Brandstifter im Nahen Osten Feuer als Waffe

Ob in Israel, im Irak oder in Syrien: Das Feuerlegen kehrt als Mittel der Kriegsführung in den Nahen Osten zurück. Die Taktik der Täter ähnelt sich, ihre Motive sind verschieden.

REUTERS/Amir Cohen

Von und Thies Schnack (Video)


Der drohende "Flächenbrand in Nahost" gehört zu den Floskeln, die man sich als Journalist sparen sollte. Doch an dieser Stelle ist sie mal angebracht: Denn in den vergangenen Wochen sind im Irak, in Syrien und in Israel Hunderte Quadratkilometer Ackerland abgebrannt.

  • Im Irak hat es seit Anfang Mai auf über 1000 Quadratkilometern gebrannt.
  • In Syrien verwüsteten Brände seit Anfang Mai mindestens 400 Quadratkilometer Land.
  • In Israel brannte es zwischen Mai 2018 und Mai 2019 auf rund 35 Quadratkilometern in der Nähe des Gazastreifens.

Fast alle Brände wurden absichtlich entfacht. Von Terroristen, von Armeen, von Erpressern. Sie haben diese mittelalterlich anmutende Kriegstaktik zurück in den Nahen Osten gebracht.

Militante Palästinenser: Brandstiftung als Terrortaktik

Im April 2018 begannen militante Palästinenser, Drachen und Ballons mit brennbaren Flüssigkeiten über den Grenzzaun gen Israel fliegen zu lassen. Anlass waren die Proteste rund um den sogenannten Marsch der Rückkehr. Nach Angaben der israelischen Feuerwehr haben die fliegenden Molotowcocktails mehr als 2000 Brände verursacht - keine existenzielle Bedrohung für Israels Landwirtschaft, aber sie terrorisieren die Bevölkerung in der Nähe des Gazastreifens. Gleichzeitig provozieren sie, anders als Raketenangriffe auf israelische Städte, keine militärische Antwort der israelischen Armee.

Die meisten dieser Brandanschläge reklamiert die Gruppe "Zawaris Söhne" für sich. Die Täter beziehen sich damit auf Mohamed al-Zawari; der Tunesier galt als Chef des Drohnenprogramms der Hamas und wurde 2016 in der tunesischen Stadt Sfax erschossen. Die Hamas macht den israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad für die Tat verantwortlich.

Mitglied von "Zawaris Söhne" mit Brennballons im Gazastreifen
Facebook-Seite "Zawaris Söhne"

Mitglied von "Zawaris Söhne" mit Brennballons im Gazastreifen

"Zawaris Söhne" brüsten sich auf Facebook mit ihren Taten, ihre Mitglieder posieren mit Guy-Fawkes-Masken. Nach Einschätzung der israelischen Behörden hat die Hamas erhebliche Kontrolle über die Gruppe - danach kann sie die Angriffe verstärken oder stoppen, wie es ihr passt. Auch nach der jüngsten Waffenruhe zwischen Hamas und Israel Anfang Mai ließen "Zawaris Söhne" noch Brandballons Richtung Israel fliegen.

"Islamischer Staat": Brandstiftung als Mittel der Erpressung

Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) ist im Irak und in Syrien zwar nicht mehr in der Lage, Land zu erobern. Aber sie kann Land verwüsten. Das haben die Dschihadisten zuletzt dutzendfach getan. Nach einer Auswertung der Rechercheplattform "Bellingcat" sind allein im Mai bei rund 50 Feuern mehr als tausend Quadratkilometer Ackerland und Obstplantagen in den nordirakischen Provinzen Diyala, Kirkuk und Ninawa abgebrannt.

In seinem wöchentlichen Propaganda-Newsletter "al-Naba" brüstete sich der IS Ende Mai und Anfang Juni gleich zwei Mal damit, dass seine Kämpfer Getreidefelder auf riesigen Flächen niedergebrannt hätten. Das Land gehöre schiitischen oder kurdischen Bauern - oder aber sunnitischen Stämmen, die mit der Regierung in Bagdad kooperieren, behauptet der IS.

Der IS nennt die Terroraktionen zynisch "Ernte". Ziel ist es, Nicht-Sunniten aus dem Gebiet zu vertreiben. Zudem wollen die Islamisten Geld erpressen. Bauern im Irak berichten, der IS wie auch normale Kriminelle würden ihnen mit dem Niederbrennen ihrer Felder drohen, sollten sie kein Geld zahlen.

Für die Brandstiftungen nutzen die Dschihadisten einfachste Mittel. In seiner Propaganda zeigt der IS, wie man schon mit einem Brennglas ein Getreidefeld anstecken kann. In anderen Fällen nutzten die Terroristen kleinere Sprengsätze. Feuerwehrleute berichten, dass die Brandstifter mitunter weitere Sprengfallen in den Feldern verstecken, um die Löscharbeiten zu sabotieren.

Syrische Armee: Brandstiftung durch geächtete Munition

Die Provinz Idlib war immer eine der Kornkammern Syriens. Doch in diesem Jahr verlieren viele Bauern ihre Ernte. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) hat Satellitenbilder ausgewertet und kommt zu dem Schluss, dass es allein seit dem 10. Mai auf mehr als 400 Quadratkilometern gebrannt hat.

HRW hat dokumentiert, dass die syrische, aber auch die russische Luftwaffe mehrfach völkerrechtlich geächtete Brandmunition eingesetzt und dadurch Ackerbrände ausgelöst haben. In anderen Fällen waren die Feuer offenbar Kollateralschäden von Kämpfen. Auch in dem Gebiet, das unter Kontrolle des Regimes steht, sind in den vergangenen Wochen Brände ausgebrochen - offenbar ausgelöst durch Artilleriebeschuss der Rebellen in Idlib.

