Kampf um syrische Provinz Idlib Flucht aus dem Inferno

Mehr als 200.000 Zivilisten sind auf der Flucht vor dem Winterkrieg in der syrischen Provinz Idlib. Das von Russland unterstützte Assad-Regime will die Dschihadisten in der letzten Rebellenhochburg vernichten.
Hauptsache, weg: Syrer verlassen Idlib

Hauptsache, weg: Syrer verlassen Idlib

Foto: Aaref Watad/ AFP

Sie wissen nicht, wohin. Zehntausende Menschen sind in der vergangenen Woche jeden Tag vor den Angriffen der syrischen und russischen Armee an die syrisch-türkische Grenze geflohen.

Die Flüchtlingslager sind heillos überfüllt. Es regnet. Es ist kalt. Die Menschen wollen raus aus Syrien. Doch der Fluchtweg ist verbaut. Die Türkei hat die Grenze mit einer Mauer abgeriegelt.

Russland, Iran und das Regime von Syriens Diktator Baschar al-Assad treiben ihre Offensive auf die Provinz Idlib, die letzte verbliebene Rebellenhochburg im Nordwesten Syriens, unterdessen gnadenlos voran.

Russland verspricht Assad-Regime humanitäre Hilfe

Erst in der Woche vor Weihnachten war Russlands stellvertretender Regierungschef Juri Borissow nach Damaskus gereist und hatte sich dort mit Assad getroffen. Offiziell ging es bei dem Treffen vor allem um den Ausbau der bilateralen Handelsbeziehungen und den Wiederaufbau Syriens.

Ein Teppich und Stühle: Die Menschen laden bei ihrder Flucht ihr Hab und Gut auf ihre Fahrzeuge

Ein Teppich und Stühle: Die Menschen laden bei ihrder Flucht ihr Hab und Gut auf ihre Fahrzeuge

Foto: MUHAMMAD HAJ KADOUR/ AFP

Unter anderem plant der Kreml der Agentur Interfax zufolge in den kommenden vier Jahren rund eine halbe Milliarde Dollar in den Ausbau des Mittelmeerhafens in Tartus zu investieren, der zugleich ein wichtiger exterritorialer Marinestützpunkt für Russland ist. Auch 100.000 Tonnen Getreide versprach Borissow dem syrischen Regime als humanitäre Hilfe.

Bei den hungernden Zivilisten in Idlib wird diese nie ankommen. Für sie ist Idlib, die Stadt und die gleichnamige Provinz, zu einer tödlichen Falle geworden. Die Vereinten Nationen berichten von massiven Bombardements auf Städte wie Maraat al-Numan und Saraqeb.

235.000 Zivilisten auf der Flucht

Bei einem Raketenangriff auf eine Schule in der Ortschaft Jobas starben diese Woche nach Angaben der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte mindestens zehn Menschen, darunter sechs Kinder.

Nach Uno-Angaben sind mittlerweile 235.000 Zivilisten aus Idlib geflohen. Ein Ende ist nicht in Sicht. Denn der syrische Bürgerkrieg geht in eine womöglich letzte, grausame Runde.

Flucht vor dem Tod: Konvois in Idlib

Flucht vor dem Tod: Konvois in Idlib

Foto: AREF TAMMAWI/ AFP

Es gibt kaum ein Tabu, das Assad mit der Hilfe Russlands und Irans in diesem Krieg nicht gebrochen hat: Er hat Krankenhäuser und Schulen bombardiert, Giftgas eingesetzt, ganze Städte aushungern lassen. Auf diese Weise hat er Syrien Stück für Stück zurückerobert.

Dschihadisten wollen Idlib gegen alle Angriffe verteidigen

In Idlib haben sich, neben bis zu drei Millionen Zivilisten, mehrere zehntausend Rebellen verschanzt, die meisten von ihnen Dschihadisten der Miliz Hayat Tahrir al-Scham (HTS). Sie haben bereits angekündigt, Idlib um jeden Preis zu verteidigen.

Noch vor einem Jahr sah es für einen kurzen Moment so aus, als könnte der Konflikt um Idlib politisch gelöst werden. Russlands Präsident Wladimir Putin und sein türkischer Amtskollege Recep Tayyip Erdogan, der die Rebellen in Idlib unterstützt, hatten sich auf die Schaffung einer Pufferzone verständigt: Putin blies die Offensive auf Idlib ab, dafür sollte Erdogan die HTS-Miliz abrüsten.

Beides hat nicht funktioniert. Erdogan hat die HTS nicht unter Kontrolle bekommen. Und Assad ließ nicht von seinem Plan ab, Syrien vollständig zurückzuerobern. So war es nur eine Frage der Zeit, bis das syrische Regime, Russland und Iran die Provinz abermals unter Beschuss nehmen würden.

Syrische Truppen haben türkischen Beobachtungsposten umstellt

Erdogan versucht nun, das Schlimmste zu verhindern. Eine türkische Delegation reiste zu Wochenbeginn nach Russland, um für eine Waffenruhe zu werben. Es sieht jedoch nicht danach aus, als könnte Ankara den Vormarsch auf Idlib stoppen.

Russlands Außenminister Sergej Lawrow und sein syrischer Amtskollege Walid Muallem trafen sich ebenfalls diese Woche, einen Tag vor Weihnachten. Sie bekräftigten das gemeinsame Ziel, Syrien wieder vollständig unter die Kontrolle des Diktatoren von Damaskus zu bringen.

Sergej Lawrow und sein syrischer Amtskollege Walid Muallem

Sergej Lawrow und sein syrischer Amtskollege Walid Muallem

Foto: SHAMIL ZHUMATOV/ REUTERS

Dessen Truppen haben bereits einen der zwölf Beobachtungsposten der türkischen Armee in Idlib umstellt. Sollte sich Erdogan nicht doch noch auf einen Deal mit Putin verständigen, wird er seine Truppen wohl bald aus Nordwestsyrien abziehen müssen.

Die USA haben sich bereits fast vollständig aus Syrien zurückgezogen - auf Befehl von Präsident Donald Trump. Der warnte nun Russland, Iran und Syriens Regime via Twitter davor, Idlib weiter zu bombardieren und Tausende unschuldige Zivilisten zu töten. "Tut es nicht!", schrieb er. Realistischer ist, dass der Krieg auch im neuen Jahr weitergeht, Idlib ein Inferno wird.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.