Aufstand gegen Assad 24 Stunden Urlaub vom Krieg

Überall lauern Scharfschützen, Artillerie feuert auf die Stadt. An der Uni von Damaskus werden seit Wochen keine Prüfungen abgenommen. Da macht sich ein Student auf die Reise in den Libanon, um sich für ein Studium im Ausland zu bewerben - und gönnt sich einen Tag Urlaub vom Krieg.

Palästinenserviertel Yarmouk in Damaskus: Unter Beschuss des Regimes
DPA/ SANA

Palästinenserviertel Yarmouk in Damaskus: Unter Beschuss des Regimes

Von , Beirut


Drei Wochen lang hat der 24-jährige Omar* darauf gewartet, sein Stadtviertel endlich wieder verlassen zu können. Seit dem 18. Juli, an dem vier von Baschar al-Assads Sicherheitsberatern bei einem Bombenanschlag in Damaskus gestorben sein sollen, regnet es immer wieder Artilleriegeschosse auf Yarmouk, wo Omar lebt. Als die Armee im August für einen Tag ihre Angriffe aussetzte, entschied sich der Wirtschaftsstudent, dass nun der Moment gekommen wäre, sich in den benachbarten Libanon aufzumachen.

Wie die meisten Einwohner von Yarmouk, im Süden von Damaskus, ist Omar Palästinenser: Enkel eines Mannes, der 1948 vor jüdischen Rebellen aus seiner Heimat Haifa floh. Obwohl Omar in Damaskus geboren und aufgewachsen ist wie sein Vater, besitzt er keinen syrischen Pass. Er hat überhaupt keinen Pass, nur eine kleine weiße in Plastikfolie eingeschweißte Karte, die ihn als Palästinenser ausweist. Damit darf er Syrien nur verlassen, wenn ihm das Regime eine Reisegenehmigung ausstellt. Dazu muss er in den Stadtteil Kafr Susa, der ebenfalls unter Artilleriebeschuss steht. Doch auch dies schreckt Omar nicht davon ab, seine erste Auslandsreise ins knapp 90 Kilometer entfernte Beirut anzutreten.

"Ich wollte eigentlich nie aus Damaskus weg", sagt Omar. Dann lacht er. "Das ist das einzige Gute an diesem Krieg: Er zwingt mich, auch mal aus Syrien rauszukommen." Seine syrischen Freunde haben sich schon vor einem Jahr ins Ausland abgesetzt. Sie arbeiten und studieren jetzt in Beirut, Dubai, Saudi-Arabien, Kanada und Japan.

Ihnen will Omar es nun gleichtun. An seinem Tag im Libanon will er bei den westlichen Botschaften vorbeischauen und einen guten Eindruck hinterlassen. Er will sich für Master-Studienprogramme im Ausland bewerben. In Damaskus sind fast alle Botschaften inzwischen geschlossen.

Wie viel Macht hat das Regime denn noch?

Die Lage in der Stadt, ja im ganzen Land wird immer unübersichtlicher. Der zur Opposition übergelaufene syrische Ex-Ministerpräsident Riad Hidschab sieht das Regime von Präsident Baschar al-Assad vor dem Zusammenbruch. Es kontrolliere nur noch 30 Prozent des Staatsgebietes, sagte Hidschab am Dienstag auf einer Pressekonferenz in Amman. Es war sein erster öffentlicher Auftritt, seit er in der Vorwoche zu den Rebellen übergelaufen war und sich dann nach Jordanien abgesetzt hatte.

Der Kollaps des Regimes sei ein "moralischer, finanzieller und militärischer", sagte Hidschab weiter. Er rief alle "ehrlichen" Staatsbeamten und Kommandeure der Sicherheitskräfte dazu auf, sich vom Regime abzuwenden und sich der Opposition anzuschließen.

Gleichzeitig hat die türkische Armee ein neues Militärmanöver an der Grenze zu Syrien abgehalten. Dabei waren am Dienstag nach Angaben der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu in der südtürkischen Provinz Kilis auch Panzer, gepanzerte Truppentransporter und Raketenwerfer im Einsatz. Bei der nur wenige Meter von der Grenze zu Syrien abgehaltenen Übung sei ein Angriff simuliert worden. Ziel sei es gewesen, die "Kriegsfähigkeiten" der Streitkräfte zu testen, berichtete Anadolu.

Seine Abschlussprüfung an der Uni wird immer wieder verschoben

Omar macht sich dennoch auf die Reise. Doch im Libanon angekommen, verbringt er lieber den ganzen Tag mit seinen Freunden. "Wahrscheinlich hätte mich doch sowieso niemand in den Botschaften empfangen. Auf mich hat Europa gerade noch gewartet", scherzt er. Er genießt es, ohne Angst vor Scharfschützen die Straßen entlang spazieren zu können und freut sich über das geschäftige Treiben. "Das sind meine 24 Stunden Urlaub vom Krieg", sagt er. Länger als einen Tag kann er sowieso nicht bleiben - der Libanon ist für ihn schlicht zu teuer.

Omar weiß bereits, für welche Uni-Programme er sich bewerben will - er hat sich auf den Webseiten der Botschaften informiert. In Frankreich, Schweden, Deutschland und Kanada will er es versuchen. "Ich mag die französische Kultur und die deutschen Philosophen", begründet er seine Wahl, "In Schweden gibt es viele Kurse auf Englisch. Kanada nimmt gern Akademiker - aber es ist arg weit weg."

