Krieg in Syrien Kämpfe im Regierungsviertel von Damaskus

Syriens Rebellen dringen offenbar immer weiter in die Hauptstadt Damaskus vor: Nach eigenen Angaben liefern sie sich im Regierungsviertel Gefechte mit dem Militär. Die Armee feuert aus Hubschraubern auf die Angreifer.

AP/ SNN

Damaskus/Istanbul - Die Kämpfe in Damaskus weiten sich aus. Nach Angaben von Rebellen gibt es jetzt auch Gefechte nahe dem Gebäude des Ministerrates im Bezirk Ichlas. Die Aufständischen hätten Soldaten angegriffen, hieß es. Das Militär habe schwere Fahrzeuge in der Stadt postiert und errichte Straßenblockaden. Bei den Kämpfen sei mindestens ein Mensch getötet worden.

Aktivisten berichteten zudem, dass das Regime in der Hauptstadt Militärhubschrauber einsetze, um auf mutmaßliche Rebellen zu feuern. Die Regierungstruppen von Machthaber Baschar al-Assad sollen zudem Wohngebiete attackiert haben. Nach Angaben von Aktivisten flüchteten Menschen aus dem großen Stadtviertel Mezze. Auch aus anderen Vierteln und Vororten der Hauptstadt wie in Harasta und Irbin seien neue Gefechte gemeldet worden.

"Wir haben seit 6 Uhr zehn Tote in Irbin und mehr als 100 Verletzte", sagte ein syrischer Aktivist dem SPIEGEL. Inzwischen sei den Armeeeinheiten in den Vororten Harasta und Irbin der Befehl erteilt worden, sich zurückzuziehen. Der Aktivist befürchtete, dass das Regime als nächstes mit allen Kräften aus der Luft die Vororte angreifen wolle.

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Kampf gegen Assad: Der Bürgerkrieg eskaliert
Schon in der Nacht auf Donnerstag hatten sich Rebellen in der syrischen Hauptstadt heftige Gefechte mit dem Militär geliefert. Der arabische Nachrichtensender al-Dschasira berichtete, bei einem nächtlichen Telefongespräch mit einer Bewohnerin sei der Beschuss deutlich zu hören gewesen. Auch im Internet berichteten Oppositionelle von Gefechten in Damaskus.

"Das Regime dreht gerade völlig durch", sagte ein Syrer aus dem hauptsächlich von Palästinensern bewohnten Stadtviertel Yarmouk SPIEGEL ONLINE. Dieses Viertel wird bereits seit dem Wochenende regelmäßig von Regimekräften beschossen. "In den Straßen sind viele Panzer. Wir glauben, das ist jetzt der Endkampf um Damaskus. Wir haben am Mittwochabend erstmals Kämpfer der Opposition auf den Straßen gesehen."

Im Viertel al-Hadschar al-Aswad hätten Rebellen versucht, einen Stützpunkt der Streitkräfte zu stürmen. Anwohner berichteten, zahlreiche Familien seien aus Angst vor Militäroperationen oder Milizenterror aus den Vierteln al-Kabun und al-Midan geflohen.

Assad soll nach Latakia geflogen sein

Die regierungsamtliche Zeitung "Al-Thawra" verbreitete Durchhalteparolen: "Damaskus ist schwer in die Knie zu zwingen, selbst wenn sich die ganze Welt gegen diese Stadt verbünden sollte."

Nach dem schweren Bombenanschlag auf den Krisenstab, bei dem am Mittwoch mehrere von Assads engsten Vertrauten getötet wurden, sollen in verschiedenen Provinzen Soldaten desertiert sein. Ein Aktivist aus der Provinz Idlib sagte, alle Soldaten, die am Militärflughafen Taftanas in Idlib stationiert gewesen seien, seien zu den Revolutionären übergelaufen. Eine unabhängige Überprüfung dieser Angaben war nicht möglich.

