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19. September 2016, 21:57 Uhr

Ende der Waffenruhe in Syrien

Hilfskonvoi nahe Aleppo bombardiert

Syrien erklärte die Waffenruhe für beendet, der Krieg geht weiter: Nahe dem belagerten Aleppo haben Kampfjets unter anderem Lastwagen mit Hilfsgütern getroffen.

Die belagerte Stadt Aleppo ist nach Oppositionsangaben wieder heftig unter Beschuss geraten. Syrische oder russische Kampfjets hätten nach dem von Syrien erklärten Ende der Waffenruhe Angriffe auf Rebellen-Gebiete im Zentrum sowie auf Dörfer westlich der Stadt geflogen, teilte die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit. Auch ein Hilfskonvoi wurde demnach attackiert.

Der Angriff syrischer oder russischer Flugzeuge habe mehrere Laster getroffen, die Hilfsgüter im Auftrag einer internationalen Organisation transportiert hätten. Bei den Angriffen habe es zahlreiche Tote und Verletzte gegeben, hieß es. Die Angaben aus dem Kriegsgebiet sind nur schwer überprüfbar, die Informationen der Beobachtungsstelle haben sich in der Vergangenheit aber häufig als richtig herausgestellt. Das syrische Militär äußerte sich zunächst nicht zu dem Zwischenfall.

Russland unterstützt Syrien im Kampf gegen Aufständische. Auch ein Sprecher der Rebellen berichtete von heftigen Angriffen auf Aleppo. Dabei würden alle Arten von Waffen eingesetzt. "Es ist richtig schlimm", sagte er.

Syrien hatte erst am Montag erklärt, das vor rund einer Woche für das Bürgerkriegsland vereinbarte "Regime der Ruhe" gelte nicht mehr. Auch Rebellenvertreter sagten, die Waffenruhe sei faktisch gescheitert.

Am Wochenende waren bei einem US-geführten Luftangriff auf syrische Regierungstruppen Dutzende Soldaten getötet worden. Dies hatte zu Spannungen zwischen den USA und Russland geführt, die sich auf die Feuerpause verständigt hatten, um eine Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und Hilfsgütern und Verhandlungen über einen dauerhaften Frieden zu ermöglichen.

Trotz der Kämpfe wollten die USA die Waffenruhe zunächst noch nicht aufgeben. Man sei bereit, die Feuerpause zu verlängern, erklärte der Sprecher des Außenministeriums, John Kirby. Man werde mit der russischen Seite beraten und sie weiter dazu drängen, ihren Einfluss auf das Regime von Baschar al-Assad geltend zu machen.

Russland erhebt Vorwürfe gegen die USA

Kirby erklärte, man habe die Vereinbarung mit Russland getroffen. Moskau sei dafür verantwortlich, dass sich das syrische Regime daran halte. "Wir erwarten, dass Russland Klarheit über die eigene Position schafft." Außenminister John Kerry zeigte sich bei einem Auftritt in New York irritiert über die Aufkündigung der Waffenruhe von syrischer Seite: "Es wäre gut, wenn sie nicht zuerst mit der Presse reden würden, sondern mit den Leuten, die das tatsächlich verhandeln."

Russland reagierte auf die amerikanischen Äußerungen zunächst nicht. Die Nachrichtenagentur Interfax meldete ohne Nennung weiterer Details lediglich, dass sich der syrische Botschafter in Moskau, Riad Haddad, mit Vize-Außenminister Michail Bogdanow getroffen habe.

Russland erhob am Montag zunächst heftige Vorwürfe gegen die USA. Sie hätten nicht eine der Anfang des Monats ausgehandelten Vereinbarungen eingehalten, erklärte Generalleutnant Sergej Rudskoi vom russischen Generalstab in Moskau. Syriens Machthaber Assad kritisierte den Angriff der US-geführten Koalition auf syrische Truppen am Wochenende als "offene amerikanischen Aggression", die der Terrororganisation "Islamischer Staat" diene. "All das gefährdet natürlich die Waffenruhe", sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow. Syriens Armee sei die einzige Seite gewesen, die die Feuerpause eingehalten habe.

Nach sieben Tagen Waffenruhe sollte eigentlich die nächste Stufe der Vereinbarung zwischen den USA und Russland umgesetzt werden. Diese sieht vor, dass beide gemeinsam und koordiniert gegen Terrorgruppen IS oder die Fatah-al-Scham-Front (früher: al-Nusra), die eng mit dem Terrornetzwerk al-Qaida verbunden ist.

40 Lastwagen mit Uno-Hilfsgütern an der Grenze zur Türkei müssten hingegen weiter warten, erklärte ein Uno-Sprecher. Sie sollen notleidende Menschen in den belagerten Rebellengebieten von Aleppo versorgen. Uno-Syrienvermittler Staffan de Mistura hatte in der vergangenen Woche erklärt, bislang hätten die Lastwagen von der syrischen Regierung kein grünes Licht bekommen.

apr/dpa/Reuters

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