Umkämpftes Palmyra in Syrien Stadt der Ruinen, Ort der Folter

Der IS rückt auf Palmyra vor, die antiken Ruinen in dem Ort sind in Gefahr. Was bei aller Sorge um die Welterbestätte in Vergessenheit gerät: In der Stadt leiden Hunderte Syrer in einem Foltergefängnis des Assad-Regimes.
Ruinen von Palmyra: Touristen kommen wegen des Krieges schon seit Jahren nicht mehr her

Ruinen von Palmyra: Touristen kommen wegen des Krieges schon seit Jahren nicht mehr her

Foto: AFP PHOTO / HO / SANA

Zwischen Touristenparadies und Folterkerker liegen weniger als zwei Kilometer. Bis zum Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien kamen Hunderttausende Besucher Jahr für Jahr in die Wüstenstadt Palmyra, um die antiken Ruinen zu bewundern: die fast einen Kilometer lange, von Kolonnaden gesäumte Prachtstraße, das Amphitheater, den Baal-Tempel.

Für historisch interessierte Urlauber hatte Palmyra einen fast schon magischen Klang. Das ist vorbei: Seit Beginn der Unruhen in Syrien vor vier Jahren haben sich kaum noch Touristen ins Land getraut. Nun rücken Kämpfer der Terrormiliz "Islamischer Staat" aus der umliegenden Wüste auf die Oase vor.

Für viele Syrer ist der Name Tadmur, wie die Stadt auf arabisch heißt, ohnehin nicht mit Urlaubsvergnügen, sondern mit Horror verbunden. Denn in dem kleinen Ort, der gleich neben dem Ruinenfeld liegt, befindet sich eines der berüchtigtsten Foltergefängnisse des Assad-Regimes.

Das Massaker von 1980

Hafiz al-Assad, der Vater des derzeit amtierenden Diktators Baschar, hatte dort seit den Siebzigerjahren Regimegegner interniert. Die meisten von ihnen waren Anhänger der islamistischen Muslimbrüder, die ohne Anklage und ohne fairen Prozess einfach in dem Wüstengefängnis verschwanden.

Nach einem gescheiterten Attentatsversuch auf Assad Senior ordnete dieser eine Vergeltungsaktion gegen die Islamisten im Gefängnis von Tadmur an. Unter dem Kommando von Hafiz' Bruder Rifaat drangen am Morgen des 27. Juni 1980 Soldaten in die Haftanstalt ein. In den folgenden Stunden töteten die Schergen des Diktators zwischen 500 und 1000 Insassen.

Vier Jahre später, 1984, wurde der Student Bara Sarraj in dem Gefängnis interniert. Neun Jahre war er ohne Anklage eingesperrt, nach seiner Freilassung emigrierte Sarraj in die USA und studierte Medizin in Harvard. In seinen Memoiren beschreibt er die Stadt Tadmur als "eine Symphonie der Angst" . Insassen seien auf bestialische Art gefoltert worden, willkürlich hätten Wärter Gefangene für Hinrichtungen ausgewählt. Irgendwann fing Sarraj an, sich als erster für Folterungen zu melden. "Die Angst ist schlimmer als der Schmerz", schreibt er.

Blick auf die Neustadt von Tadmur: Die Einwohner geraten zwischen die Fronten

Blick auf die Neustadt von Tadmur: Die Einwohner geraten zwischen die Fronten

Foto: AFP

Baschar al-Assad ließ das Gefängnis kurz nach seiner Amtsübernahme 2001 schließen. Es war einer der Schritte, die bei Oppositionellen in Syrien und Beobachtern im Ausland die Hoffnung aufkeimen ließen, der junge Staatschef könnte mit dem Erbe seines Vaters brechen und einen Reformkurs einschlagen.

Diese Hoffnungen zerschlugen sich spätestens im Frühjahr 2011, als Assad seine Armee auf friedliche Demonstranten feuern ließ. Bald darauf, im Juni 2011 ließ der Diktator das Gefängnis in Tadmur wiedereröffnen. Hunderte Oppositionelle, die an Protesten gegen das Regime teilgenommen hatten, wurden dort eingesperrt. Wieviele Menschen in dem abgelegenen Gefängnis derzeit einsitzen, weiß niemand.

Der IS braucht einen Propagandaerfolg

Den Terroristen des IS geht es bei ihrer Offensive gegen Palmyra ohnehin nicht darum, die Gefangenen zu befreien. Der Ort ist aus anderen Gründen strategisch wichtig: In der Umgebung liegen zum einen wichtige Gasfelder, die sich die Dschihadisten als Einnahmequelle sichern wollen. Die Miliz hatte das Schaer-Gasfeld, etwa hundert Kilometer westlich von Palmyra, bereits vor knapp einem Jahr erobert, nach wenigen Wochen konnte das syrische Regime das Gebiet jedoch zurückerobern.

Zum anderen ist Palmyra für die Regierungstruppen wichtig, weil sich am Rande des Ortes zwei Flugplätze befinden. Hier hat die Armee ein Munitionslager, es ist einer der letzten Militärstützpunkte im Osten des Landes, der noch vom Regime kontrolliert wird. Sollte der IS Palmyra überrennen, trennen die Dschihadisten nur noch etwas mehr als 200 Kilometer Wüste vom Großraum Damaskus.

Für den IS wäre die Eroberung Palmyras nicht nur strategisch bedeutend, auch für die Propaganda der Terroristen wäre die Einnahme wichtig. Der IS-Vormarsch in Syrien stockt seit Monaten: Im kurdischen Kobane hat die Miliz ihre bislang größte Niederlage erlitten, in der nordwestlichen Provinz Idlib sind die Kämpfer der mit IS-verfeindeten Nusra-Front auf dem Vormarsch. Um in dem Kräftemessen der Dschihadisten zu punkten, benötigt der IS nun dringend einen Erfolg in Palmyra.

Die US-geführte Militärkoalition gegen die Terroristen hat bislang nicht in den Kampf um die Wüstenstadt eingegriffen. Das Pentagon will zwar den IS bekämpfen, dabei aber nicht die Regimetruppen retten, die Palmyra verteidigen.


Zusammengefasst: Die Terrormiliz "Islamischer Staat" braucht einen Propagandaerfolg in Syrien. Deshalb rücken die Dschihadisten auf die Stadt Palmyra vor. Dort befinden sich eine antike Welterbestätte und ein Foltergefängnis des Assad-Regimes. Strategisch wichtig ist die Wüstenoase aber wegen der Gasfelder in der Umgebung.