Syrische Fahndungsliste "Die machen mit Journalisten, was sie wollen"

Hunderte Deutsche stehen auf einer Fahndungsliste des syrischen Regimes, darunter viele Journalisten. Einige Betroffene sind wenig überrascht - und meiden Syrien, Russland und Iran.

"Zeit"-Reporter Wolfgang Bauer
imago/ Reiner Zensen

"Zeit"-Reporter Wolfgang Bauer

Von Silvana Degonda


Tote Zivilisten, zerstörte Häuserblöcke und alltägliches Leid - all das haben Journalisten gesehen, die auf der Seite der Rebellen in Syrien recherchierten. Einer davon ist der Deutsche Wolfgang Bauer. "Ich habe gesehen, dass die Zerstörung überwiegend aus der Luft kam. Und in der Luft ist einzig und allein die syrische Luftwaffe, nicht irgendwelche Terroristen."

Weil er darüber berichtete, sei Bauer wie andere Journalisten auf einer Fahndungsliste des syrischen Geheimdienstes aufgeführt, berichtet der NDR. Nun dürfe er nicht mehr in das Land einreisen.

Mit der syrischen Oppositionsplattform "Zaman al-Wasl" hat der NDR eine Datenbank ausgewertet, in der mehr als 500 Deutsche aufgelistet sein sollen. Darunter viele Reporter, aber auch Wissenschaftler und Politiker. Die syrischen Geheimdienste haben für sie demnach Beobachtungsvermerke und Einreisesperren angelegt oder sogar Haftbefehle erlassen. Dem Bericht des NDR zufolge umfasst die syrische Datenbank insgesamt rund 1,6 Millionen Einträge mit Menschen aus 152 Nationen.

Dass Journalisten, die bereits auf der Seite der Opposition recherchiert haben, es schwer haben würden, ein Visum für eine offizielle Einreise nach Syrien zu bekommen, sei klar, sagt Bauer dem SPIEGEL. "Aber das mal schwarz auf weiß zu sehen, ist schon spannend." Das letzte Mal hielt sich Kriegsberichterstatter Bauer Ende 2013 in Syrien auf.

Neben Bauer finden sich dem NDR zufolge auch andere Journalisten auf der Liste, die für deutsche Medien berichteten. So seien zum Beispiel der Videojournalist Kurt Pelda, der Filmemacher Marcel Mettelsiefen und der Chefredakteur der Zeitschrift "Zenith", Daniel Gerlach, aufgeführt. Auch der Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik, Volker Perthes, soll auf der schwarzen Liste sein.

2013 wurden gegen den Schweizer Autoren Kurt Pelda, der auch für den SPIEGEL aus dem Bürgerkriegsland Syrien berichtete, gleich zwei Haftbefehle erlassen. Pelda sagte dem NDR, er sehe keine Begründung für diese Haftbefehle. "Sie zeigen nur, dass wir es hier nicht mit einem Rechtstaat zu tun haben." Seit einem Jahr wisse er von den Haftbefehlen. Wenn ein Haftbefehl existiere und man in die Mühlen der Geheimdienste gerate, sei das "nicht mehr lustig", so Pelda - sondern das Schlimmste, was passieren könne. "Die machen im Gefängnis mit Journalisten, was sie wollen." Seit er von den Haftbefehlen wisse, meide er Syrien und Partnerländer wie Russland und Iran. Er wisse nicht, ob es ein Auslieferungsabkommen mit Syrien gebe, und wolle nichts riskieren.

"Beobachtet und verfolgt"

Auch der Filmemacher Marcel Mettelsiefen, der gerade mit einer Dokumentation für den Oscar nominiert war, bestätigte der Nachrichtenagentur AFP, dass sein Name auf der schwarzen Liste stehe. Einer der Hauptgründe sei vermutlich der Kontakt zu einem syrischen Aktivisten, der 2012 in Aleppo von den Regierungstruppen gefangen genommen worden sei. Auf dessen Laptop sei Material gewesen, das auch Mettelsiefen zeigte.

"Schon immer" habe man in Syrien das Gefühl gehabt, "beobachtet und verfolgt zu werden", meint Mettelsiefen, der auch schon für den SPIEGEL in Syrien im Einsatz war. So berichtete er mit SPIEGEL-Reporter Christoph Reuter aus der früheren Rebellenhochburg Homs, Reuter hat die damaligen Erlebnisse in diesem Bericht beschrieben. Seit 2014 war Mettelsiefen nach eigenen Angaben nicht mehr in Syrien.

Reuter (l.) und Mettelsiefen in Syrien
Marcel Mettelsiefen

Reuter (l.) und Mettelsiefen in Syrien


Auch der Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik, Dr. Volker Perthes, soll auf der Liste sein. Den Informationen des NDR zufolge stamme der Eintrag zu seiner Person aus dem Jahr 2005, so Perthes zum SPIEGEL. Seitdem war der deutsche Politikwissenschaftler mindestens sechsmal in Syrien, zuletzt 2016. Er nehme an, dass der syrische Geheimdienst ihn dabei jedes Mal beobachtet habe.

Über Mittelleute in Damaskus werden nun Gespräche geführt, um herauszufinden, wie der Einreisestopp in Zukunft aussehen soll, sagt Journalist Bauer. Große Hoffnungen setze er aber nicht in diese Gespräche. Obwohl auch die syrische Regierung Interesse daran haben müsste, meint er: "Wenn das Regime eine glaubhafte Botschaft in die westliche Welt transportieren möchte, muss es das auch durch glaubwürdige Journalisten machen." Diese Gespräche in Damaskus fanden bereits vor der Veröffentlichung der syrischen Fahndungsliste statt.

"Die Liste ist ein Dokument der Einschränkung der Pressefreiheit", sagt Bauer. Eine solche Beschränkung gebe es allerdings auch in anderen Staaten: "Syrien steht da nicht alleine. Auch Länder wie Nordkorea, Libyen, der Irak, Iran und die USA führen solche Listen."

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