Syrien-Flüchtlinge Der Winter kommt

Für Millionen Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak wird sich die Lage in den kommenden Monaten dramatisch verschärfen. Unicef warnt vor einer Jahrhundertkatastrophe.

Syrische Flüchtlinge im türkischen Suruc: "Wettlauf gegen die Zeit"
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Syrische Flüchtlinge im türkischen Suruc: "Wettlauf gegen die Zeit"


Berlin - Der Winter rückt näher - und für Millionen Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak wird sich ihre ohnehin schon dramatische Situation weiter verschärfen. Darauf haben das Uno-Kinderhilfswerk Unicef und Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) in Berlin hingewiesen. "Wir haben es hier mit einer Jahrhundertkatastrophe zu tun", warnte Müller und forderte mit Blick auf die bevorstehende Flüchtlingskonferenz in Berlin zusätzliche Unterstützung. "Es wird gestorben werden, wenn nicht sofort und entschieden und entschlossen zusätzlich geholfen wird." Christian Schneider, der Geschäftsführer von Unicef Deutschland, sprach von einem Wettlauf gegen die Zeit.

An diesem Dienstag kommen in Berlin die Vertreter von 40 Staaten und Organisationen zusammen, um über den weiteren Umgang mit den Syrien-Flüchtlingen zu beraten. Müller sieht vor allem die Arabische Liga und die Europäische Union in der Pflicht. So machte sich der CSU-Politiker dafür stark, aus bestehenden EU-Töpfen kurzfristig eine Milliarde Euro bereitzustellen. "Das Geld ist da - man muss nur neue Prioritäten setzen."

Deutschland wird nach Müllers Worten gemeinsam mit Unicef zusätzliche Flüchtlingsunterkünfte im Nordirak errichten. In dem Land seien für den Winter 26 zusätzliche Camps notwendig, von denen aber erst zehn fertig seien. Nach Unicef-Angaben sind mittlerweile sieben Millionen Kinder und Jugendliche auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg in Syrien und vor der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS).

Kurdische Kämpfer wehren weiteren IS-Angriff in Kobane ab

Mehr als 50 Nichtregierungsorganisationen haben in einem gemeinsamen Appell unter anderem eine Verdoppelung der humanitären Finanzhilfen für die Flüchtlinge gefordert. Die westlichen Staaten müssten außerdem mindestens 180.000 weitere Flüchtlinge aus Syrien aufnehmen. Die Kapazitäten der Nachbarländer seien weitgehend erschöpft.

Im Norden Syriens gehen die Gefechte um die Stadt Kobane derweil unvermindert weiter: Nach eigenen Angaben haben die kurdischen Kämpfer einen weiteren Angriff der IS-Terrormiliz abgewehrt. Die Extremisten hätten den nördlichen Stadtrand von Kobane attackiert, sagte Kurdensprecher Idriss Nassan am Montag. Die USA und ihre Verbündeten hätten ihre Luftangriffe gegen den IS verstärkt, sagte Nassan.

Offenbar können die kurdischen Kämpfer in Kobane sehr bald mit Unterstützung von Peschmerga-Kämpfern aus dem Nordirak rechnen. Nach einem Bericht des kurdischen Portals Rudaw könnte die Verlegung der 150 Kämpfer an diesem Montag stattfinden: Die Kämpfer seien einsatzbereit und mit "den besten neuen amerikanischen Waffen" ausgerüstet, hieß es unter Berufung auf einen Peschmerga-Offizier.

Mehr als 800 Tote bei Kampf um Kobane

Der IS steht den Angaben zufolge nur knapp 700 Meter von dem Grenzübergang zur Türkei entfernt. Sollten die Islamisten den Übergang erobern, könnten weder die Peschmerga-Kämpfer noch Hilfsmittel in die umzingelte Stadt gelangen.

Die Türkei hatte den Peschmerga aus dem Nordirak die Durchquerung der Türkei erlaubt, um den syrischen Kurden beim Verteidigen von Kobane zu helfen. Nach Angaben des von Rudaw zitierten Offiziers stünden nur noch einige technische Fragen dem baldigen Transit der Kämpfer durch die Türkei im Weg.

Die kurdische Enklave Kobane (Arabisch: Ain al-Arab) wird seit Mitte September von den IS-Dschihadisten belagert, nachdem diese zuvor mehrere hundert kurdische Dörfer im Umland erobert hatten. Bei den nunmehr 40-tägigen Kämpfen sind nach Angaben der syrischen Beobachtungsstelle bereits mehr als 800 Menschen getötet worden, 481 Angreifer der IS-Miliz, 302 kurdische Kämpfer, elf Unterstützer der Kurden sowie 21 Zivilisten.

anr/dpa



insgesamt 25 Beiträge
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Till67 27.10.2014
1. Jetzt helfen
Statt das THW und Hilfsgüter herunterzuschicken, wird diskutiert wieviel 1000 Flüchtlinge wohin aufzunehmen sind. Zeit und Energie sind wesentlich besser aufgehoben, jetzt für alle das Leben erträglicher zu machen.
lampenschirm73 27.10.2014
2.
Wäre es nicht viel besser dafür zu sorgen, dass die Flüchtlinge wieder in ihre Heimat zurückkehren können? Dazu am besten die beiden Länder Syrien und Irak entlang der konfessionellen Grenzen in drei oder vier Staaten aufteilen. Dann ist der Bürgerkrieg im schiitischen und kurdischen Teil sofort beendet. Die Sunniten müssen dann wählen ob sie lieber in einem Kalifat leben wollen oder in einem zivilisierten Staat. Vielleicht sollte man hier erstmal zwei sunnitische Staaten gründen. Die ethnisch religiösen Minderheiten werden wohl entweder zu den Schiiten oder den Kurden gehören wollen.
ratxi 27.10.2014
3. Primaer...
Primaer muessen jetzt schnell winterfeste Lager errichtet werden, das ist klar. Aber ich verstehe nicht, dass es nicht moeglich sein soll, in einer gemeinsamen internationalen Aktion den IS komplett zu vernichten. Dann koennen die Menschen in ihre Orte zurueck; das wollen sie wohl am liebsten. Statt dauerhaft Millionen Fluechtlinge zu versorgen, ist es doch sinnvoller, die vielleicht 30.000 IS-Kaempfer zu beseitigen.
wynkendewild 27.10.2014
4. Die arabsiche Welt...
Zitat von Till67Statt das THW und Hilfsgüter herunterzuschicken, wird diskutiert wieviel 1000 Flüchtlinge wohin aufzunehmen sind. Zeit und Energie sind wesentlich besser aufgehoben, jetzt für alle das Leben erträglicher zu machen.
Das Leid der Flüchtlinge kann nur durch ein Engagement der arabischen Welt gemindert werden, die verfügt schließlich über die ganzen Öl-Milliarden. Da dort unten außerdem ein blutiger Bürgerkrieg tobt wäre es unverantwortlich zivilen Rettungskräften einem unnötigen Risiko für Leib und Leben auszusetzen.
stowolle 27.10.2014
5. Nicht reden - handeln
Die bereits bestehende Katastrophe wird nicht durch lange Reden, sondern durch entschlossenes Handeln gemildert. Dies gilt für humanitäre wie für militärische bzw. logistische Unterstützung. Zumindest bei Hilfslieferungen für die Flüchtlinge wären die Zaghaften unter den Staaten gefragt.
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