Gottes". Das Regime des Präsidenten kontrolliere nur noch 30 Prozent des Landes. Die Führung sei militärisch, wirtschaftlich und moralisch zusammengebrochen. Aufgrund seiner Erfahrung könne er sagen, dass die Führung angeschlagen sei.

Er selbst habe hilflos zusehen müssen, wie Assad und seine Getreuen die Offensive gegen die Aufständischen verschärft hätten, sagte Hidschab. Nun müsse er sich davon reinwaschen. "Ich bitte die Armee inständig, dem Beispiel Ägyptens und Tunesiens zu folgen - stellt euch auf die Seite des Volkes", sagte er.

Als Premier kaum Einfluss

Ob der Appell verfängt, ist allerdings fraglich. Selbst als Hidschab noch im Amt war (und das war nur zwei Monate lang der Fall, er war vorher Landwirtschaftsminister), hatte er als Premierminister kaum Einfluss. Traditionell sitzen in Regierung und Parlament neben einer Handvoll Technokraten viele Opportunisten. Bis auf wenige Posten wie das Verteidigungsministerium, dem meist ein Militär vorsteht, haben die wenigsten etwas zu sagen - über die Politik entscheidet allein der Präsident.

Lange Zeit war das syrische Regime eines, von dem große Teile der Bevölkerung profitieren konnten, weil großzügig Posten im riesigen Staatsapparat verteilt wurden. Doch unter dem Eindruck der brutalen Gewalt seit Beginn der Aufstände im März 2011 hat das Regime zunehmend Verbündete und Mitläufer verloren. Wer nicht bereit ist, für Assad bis zum Letzten zu kämpfen, scheint die Koffer zu packen. So haben sich in den vergangenen Monaten die ersten Diplomaten abgesetzt, etwa aus Weißrussland, Zypern und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Auch der Geschäftsträger der Botschaft in London, Chalid al-Ajubi, kehrte dem Regime den Rücken.

Neue Kämpfe aus Damaskus, Aleppo und Homs gemeldet

Syrische Truppen gehen offenbar auch an diesem Dienstag in Vorstädten von Damaskus, in der Wirtschaftsmetropole Aleppo, Homs und anderen Orten gegen Stellungen der bewaffneten Rebellen vor. Dabei wurden auch schwere Waffen wie Kampfflugzeuge, Panzer und Artillerie eingesetzt. In der Vorstadt Hamurija bei Damaskus fanden die Bewohner 15 Leichen in den Trümmern eines Hauses, das zuvor aus der Luft bombardiert worden war - das jedenfalls berichteten Aktivisten. SPIEGEL ONLINE kann die Informationen nicht unabhängig überprüfen.

Der äußere Druck auf das Regime steigt zusehends. Die Organisation Islamische Konferenz (OIC) will nun die Mitgliedschaft Syriens aussetzen. Dies werde auf dem Gipfeltreffen der Organisation beschlossen werden, das am Dienstagabend in der saudischen Stadt Mekka beginnen sollte, berichtete die saudische Tageszeitung "Arab News".

Das Blatt zitierte den OIC-Generalsekretär Ekmeleddin Ihsanoglu mit den Worten: "Das Assad-Regime hat einen dunklen Tunnel ohne Ausgang betreten, indem es die legitimen Forderungen und Wünsche des Volkes ignoriert hat." Der OIC gehören 57 islamische Staaten an.

Am Dienstag reiste eine Beraterin von Präsident Assad nach China, um sich der Unterstützung eines seiner letzten Verbündeten zu versichern.

ffr/heb/Reuters/AP/dpa

insgesamt 50 Beiträge
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Seite 1
Izmi 14.08.2012
1. Alle
Zitat von sysopAFPDer desertierte syrische Ex-Premier Riad Hidschab meldet sich erstmals öffentlich zu Wort. Präsident Baschar al-Assad sei außerstande, die Kämpfe im Land zu stoppen, das Regime stehe vor dem Aus. Er rief alle politischen und militärischen Führungsfiguren dazu auf, ebenfalls überzulaufen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,849976,00.html
"Alle politischen und militärischen Führungsfiguren" kann er wohl nicht meinen. Was wäre, wenn auch Assad selbst käme?
jenom 14.08.2012
2. Wieso bekommt der eine Schlagzeile?
Wieso bekommt dieser Mann die Schlagzeile? Ist doch klar was er will und weshalb. Die einseitige Pro-Islamisten Berichterstattung ist völlig unverständlich.
miran 14.08.2012
3. Erstaunlich !!
können Sie mir zeigen, wo die pro-Islamisten in diesem Artikle???????? Wenn der Ministerpresiden (wenn auch dieses Amt in Syrien nur formell ist) eines Landes das Regime Rücken kehrt, sollte doch die Gründd untersucht werden, oder?
pröben 14.08.2012
4. Seht ihn Euch doch an....
Der will sich schonmal positionieren, um nach dem Zusammenbruch gleich in die neue Führungsriege einzutreten bzw. sie zu bilden! Dem würde ich nicht über den Weg trauen....
euklein 14.08.2012
5. Bei der Meldung
ist nur interessant, wie viel $ dieser Ex-Prmier für seine Aüßerungen bekommen hat. Ich schätze mal - im sechsstelligen Bereich.
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