Gewaltopfer in Syrien Krieg gegen die Kindheit

In Aleppo trägt ein Achtjähriger ein Sturmgewehr, ein Zwölfjähriger hilft als Retter aus - die Gewalt in Syrien hat Millionen Kindern ihre Jugend geraubt. Sie sind die Hauptopfer des Krieges: als Waisen, als Flüchtlinge, als menschliche Schutzschilde und als Kämpfer.


Aleppo - Der kleine Junge bekommt die selbstgebastelte Granate in die Hand gelegt, als wäre es ein Chinaböller. Sein Onkel zündet sie an, der Junge wirft sie, und beide gehen in Deckung. Wenig später dröhnt der erschütternde Knall der Explosion. Diese Szene zeigt ein Video aus der Stadt Aleppo, das die Zeitung "The Telegraph" auf ihrer Webseite veröffentlicht hat.

Der kleine Junge heißt Ahmed. Er ist acht Jahre alt und hat seine Mutter und seinen Vater verloren, als Artilleriegeschosse in ihr Haus in dem ärmlichen Stadtteil Salaheddin von Aleppo einschlugen. Nun kümmert sich Ahmeds Onkel um ihn, ein Rebellenkämpfer. Der Onkel hat das Kind gewissermaßen zum Maskottchen seiner Miliz gemacht. Ein tödliches Spiel.

Der brutale Krieg in Syrien hat nicht nur die Kindheit von Ahmed jäh beendet. Für zwei bis drei Millionen syrische Kinder ist die Zeit der Unschuld vorbei. Der Krieg hat sie zu Waisen gemacht, zu Versorgern, zu Flüchtlingen, zu Kämpfern, zu Zielscheiben und manche auch zu humanitären Helfern.

"Wenn ich jetzt Blut sehe, ist es für mich wie Wasser"

Ein Zwölfjähriger trägt einen weißen Arztkittel, der ihm viel zu groß ist. Er muss die Ärmel hochkrempeln, damit er freie Hände hat. Er heißt Mohammed, erzählt eine knapp 13-minütige Dokumentation des TV-Senders "Channel 4".

Seit vier Monaten hilft Mohammed freiwillig in der Dar-al-Schifa-Klinik in Aleppo und verarztet notdürftig die Verletzten. Die rund 30 Ärzte der Klinik kommen mit ihrer Arbeit kaum hinterher. Außer Mohammed springen noch andere Kinder in der Klinik ein.

Jeden Tag sieht der Zwölfjährige schreckliche Szenen: blutüberströmte Körper, Kinder, die vor Schmerzen schreien, Menschen, denen Körperteile fehlen. "Am Anfang, wenn ich Blut gesehen habe, hatte ich Angst. Wenn ich jetzt Blut sehe, ist es für mich wie Wasser", erzählt Mohammed gefasst. Jeden Tag, wenn nichts Besonderes los sei, arbeite er von 8 Uhr morgens bis 22 oder 23 Uhr.

Kinder gehörten zu den ersten Opfer der Gewalt

Menschenrechtsorganisationen warnen, wie dramatisch die Lage der Kinder in Syrien ist. Sie seien die Hauptopfer des Krieges, berichtete jüngst die Menschenrechtsorganisation Save the Children. Beide Seiten würden sie als Kämpfer rekrutieren und als menschliche Schutzschilde missbrauchen.

Kinder waren auch die ersten Opfer der Gewalt. Im März 2011 wurden in Daraa Kinder verhaftet, die regimekritische Graffiti geschrieben hatten. Die Demonstrationen der Angehörigen für ihre Freilassung und die brutale Reaktion der Sicherheitskräfte auf die Proteste gelten als Beginn der Aufstände im Land.

Im Mai 2011 wurde den Eltern des 13-jährigen Hamsa sein misshandelter Leichnam übergeben. Hamsa war verhaftet worden, weil er an einer Demonstration teilgenommen hatte. In den Zellen des syrischen Geheimdienstes folterte man ihn zu Tode. Seine grausame Ermordung schockierte viele Syrer und heizte die Proteste im Land weiter an.



insgesamt 109 Beiträge
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Carabus 30.03.2013
1. optional
Das schlimme dabei ist nicht nur das Leid, das diesen Kindern angetan wird, sie schleppen auch die Gewalt und den Hass in die nächste Generation. Das Blutvergießen wird in diesen Ländern so schnell nicht enden.
spejismo 30.03.2013
2. Kinder aller Kriegen !
Zitat von sysopREUTERSIn Aleppo trägt ein Achtjähriger ein Sturmgewehr, ein Zwölfjähriger hilft als Retter aus - die Gewalt in Syrien hat Millionen Kindern ihre Jugend geraubt. Sie sind die Hauptopfer des Krieges - als Waisen, als Flüchtlinge, als menschliche Schutzschilde und als Kämpfer. http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-kinder-sind-die-ersten-opfer-des-krieges-a-891775.html
Das ist und war IMMER in allen Kriegen so. Die Waffenindustrie ist die wirkliche Verantwortliche dieser schrecklichen Bilder. Die Kriegindustrie ist ein Verbrechen gegen die Menschheit.
fritzlothar 30.03.2013
3. Na was denn?
Wir müssen mehr Waffen dorthin schicken, damit die sich wehren können und unsere Arbeitsplätze erhalten bleiben. Und wenn die Kids dann als Flüchtlibge zu uns kommen, dann schicken wir sie gleich wider zurück. Hier wollen die ohnehin nur Sozialleistungen schmarotzen. Wir beten dann für sie. Schließlich sind wir doch Christenmenschen.
fussball11 30.03.2013
4.
Wer so einen Krieg beginnt und wer ihn dann auch noch unterstützt sollte sich nicht wundern wenn er so ausgeht. Selbst wenn alle getötet werden wird man uns das als Erfolg verkaufen. Endlich hat man die Freiheit tot zu sein und wir haben dabei geholfen!
ein anderer 30.03.2013
5. ...
Zitat von sysopREUTERSIn Aleppo trägt ein Achtjähriger ein Sturmgewehr, ein Zwölfjähriger hilft als Retter aus - die Gewalt in Syrien hat Millionen Kindern ihre Jugend geraubt. Sie sind die Hauptopfer des Krieges - als Waisen, als Flüchtlinge, als menschliche Schutzschilde und als Kämpfer. http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-kinder-sind-die-ersten-opfer-des-krieges-a-891775.html
Die Kinder zählen immer zu den Opfern eines geführten Konflikts. Das ist in Syrien nichts anders als im Irak (man erinnere sich auch an die Sanktionen), in Palästina, in Mali usw..
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