Syrien Schwere Kämpfe erschüttern Damaskus

Granaten werden abgefeuert, die Straße zum Flughafen soll geschlossen worden sein. Die heftigsten Kämpfe seit Beginn des Aufstands gegen Assad erschüttern die Hauptstadt Damaskus. Mehrere Menschen starben. Das Internationale Rote Kreuz stuft den Konflikt in Syrien offiziell als Bürgerkrieg ein.

Syriens Diktator Assad: Lage in Hauptstadt Damaskus spitzt sich zu
DPA

Syriens Diktator Assad: Lage in Hauptstadt Damaskus spitzt sich zu


Damaskus/Istanbul - Die Lage in der syrischen Hauptstadt Damaskus hat sich nach Berichten von Anwohnern und Menschenrechtsaktivisten dramatisch zugespitzt: In den Straßen mehrerer Stadtteile waren Gefechtslärm schwerer Waffen und Explosionen zu hören. Die Regierungstruppen schlossen nach Darstellung von Augenzeugen die Straße zum Flughafen. Die syrische Armee feuere Mörsergranaten auf Stadtteile, in denen sich Kämpfer der aus Deserteuren zusammengesetzten Freien Syrischen Armee verschanzt hätten, erklärte die in London ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte.

Besonders heftig waren die Kämpfe demnach in den Vierteln Tadamon, Kafar Sussa, Nar Aischa und Sidi Kadad. "Die Sicherheitskräfte versuchen die Kontrolle über die Viertel zurückzugewinnen, aber sie schaffen es vorerst nicht", sagte ein Sprecher der Beobachtungsstelle. Mindestens sechs Zivilisten seien getötet worden, darunter ein Kind. Auch Anwohner erklärten, es handle sich um die heftigsten Kämpfe seit dem Beginn der Rebellion im März 2011. Der oppositionelle Syrische Nationalrat warf der syrischen Armee vor, Gegenden der Hauptstadt in ein "Schlachtfeld" verwandelt zu haben. "Die Revolution breitet sich aus und zieht die Schlinge um das Regime enger", sagte ein Sprecher in einer über arabische Satelliten-Sender verbreiteten Stellungnahme. Damaskus, Machtzentrum von Machthaber Baschar al-Assad war bislang weitgehend von Kämpfen verschont geblieben.

Nach Angaben der Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurden am Sonntag in Syrien 105 Menschen getötet - 48 Zivilisten, 16 Rebellen und 41 Soldaten. Die Beobachtungsstelle beziffert die Gesamtzahl der Toten seit dem Beginn des bewaffneten Aufstands im März 2011 auf mehr als 17.000. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) stuft die Auseinandersetzungen in Syrien mittlerweile offiziell als Bürgerkrieg ein.

Annan und Ban in Moskau und Peking

International für Empörung gesorgt hatte zuletzt der Angriff der syrischen Armee auf die zentralsyrische Ortschaft Tremseh. Die Vereinten Nationen widersprachen indes sowohl der Darstellung des Assad-Regimes als auch der Rebellen über die Gewalt in Tremseh. Den Uno-Beobachtern zufolge galt der Angriff am Donnerstag auf die Ortschaft in der Provinz Hama vor allem desertierten Soldaten und Regimegegnern. "Blutlachen und Gehirnsubstanzen wurden in einer Reihe von Häusern entdeckt", erklärten die Vereinten Nationen. Nach einem zweiten Besuch am Sonntag hieß es von Seiten des Uno-Teams, syrische Regierungstruppen seien nach dem Bombardement von Tremse mit schweren Waffen und Kampfhubschraubern von Tür zu Tür gegangen und hätten die Identität der Bewohner überprüft. Einige seien getötet, andere mitgenommen worden.

Die Opposition hatte den Angriff auf Tremseh als folgenschwerstes Massaker seit Beginn der Proteste gegen Assad im März vergangenen Jahres bezeichnet, bei dem zwischen hundert und zweihundert Menschen ums Leben gekommen seien - vorwiegend Zivilisten. Der syrische Außenministeriumssprecher Dschihad Makdissi erklärte hingegen am Sonntag in Damaskus, der Angriff habe nicht Zivilisten gegolten. Vielmehr habe es sich um eine Militäroperation gegen bewaffnete Kämpfer gehandelt, die Kontrolle über die Ortschaft ergriffen hätten. "Was geschehen ist, war kein Angriff auf Zivilisten", sagte Makdissi. 37 Bewaffnete und zwei Zivilisten seien getötet worden. "Was über den Gebrauch von schweren Waffen gesagt wurde, entbehrt jeder Grundlage", fügte er hinzu.

