Assads General Jamil Hassan Der syrische Patient

Jamil Hassan ist einer der brutalsten Schergen des Assad-Regimes. Der herzkranke Geheimdienstmann reiste trotz internationalen Fahndungsgesuchs zur medizinischen Behandlung nach Beirut - folgenlos.
Das Krankenhaus der American University in Beirut: Der syrische Geheimdienstmann Jamal Hassan wurde dort behandelt

Das Krankenhaus der American University in Beirut: Der syrische Geheimdienstmann Jamal Hassan wurde dort behandelt

Foto: Anwar Amro/ AFP

Einmal schien es, als ob wenigstens der Versuch unternommen würde, einen der wichtigsten syrischen Befehlshaber für zehntausendfache Morde an der eigenen Bevölkerung zur Rechenschaft zu ziehen: Im Juni 2018 erließ der Bundesgerichtshof einen Haftbefehl gegen Jamil Hassan, den Chef des syrischen Luftwaffengeheimdienstes.

Wobei "Geheimdienst" ein irreführendes Wort ist für Hassans Truppe, die in eigenen Gefängnissen Häftlinge foltern, vergewaltigen, verhungern, umbringen ließ. Im November erließ Frankreich ebenfalls Haftbefehl gegen Hassan.

Das international ausgeschriebene Fahndungsgesuch war erst einmal ein politisches Statement. Niemand glaubte ernsthaft daran, dass sich eine Chance ergeben würde, Hassan tatsächlich vor Gericht zu bringen, zumindest solange Baschar al-Assads Diktatur in Syrien herrscht.

Doch nun stellt sich heraus: Der Geheimdienstchef ist seit 2018 mindestens zwei Mal ins Ausland gereist. Es hätte Gelegenheiten gegeben, ihn zu verhaften. Es haben nur nach und nach mehrere Regierungen aufgegeben, dies zu versuchen.

Generalmajor Jamil Hassan, der in internen Runden stets darauf gedrängt hat, viel mehr Demonstranten zu "eliminieren", der öffentlich sagte, man hätte von Anfang an alle Gegner der Diktatur massakrieren sollen, wie er selbst das schon 1982 in der aufständischen Stadt Hama getan hatte: Er hat es am Herzen.

Unter falschem Namen nach Beirut

In den vergangenen Jahren erlitt der 66-Jährige bereits drei Herzinfarkte, so ein alter Weggefährte Hassans gegenüber dem SPIEGEL. Der schwerste habe den als cholerisch geltenden Geheimdienstchef unmittelbar nach dem Abschuss eines russischen Flugzeugs durch die eigene, syrische Luftabwehr im vergangenen September getroffen. Er habe sich furchtbar aufgeregt.

Zwischenzeitlich sei unklar gewesen, ob er sich überhaupt noch einmal erholen würde. Aber zumindest am Telefon habe er Anfang des Jahres als Vermittler agiert, als syrische Milizen unter iranischem und unter russischem Kommando am Rand der Nordprovinz Idlib aufeinander schossen.

Doch im Juni kam der nächste Infarkt. Ende Juni sei Hassan, so die Quelle in Damaskus, inoffiziell und unter falschem Namen nach Beirut gebracht worden: ins American University Hospital (AUH), das wohl beste Krankenhaus in der Levante.

Ein Arzt dort bestätigte dem SPIEGEL, dass ein hochrangiger Syrer zu dem Zeitpunkt eingeliefert wurde. Durch einen Seiteneingang, der nicht von Überwachungskameras erfasst wird, sei der Mann in die Kardiologie im 5. Stock gebracht worden und werde dort schwer bewacht. Sein Zustand sei schlecht.

"Wenn es ihnen wirklich schlecht geht, kommen sie alle hierher"

Versuchte man Anfang Juli zur Besuchszeit in den 5. Stock zu kommen, waren alle Besucherbänke leer bis auf einige muskulöse Männer im Schrankformat und etwas eng sitzenden Anzügen, die einen rasch wieder hinauskomplimentierten.

Die führenden Mitglieder des Assad-Regimes würden ja stets über die USA lästern, spottete der Arzt des AUH: "Aber wenn es ihnen wirklich schlecht geht, kommen sie alle hierher." Das sei schon seit Jahren so. Der ehemalige syrische Vizepräsident Faruk al-Scharaa habe sich im AUH behandeln lassen, ebenso die Spitzen der alleinherrschenden Baath-Partei und der Sicherheitsdienste.

Insofern ist es nicht ungewöhnlich, dass Hassan dorthin gebracht wurde. Es war auch nicht das erste Mal: Schon im Februar hatten deutsche Stellen Kenntnis davon, dass Hassan in der Kardiologie des AUH behandelt wurde.

Generalbundesanwalt Peter Frank ließ der libanesischen Regierung ein Auslieferungsersuchen zustellen. In Beirut ließ man sich Zeit, fragte im März bei der libanesischen Staatssicherheit nach. Die teilte lapidar mit, eine Person des Namens Jamil Hassan sei seit Anfang 2018 nicht in den Libanon eingereist. Über das Justizministerium ging die Antwort an das Außenministerium, das sie im April schließlich den Deutschen mitteilte.

Jamil Hassan entkommt

Abermals waren nun die Deutschen, ebenso die Franzosen und vermutlich auch die Amerikaner in Kenntnis des klandestinen Patienten aus Syrien. Doch diesmal geschah: nichts. Intern hieß es, es gebe schlicht keinen Ansprechpartner im Libanon, der es wagen würde, Jamil Hassans Festnahme zu verantworten. Keiner der Machtblöcke im libanesischen Kabinett möchte es sich mit Assads Regime verderben.

Im libanesischen Innenministerium möchte so recht niemand etwas dazu sagen. Es sei eine "sehr heikle Angelegenheit". Einziges offizielles Statement eines Sprechers Tage nach der ersten Anfrage: "Kein Kommentar!"

Um den 21. Juli, so der Arzt im AUH, sei der schwerbewachte Syrer dann wieder aus dem Krankenhaus fortgebracht worden. Wohin und in welchem Zustand - unklar. Sein Posten als Chef des Luftwaffengeheimdienstes ging schon Anfang Juli im Rahmen eines großen Revirements der Führungsspitzen von Armee und Sicherheitsdiensten an seinen bisherigen Vize über.

Jamil Hassan entkommt, in jeder Hinsicht.

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