Ob er alle Unterlagen zusammenbekommt, die er für die Bewerbungen braucht, ist jedoch fraglich: Ihm fehlt seine Abschlussprüfung an der Universität von Damaskus. Alle Prüfungen werden seit Anfang Juli immer wieder verschoben. "Es ist zu unsicher in Damaskus. Die Studenten können nicht mehr zur Universität kommen und die Professoren auch nicht", sagt Omar. In der ganzen Stadt müsse man inzwischen mit Scharfschützen rechnen. "Sie sind eigentlich noch schlimmer als das Artilleriefeuer. Man weiß nie, wo sie genau sind und sie schießen einfach auf jeden."

Im Lager für Palästinenser will Omar nicht bleiben

Der junge Mann, der im April 2011 an einer der ersten Demonstrationen in Damaskus gegen Baschar al-Assad teilnahm, sagt, er habe inzwischen die Nase voll von dem Aufstand und da sei er nicht der einzige. Die bewaffneten Rebellen, die sich regelmäßig in Yarmouk blicken ließen, würden immer unbeliebter. "Wir wollen alle nur noch, dass das Leben wieder weitergeht, in Sicherheit."

Trotzdem fährt Omar nach dem Tag in Beirut wieder zurück nach Damaskus. Er könnte nur legal im Libanon bleiben, wenn er beantragt, in einem der dortigen Palästinenserlager aufgenommen zu werden. Palästinenser haben allerdings im Libanon noch weniger Rechte als in Syrien. Omar sagt, für ihn und seine Eltern käme dies nicht in Frage - "Sollen wir schon wieder Flüchtlinge werden?"

* Name aus Sicherheitsgründen geändert

insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
freiheitsk 14.08.2012
1.
Zitat von sysopAPÜberall lauern Scharfschützen, Artillerie feuert auf die Stadt. An der Uni von Damaskus werden seit Wochen keine Prüfungen abgenommen. Da macht sich ein Student auf die Reise in den Libanon, um sich für ein Studium im Ausland zu bewerben - und gönnt sich einen Tag Urlaub vom Krieg. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,850009,00.html
Wie jetzt? Noch weniger Rechte als unter dem Despoten Assad? Ich dachte, das wäre unmöglich?!
HeisseLuft 14.08.2012
2. Warum nicht?
Zitat von freiheitskWie jetzt? Noch weniger Rechte als unter dem Despoten Assad? Ich dachte, das wäre unmöglich?!
Warum soll das unmöglich sein? Schon mal mit dem deutschen Asyl- und Ausländerrecht beschäftigt?
robert.haube 14.08.2012
3. Die Stimmung kippt
Wenn die Terroristen, wie der junge Mann berichtet, auf alles schießen, was sich bewegt, dann ist doch klar, dass die Stimmung kippt. Und eine "Guerilla", die nicht wie ein Fisch im Wasser der Bevölkerung schwimmt, zappelt bald halbtod auf dem Trockenen. Guter Stimmungsbericht, der zeigt, dass es mit den Freischärlern bald zu Ende gehen wird.
jalu-2008 14.08.2012
4. Guter Stimmungsbericht -falsch verstanden?
Zitat von robert.haubeWenn die Terroristen, wie der junge Mann berichtet, auf alles schießen, was sich bewegt, dann ist doch klar, dass die Stimmung kippt. Und eine "Guerilla", die nicht wie ein Fisch im Wasser der Bevölkerung schwimmt, zappelt bald halbtod auf dem Trockenen. Guter Stimmungsbericht, der zeigt, dass es mit den Freischärlern bald zu Ende gehen wird.
Sie verbreiten doch täglich Ihre Nachrichten, dass Damaskus fest in der Hand der Regierungstruppen ist! Aus dem Artikel: "Es ist zu unsicher in Damaskus. .... In der ganzen Stadt müsse man inzwischen mit Scharfschützen rechnen. "Sie sind eigentlich noch schlimmer als das Artilleriefeuer. Man weiß nie, wo sie genau sind und sie schießen einfach auf jeden." Der Formulierung nach dürfte es sich wohl ehr um regierungsnahe Scharfschützen handeln, was machen wir da nun mit Ihrer falschen Interpretation?
AbuHaifa 14.08.2012
5.
Ich habe als ausländischer Student einige Semester in Damaskus studiert und damals lange Zeit im "Mukhayyam Yarmuk" gewohnt. Was haben die Rebellen da zu suchen? Dort wohnen vor allem Palästinenser und die haben über ihre vielen Organisationen in Syrien seit Beginn des Bürgerkriegs eindeutig klar gemacht, dass sie in dem Konflikt neutral bleiben wollen. Sogar Hamas hält sich bislang raus, so weit mir bekannt ist. Es ist eben genau wie in Aleppo: Die Rebellen neben keine Rücksicht mehr auf die Wünsche der Bevölkerung und tragen ihren Krieg selbst in Städte und Viertel, die überwiegend mit ihnen nichts zu tun haben wollen und einfach nur in Frieden leben wollen. Die sogenannten Freiheitskämpfer benutzen wehrlose Zivilisten als Geiseln indem sie sich zwischen ihnen verstecken und die Menschen somit den Angriffen der syrischen Armee aussetzen. Aber es freut mich zu hören, dass die Popularität der Freischärler offenbar rapide sinkt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.