Im Bemühen um ein geschlossenes Auftreten der internationalen Gemeinschaft im Syrien-Konflikt reist Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon am Montag nach China, während der Sonderbeauftragte Kofi Annan sich zu Gesprächen mit der russischen Führung nach Moskau begibt. Russland werde bei dem Treffen mit Annan seine Unterstützung für den Annan-Friedensplan bekräftigen, teilte der Kreml mit. "Die russische Seite ist der Ansicht, dass der Plan die einzige realisierbare Grundlage für die Lösung der innersyrischen Probleme ist." Im Uno-Sicherheitsrat blockierte die Veto-Macht Russland bislang jede Resolution, die ein schärferes Vorgehen gegen Damaskus ermöglichen würde. Annan war zuletzt Ende März in Moskau.

Unterdessen bot sich Iran als Vermittler im Syrien-Konflikt an. Teheran sei bereit, Opposition und Regierungsvertreter zu Gesprächen einzuladen, meldete die halbamtliche iranische Nachrichtenagentur ISNA am Sonntag unter Berufung auf Außenminister Ali Akbar Salehi. Die Aufständischen dürften der Einladung aus Teheran kaum folgen. Sie lehnen Verhandlungen mit dem Assad-Regime ab und kritisieren die Regierung in Teheran für ihre Loyalität zu Damaskus.

anr/AFP/dpa/Reuters



insgesamt 42 Beiträge
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K.A.Lehnsdal 16.07.2012
1. Syrien
Schwierig zu kommentieren, - da keine bona fide Berichte vorliegen...!
ralf_gabriel 16.07.2012
2. x
Zitat von sysopDPAGranaten werden abgefeuert, die Straße zum Flughafen soll geschlossen worden sein: Die heftigsten Kämpfe seit Beginn des Aufstandes gegen Assad erschüttern Damaskus. Mehrere Menschen starben. Das Internationale Rote Kreuz stuft den Konflikt in Syrien offiziell als Bürgerkrieg ein. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,844518,00.html
"Das Internationale Rote Kreuz stuft den Konflikt in Syrien offiziell als Bürgerkrieg ein" Ein Grund mehr sich rauszuhalten. Aber dafür ist es wohl eh zu spät. Alle Länder rings herum und die weiter entfernten Großmächte rücken schon wieder kräftig Figuren auf dem großen Schachbrett.
citropeel 16.07.2012
3. Sehe ich nicht so
Zitat von ralf_gabriel"Das Internationale Rote Kreuz stuft den Konflikt in Syrien offiziell als Bürgerkrieg ein" Ein Grund mehr sich rauszuhalten. Aber dafür ist es wohl eh zu spät. Alle Länder rings herum und die weiter entfernten Großmächte rücken schon wieder kräftig Figuren auf dem großen Schachbrett.
Globalisierung sollte sich nicht im Wirtschaftlichen erschöpfen. Es gibt auch eine moralische Pflicht dem Morden an der Zivilbevölkerung ein Ende zu setzen. Dem kommt allerdings bisher keiner der sogenannten global Player nach.
Rodri 16.07.2012
4.
Zitat von sysopDPAGranaten werden abgefeuert, die Straße zum Flughafen soll geschlossen worden sein: Die heftigsten Kämpfe seit Beginn des Aufstandes gegen Assad erschüttern Damaskus. Mehrere Menschen starben. Das Internationale Rote Kreuz stuft den Konflikt in Syrien offiziell als Bürgerkrieg ein. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,844518,00.html
Na klar. Wenn ein paar Terroristen getötet werden, ist das Geheule groß, aber wenn 40 Soldaten bei einem Überfall ermordert werden, dann gilt das in den deutschen Medien offenbar als vollkommen normaler Vorgang. Wie wohl Deutschland reagieren würde, wenn Sicherheitskräfte in Berlin massenhaft getötet würden...
themistervolt 16.07.2012
5. Jetzt erst Bürgerkrieg?
Das ist es doch schon lange. Und die "frei syrische Armee" ist kein wehrloser unorganisierter Haufen sondern eine bewaffnete Rebellenarmee, ausgerüstet von Libanon und Saudi Arabien, während Assad von Russland, China und Iran unterstützt wird. Die Situation ist wesentlich verfahrener als in Libyen, wo die Rollen klar verteilt waren: Gaddafi war der böse durchgeknallte Tyrann und die Rebellen waren die Guten. Für Syrien gilt das nur bedingt...
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