Syrien, Irak, Afghanistan Warum mehr Menschen nach Europa fliehen

Die Zahl der Syrer, Afghanen und Iraker, die ihre Länder Richtung Europa verlassen, dürfte weiter steigen. Aber nicht nur wegen der Gewalt in diesen Ländern: Zum Teil stecken ganz andere Konflikte in der Region dahinter.
Wenn kein Nachbarland mehr geht: Flüchtlinge erreichen die griechische Insel Lesbos, Oktober 2019

Wenn kein Nachbarland mehr geht: Flüchtlinge erreichen die griechische Insel Lesbos, Oktober 2019

Foto: Christopher Furlong/ Getty Images

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan schreckt nicht davor zurück, Flüchtlinge als Druckmittel zu missbrauchen. Am Donnerstag drohte er der EU: "Wir werden die Türen öffnen, und 3,6 Millionen Menschen werden zu euch kommen." Zudem scheint Erdogan mit seinem Einmarsch in den Nordosten des Landes gerade viel dafür zu tun, weitere Menschen in Syrien zur Flucht zu zwingen. Zehntausende haben die Grenzregionen Ras al-Ain und Tall Abjad in Richtung syrisches Inland verlassen, berichten internationale Hilfsorganisationen.

Auch greift die türkische Armee unter anderem Qamischli an, eine Stadt, die bisher in dem über acht Jahre andauernden Konflikt weitgehend verschont geblieben war. Trotzdem hatten einige Syrer den Ort schon vor Jahren verlassen. Nicht allein wegen möglicher Kriegsgefahren: Die dort regierende syrisch-kurdische Miliz hatte das Bildungssystem umgekrempelt. Schulzeugnisse aus Qamischli waren nichts mehr wert in Syrien, der Weg an Universitäten versperrt. Also gingen viele Familien lieber.

Flüchtlingsbewegungen lassen sich nicht immer leicht vorhersagen. Das gilt besonders für die Flucht aus den Kriegsgebieten des Nahen und Mittleren Ostens nach Europa. Denn die allermeisten Menschen bleiben in der Region. Sie bringen sich innerhalb ihres eigenen Landes in Sicherheit oder flüchten ins Nachbarland. Nur wenige reisen weiter.

Von den insgesamt knapp 20 Millionen Syrern sind beispielsweise 6,2 Millionen innerhalb Syriens auf der Flucht. 5,5 Millionen sind in Syriens Nachbarländern als Flüchtlinge registriert. Über eine Million lebt in Europa, davon rund 780.000 in Deutschland.

Auslöser zur Weiterreise sind oft Ereignisse, die in Europa kaum beachtet werden. Manchmal hat sich nicht unbedingt die Situation im Heimatland wesentlich verändert, wohl aber die im bisherigen Gastland: Die Lage dort wird prekärer, neue Restriktionen werden eingeführt, Türen verschließen sich. Und das betrifft zurzeit viele Länder im Nahen und Mittleren Osten.

Türkei: Stimmungswandel mit Folgen

So kommen wieder deutlich mehr Menschen aus der Türkei auf den Ägäisinseln an. Im September waren es mit 10.551 so viele wie seit dem Inkrafttreten des EU-Abkommens mit der Türkei im März 2016 nicht mehr, fast dreimal so viele wie im Vergleich zum Vorjahresmonat .

Dieser Trend dürfte sich weiter beschleunigen. Die Türkei ist das Land, das weltweit die meisten Flüchtlinge beherbergt - 3,7 Millionen Syrer, aber auch rund 150.000 Afghanen. Nachdem Erdogan die Syrer lange großzügig aufgenommen hatte, steht er nun deswegen innenpolitisch unter Druck. Viele Türken haben genug von den Flüchtlingen in ihrer Heimat. Dazu kommt, dass die türkische Wirtschaft nach Jahrzehnten des Booms in der Krise steckt. Inzwischen hat Ankara damit angefangen, Afghanen und Syrer zwangsweise zu deportieren. Im September kündigte Erdogan sogar an, eine Million Syrer nach Nordsyrien umsiedeln zu wollen.

Der Stimmungswechsel verunsichert: Viele Syrer in der Türkei fragen sich, ob sie dort tatsächlich eine Zukunft haben - oder ob sie lieber weiter nach Europa ziehen sollten. Nach Syrien zurückzukehren, ist derzeit für kaum jemanden eine Option, denn der Krieg ist nicht vorbei; junge Männer werden als Kanonenfutter verheizt oder als mutmaßliche politische Gegner gefoltert. Zudem ist die Wirtschaft des Landes am Boden.

Iran: Atomkonflikt mit Nebenwirkung

Auch Iran gehört zu den wichtigsten Gastländern der Welt: Das Land beherbergt etwa eine Million als Flüchtlinge registrierte Afghanen. Zudem leben dort nach Schätzungen knapp zwei Millionen nicht registrierte Afghanen.

Doch im vergangenen Jahr ist eine Rekordzahl von rund 780.000 Afghanen aus dem Iran nach Afghanistan zurückgekehrt. Dieses Jahr werden es nach Schätzungen der Internationalen Organisation für Migration  (IOM) noch einmal weitere 570.000 sein. Schuld daran ist die schwierige Wirtschaftslage im Iran infolge der US-Sanktionen im Atomstreit. Irans stellvertretender Außenminister Abbas Araqchi drohte im Mai sogar damit, Afghanen nach Europa zu schicken, sollte Iran länger unter den Strafmaßnahmen der Amerikaner leiden.

Video: Türkei-Offensive bedroht Sicherheit in Europa

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Die Afghanen aus dem Iran kehren nun zurück in ein Land, in dem die Gewalt wieder zunimmt und das erst 2018 von einer furchtbaren Dürre heimgesucht wurde, die zwei Drittel der Bevölkerung betraf. Das Uno-Flüchtlingshilfswerk und die IOM gehen davon aus, dass Afghanistan mit der Aufnahme so vieler Menschen überfordert sein wird und sich viele daher erneut auf den Weg machen werden - manche wohl auch nach Europa.

Irak: Keine Alternativen

Auch im Irak braut sich etwas zusammen. Vergangene Woche demonstrierten in Bagdad Tausende junge Männer gegen Korruption und Misswirtschaft. Sie fordern tiefgreifende Reformen, zu denen die Regierung kaum fähig sein dürfte. Die Proteste wurden blutig niedergeschlagen, zumindest vorerst. Doch die Probleme bestehen weiter und verschärfen sich. Jährlich kommen mehr Uniabsolventen auf den Arbeitsmarkt, ohne Aussicht, einen Job zu finden. Dazu kommt: Der Krieg gegen den"Islamischen Staat" (IS) könnte im Irak infolge der Eskalation in Nordsyrien wieder aufflammen.

Doch viele Fluchtorte innerhalb der Region fallen mittlerweile aus. Als im Irak 2003 nach dem Einmarsch der US-Truppen die Gewalt explodierte, flüchteten bis zu 1,5 Millionen Iraker nach Syrien, rund 500.000 nach Jordanien. Dies wäre heute kaum möglich: In Syrien herrscht Krieg, Jordanien verlangt von Irakern inzwischen Visa. Es hat bereits rund 650.000 Syrer aufgenommen und will keine weiteren Flüchtlinge mehr.

Wenn die Nachbarn als Gastländer zunehmend ausfallen, könnte dies die Fluchtbewegungen verschieben: Statt in der Region zu bleiben, könnten mehr Menschen als bisher direkt Europa in den Blick nehmen.

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