Bürgerkrieg in Syrien Menschenrechtler machen Assad für weitere Massaker verantwortlich

Die Welt diskutiert über Assads Chemiewaffen, doch die größte Gefahr für Syriens Zivilisten lauert woanders. Regimetruppen gehen rücksichtslos gegen das Volk vor. Bei zwei Massakern in syrischen Städten sollen die Schergen des Diktators Männer, Frauen und Kinder kaltblütig getötet haben.
Tote in Baida: "Es gibt immer noch Mütter, die glauben, dass ihre Söhne am Leben sind"

Tote in Baida: "Es gibt immer noch Mütter, die glauben, dass ihre Söhne am Leben sind"

Foto: Anonymous/ AP/dpa

Am Morgen des 2. Mai fängt es an. Um 7 Uhr kommt ein kleiner Trupp Sicherheitskräfte des Assad-Regimes, um in Baida nahe der Mittelmeerküste ein paar Männer festzunehmen, die von der syrischen Armee desertiert waren. Es wird geschossen, die Deserteure können entwischen.

Gegen Mittag treffen weitere Soldaten der Assad-Spezialkräfte und regimetreue Milizen ein. Sie ziehen von Haus zu Haus. Meist trennen sie die Männer und Jungen von den Frauen und Mädchen, und ziehen sie auf die Straße. Schüsse in den Kopf, Schüsse in die Augen. In wenigen Stunden exekutieren die Sicherheitskräfte im von Sunniten bewohnten Teil von Baida mindestens 167 Menschen, darunter 14 Kinder und 23 Frauen.

So beschreiben es ein am Freitag veröffentlichter Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW)  und ein am Mittwoch erschienener Bericht der Uno-Menschenrechtskommission . Die "New York Times" kam zum selben Ergebnis .

Am Nachmittag des 2. Mai treffen in der nahe gelegenen Stadt Banias die Schreckensnachrichten ein. Auch hier wächst im sunnitischen Viertel die Angst. Sind wir als nächstes dran? Einige Menschen wollen das Stadtviertel verlassen, nur ein Weg führt heraus über eine Brücke zu einem Checkpoint. Die Wachmänner dort, Sicherheitskräfte des Assad-Regimes, schicken die Menschen zurück. Keiner darf heute durch den Kontrollpunkt. Panik macht sich breit. Einige flüchten über kleine Trampelpfade. Das Militär fängt an, den Stadtteil mit Artillerie zu beschießen. Die Menschen sind dem Beschuss hilflos ausgeliefert.

Assads Männer verbrennen Leichen und plündern

Eine Stunde lang dauert das Bombardement. Dann kommen am Abend die Soldaten und Milizionäre. Auch hier gehen sie von Haus zu Haus. Am Ende sind mindestens 81 Menschen tot, hingerichtet mit Kopf- und Brustschuss in den Straßen, davon 29 Kinder und 22 Frauen. Die Uno geht davon aus, dass in Banias am 2. Mai bis zu 200 Menschen ermordet worden sein könnten. Sie fordert seit zwei Jahren das syrische Regime auf, die Uno-Menschenrechtler ins Land reisen zu lassen, um die Verbrechen zu untersuchen. Doch Damaskus erlaubt dies nicht.

Wie in Baida stecken die Sicherheitskräfte in Banias anschließend Häuser und Leichen in Brand. Sie plündern, sie stehlen, dann ziehen sie davon. Von manchen Menschen bleibt nicht mehr als ein zur Unkenntlichkeit verbrannter schwarzer Klumpen mit Armen und Beinen übrig.

"Wir haben immer noch Frauen, die sich weigern zu glauben, dass ihre Kinder und Männer getötet wurden", erzählt eine Einwohnerin von Baida Human Rights Watch. "Sie sagen: 'Er muss doch noch am Leben sein. Ich habe seine Leiche nicht gesehen.' Es gibt immer noch Mütter, die glauben, dass ihre Söhne am Leben sind. Wissen Sie, 'ein Ertrinkender hält sich auch an einem Strohhalm fest.'"

Immer wieder grausame Massaker verübt, auch durch Rebellen

"Während die Welt sich darauf konzentriert sicherzustellen, dass Syriens Regierung nicht mehr Chemiewaffen gegen seine Bevölkerung einsetzt, sollten wir nicht vergessen, dass syrische Regierungskräfte konventionelle Methoden benutzt haben, um Zivilisten zu massakrieren", sagt Joe Stork, Leiter der Nahost-Abteilung bei Human Rights Watch.

Über 100.000 Menschen wurden seit 2011 in dem Konflikt in Syrien getötet, die überwiegende Mehrheit davon vom syrischen Regime. Viele Menschen sterben als "Kollateralschaden", wenn Damaskus Wohngebiete bombardiert und mit Raketen beschießt, weil sie nicht mehr der Kontrolle des Regimes unterstehen. Immer wieder kommt es zu Massakern wie in Baida.

Auch die Rebellen begehen Menschenrechtsverletzungen. Der Uno-Bericht wirft ihnen vor, am 11. Juni nach Kämpfen gegen die schiitischen Milizen des Dorfes Hatla im Nordosten Syriens dort mindestens 30 Zivilisten getötet zu haben, hauptsächlich Frauen, Kinder und Ältere. Noch haben Rebellengruppen nicht so viele Massaker begangen wie Regime-Kräfte und nach bisheriger Erkenntnis auch noch nicht in derart großem Stil. Doch dies könnte sich ändern. Der Krieg wird mit äußerster Brutalität geführt.

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