Die Rebellen sind zunehmend siegesgewiss: "Der Sturz des Regimes ist in greifbare Nähe gerückt", sagte ein Sprecher des oppositionellen Syrischen Nationalrats (SNC). Der Rebellenkommandant Fajis Amr sagte in der Türkei, dass viele Soldaten nicht mehr gewillt seien, gegen das eigene Volk zu kämpfen. "Der Sieg war noch nie so nah wie jetzt", sagte er der Nachrichtenagentur Reuters.

Unter den Oppositionellen machte sich aber auch die Angst breit, das Regime könne aus Rache in den Protesthochburgen in Damaskus Giftgas einsetzen.

Syrischen Oppositionellen zufolge hält sich Assad derzeit in der Hafenstadt Latakia auf - angeblich bereitet er dort einen Gegenschlag nach dem Angriff auf den Krisenstab vor. Unklar war, ob Assad vor oder nach dem Anschlag nach Latakia gereist war. Oppositionelle hatten nach dem Anschlag am Mittwochabend berichtet, die Präsidentenmaschine sei vom Militärflughafen in Damaskus abgeflogen.

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Mehr als 200 Tote allein am Mittwoch

Mit dem Anschlag auf das Gebäude der Nationalen Sicherheit hatte die Revolte in Syrien erstmals seit ihrem Beginn im März 2011 das Machtzentrum um Assad schwer getroffen. Dabei wurden der Verteidigungsminister Dawud Radschiha und sein Stellvertreter Assif Schaukat, ein Schwager des Präsidenten, sowie der Leiter der zentralen Krisenstelle, Hassan Turkmani, getötet. Weitere Regimevertreter wurden verletzt, zum Teil schwer.

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon verurteilte den Anschlag "entschieden". Ein Sprecher sagte, das Attentat zeige "die unbedingte Notwendigkeit" eines Waffenstillstands in Syrien. Zugleich zeigte sich Ban "sehr besorgt" über den Einsatz schwerer Waffen in Damaskus durch die syrische Armee.

Nach Angaben der in London ansässigen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte sind allein am Mittwoch in ganz Syrien mehr als 200 Menschen getötet worden. Unter den Opfern seien mindestens 124 Zivilisten. In Damaskus, das seit fünf Tagen von heftigen Kämpfen erschüttert wird, habe es 38 Tote gegeben - nicht mitgezählt die drei bei dem Anschlag getöteten Regimegrößen.

Im Uno-Sicherheitsrat soll an diesem Donnerstag über einen neuen Resolutionsentwurf zum Syrien-Konflikt abgestimmt werden. Der von Großbritannien, den USA, Frankreich, Deutschland und Portugal eingebrachte Vorschlag sieht neue Zwangsmaßnahmen vor, sollte sich die syrische Führung nicht an den Friedensplan des Sondergesandten Kofi Annan halten. Russland will die Annahme der Resolution notfalls mit seinem Veto verhindern.

Der russische Staatschef Wladimir Putin und US-Präsident Barack Obama versicherten einander in einem Telefonat nach Angaben des Weißen Hauses ihren Willen zur Zusammenarbeit. Der Kreml verwies zugleich jedoch darauf, dass es weiterhin "Differenzen" zwischen den Regierungen in Washington und Moskau gebe. Die Verlängerung des Mandats der rund 300 unbewaffneten Uno-Beobachter in Syrien, deren Mandat am Freitag ausläuft, unterstützt Russland.