Satellitenaufnahme von brennenden Feldern in Idlib
Maxar Technologies/ AP

Satellitenaufnahme von brennenden Feldern in Idlib

Die Folgen sind dramatisch: Die Getreidepreise in der Region sind in den vergangenen Wochen deutlich gestiegen. Auch die Zahl jener Menschen, die auf humanitäre Hilfe von außen angewiesen sind, dürfte sich erhöhen. Das Uno-Amt für die Koordination humanitärer Angelegenheiten äußerte sich "tief besorgt": Die Versorgung von Millionen Menschen stehe auf dem Spiel.

Seit Anfang der Woche sind auch im Nordosten Syriens zahlreiche Getreidefelder in Brand gesetzt worden. Das Gebiet steht unter Kontrolle der von kurdischen Milizen dominierten "Syrischen Demokratischen Kräfte". Hier machen sich verschiedene Parteien gegenseitig für die Feuer verantwortlich: Einige beschuldigen türkische Grenztruppen der Brandstiftung, andere vermuten das syrische Regime hinter den Brandstiftungen. Und wieder andere beschuldigen Gegner des Assad-Regimes, die verhindern wollten, dass die Kurden Getreide an die syrische Regierung verkauften.



insgesamt 5 Beiträge
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bigfritz 13.06.2019
1. Auch die Hoffnung stirbt, wenn auch vielleicht zuletzt
Da tut man im Kleinen, was man kann, viele leben vegetarisch oder vegan, man vermeidet Verpackungsmüll, besonders Plastik, kauft regionale Bioprodukte, schafft sich vielleicht sogar ein E-Auto an oder fährt Fahrrad. - Und dann sieht man, wie weltweit das Geld für mehr Rüstung ausgegeben wird statt für den Klimaschutz, wie die Staaten bemüht sind ihre Machtsphären auszudehnen, statt endlich die Gefahr zu erkennen und für das gemeinsame Überleben zusammenzuarbeiten, wie neue Kohlekraftwerke gebaut werden, die wahrscheinlich in einer Sekunde mehr CO2 ausstoßen als ein Veganer in Jahren einsparen kann, und wie mit Feuerlegen Krieg geführt wird. Es fällt immer schwerer an eine Rettung unserer Zivilisation zu glauben.
rosinenzuechterin 13.06.2019
2. Haben die dafür auch CO2-Zertifikate?
Dann fehlt ja nur noch ein Tweet von Herrn Trump, dass man von Seiten der USA nichts gegen den Klimawandel tun könne, wenn IS & Co. alle Klimaschutzbemühungen konterkarieren, indem sie Felder anzünden. Aber die USA stehen immerhin bestimmt schon parat, sich als Getreideexporteur an den steigenden Weltmarktpreisen dumm und dusselig zu verdienen.
thequickeningishappening 13.06.2019
3. "Verbrannte Erde" war immer schon Ein Mittel Der Kriegsführung
wobei bei Den Drei genannten Beispielen wohl unterschiedliche Motive zu Grunde liegen dürften. Da geht es vom aushungern Der Bevölkerung ueber Profit durch Verknappung bis hin zur Botschaft.
RocketDogs 13.06.2019
4. Sehr guter Artikel,
Feuer ist auch eine Waffe. In Nordirak, sprich Kurdistan werden die meisten Brände von ISIS gelegt, weil die Farmer sich weigern an ISIS Steuer zu zahlen. Aber bei ISIS ist es nicht nur das Abbrennen der Felder, nein Farmer die sich massiv dagegen wehren bezahlen mit ihrem Leben. Deswegen wurde in Kurdistan (Nordirak) vor vier Wochen eine Special Unit gegründet u.a. Peschmerga und Sicherheitsdiensten, die Farmer vor den Übergriffen von ISIS beschützen sollen.
Reinhold Schramm 15.06.2019
5. Frage: Was geschieht mit den IS-Müttern und Kindern in der BRD?
Die Aktivisten und Rückkehrer des ''Islamischen Staat" in der EU und BRD. Was folgt nach der Aufnahme der IS- Aktivisten: IS-Mütter und ihre geistig manipulierten Kinder und Jugendlichen, in Deutschland? Die (berechtigte) Frage von User: @ ''Grenzpunkt o'', auf Internet.de der Wochenzeitung "der Freitag" am 15. Juni 2019: "Was wollen Sie mit hunderten solcher verrohter Menschen anfangen, wenn die wieder zurück nach Deutschland oder Europa (mit seinen offenen Grenzen) kommen?" – Eine Antwort auf diese (berechtigte) Frage dürfen wir nicht der politischen Rechten und bürgerlich-parlamentarischen AfD überlassen! Dabei stellt sich uns BürgerInnen und Eltern, so auch in Deutschland, die berechtigte Frage: Was geschieht mit den IS-Kindern und IS-Jugendlichen, die mit Billigung ihrer IS-Mütter an das mörderische IS-Handwerk, so auch beim Kopfabschneiden, bei den eingefangenen Gegnern des IS, herangeführt und ausgebildet wurden. – Wie sollen die IS-Mütter und ihre Kinder in die (deutsche und westeuropäische) Gesellschaft integriert werden? Wie sollen die IS-Kinder und IS-Jugendlichen die Tagesstätten und Schulen besuchen können, wenn die reale Gefahr eines destruktiven psychischen Durchbruchs besteht. Wenn diese Kinder und Jugendlichen auch andere Kinder und Erwachsene (lebensgefährlich) angreifen und gefährden könnten? Keine Panik, aber wir müssen uns auch als politische LINKE diese berechtigten Fragen schon stellen. 15.06.2019, R.S.
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