Mitarbeit: Christoph Reuter

hen/ras/dpa/Reuters/dapd

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Seite 1
Layer_8 19.07.2012
1. Lattakia
Zitat von sysopREUTERSImmer mehr syrische Soldaten desertieren, in Damaskus liefern sich Militär und Rebellen heftige Gefechte. Die Aufständischen sehen das Regime kurz vor dem Kollaps - angeblich soll Diktator Assad in die Mittelmeerstadt Lattakia geflogen sein. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,845223,00.html
Früher gabs da mal eine regelmäßige Fährverbindung nach Griechenland (Volos), über Zypern. Und in Zypern könnten ihn die Russen ja abholen, weil dieses EU (!) Land ja schon lange von den Russen sondiert wird. Südzypern meine ich...
Tostan 19.07.2012
2.
---Zitat--- Der von Großbritannien, den USA, Frankreich, Deutschland und Portugal eingebrachte Vorschlag sieht neue Zwangsmaßnahmen vor, sollte sich die syrische Führung nicht an den Friedensplan des Sondergesandten Kofi Annan halten. ---Zitatende--- Hm, was ist mit Zwangsmaßnahmen gegen die Rebellen, falls die sich nicht daran halten? Hoffen wir mal, dass das Blutvergießen bald beendet ist, egal was mit Assad wird. Möchte mal wissen, was der Westen dann für Zwangsmaßnahmen androhen will, falls der Bürgerkrieg auch ohne Assad weitergeht(wie damals im Libanon)...
wolle0601 19.07.2012
3. Tja, Rußland,
Zitat von sysopREUTERSImmer mehr syrische Soldaten desertieren, in Damaskus liefern sich Militär und Rebellen heftige Gefechte. Die Aufständischen sehen das Regime kurz vor dem Kollaps - angeblich soll Diktator Assad in die Mittelmeerstadt Lattakia geflogen sein. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,845223,00.html
das kommt dabei raus, wenn man aus machtstrategischen Gründen Sicherheitsrats-Aktionen blockiert...ich hoffe wirklich, daß euch eine neue syrische Regierung die Quittung für dieses miese Verhalten gibt. Ich glaube ja eher nicht an die langfristig unvermeidliche Strafe für das Böse...aber hier könnte es mal geklappt haben.
abc-xyz 19.07.2012
4. (Mögliche) Flucht nach Latakia
Ich rechne damit, dass der Assad Clan seine letzte Zuflucht in Latakia suchen wird, da es einen ähnlichen Stellenwert hat wie für Gadarri es Sirte war. Diese Stadt und besonders die Umgebung ist stark alevitisch geprägt. Ob Assad allerdings schon jetzt dort ist, kann man noch gerne bezweifeln. Wenn er clever ist, würde er zumindest die Familie (Frau und Kinder) dort hin schicken und selber in Damaskus bleiben, solange wie möglich, denn wenn er schon jetzt geflohen ist, wird Damaskus bald fallen. Egal wie, die Auflösungserscheinungen des Regimes können nicht mehr wegdiskutiert werden. Der totale Zusammenbruch ist ausschließlich eine Frage der Zeit.
Le Commissaire 19.07.2012
5.
Wann endlich werden wir Assad mit Bart und ohne Krawatte im Fernsehen sehen? Wir in Westeuropa können uns -- zum Glück -- gar nicht mehr vorstellen, wie es ist, sich gegen eine Mörderclique, die nie gewählt worden ist, zu erheben. Die Revolutionen 1989 in Osteuropa und Ostdeutschland sind zum Glück (praktisch) ohne Tote abgelaufen, weil sich die jeweiligen Regime nicht entschließen konnten, die eigene Bevölkerung zusammen zu schießen. Dass der Assad-Clan anders tickt, war spätesten seit dem Massaker von Hama 1982 klar, als je nach Schätzung 20.000 bis 30.000 Menschen getöten wurden. Ich hoffe natürlich, dass der Aufstand so schnell wie möglich zum Erfolg führt und so weitere Todesopfer vermieden werden können. Außerdem ist zu hoffen, dass es den Syrern wie den Libyern gelingt, so erstaunlich rasch freie und geordnete Wahlen abzuhalten, die von den interntionalen Beobachtern als absolut einwandfrei beurteilt worden sind. Natürlich wird es auch Rückschläge geben, aber in Europa kam die Demokratie auch nicht über Nacht (und meist auch nicht ohne Gewalt), schon gar nicht in Deutschland. Diktatoren treten nun mal nicht zurück.
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