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31. August 2013, 19:11 Uhr

Frankreich im Syrien-Konflikt

Plötzlich Obamas wichtigster Waffenbruder

Von , Paris

Frankreichs Staatschef gibt den Musterverbündeten der USA: Nach der Absage der Briten stellt sich François Hollande im Syrien-Konflikt demonstrativ an die Seite von Barack Obama. Im eigenen Land ist der Kriegskurs höchst umstritten.

Der Blick durch die randlose Brille ist entschieden und ernst: Frankreichs Präsident François Hollande gibt derzeit den Staatenlenker, den verlässlichen Verbündeten an der Seite der USA, den prinzipienfesten Vertreter moralischer Prinzipien. "Das chemische Massaker von Damaskus darf nicht ungestraft bleiben", so Hollande in einem Interview mit der Tageszeitung "Le Monde" zur Giftgasattacke vom 21. August in einem Vorort von Damaskus. "Anderenfalls würde man das Risiko einer Eskalation eingehen, die den Einsatz solcher Waffen banalisieren und andere Länder bedrohen würde."

Noch bevor die Uno-Inspektoren nach der Abreise aus Syrien die Ergebnisse ihrer Vor-Ort-Recherchen publik gemacht haben, ist der Sozialist mit seiner einsamen Entscheidung für einen Militärschlag gegen das Regime von Baschar al-Assad zum wichtigsten Partner Amerikas aufgerückt. Nach dem überraschenden "No" des britischen Parlaments sieht sich der Chef des Elysée auf Augenhöhe mit dem Mann im Weißen Haus.

Ausgerechnet der Sozialist, dessen Amtsvorgänger von den Linken wegen seiner reflexartigen Nähe zu den USA als "Sarkozy, der Amerikaner" verhöhnt worden war, ist jetzt der wichtigste Verbündete von Barack Obama - die "New York Times" zeigt die beiden Politiker Seit an Seit auf der Titelseite, zwei Männer der Weltpolitik.

"Frankreich und die USA: Die Achse des Krieges"

Das ist Balsam für die Atommacht Frankreich, die beim Buhlen um die Gunst der USA stets im Windschatten des britischen Nachbarn lag. Und wenigstens vorübergehend treten die heimischen Querelen in den Hintergrund: Der Streit um die Renten, der Zwist um Steuern, das kabinettsinterne Tauziehen um die Strafrechtsreform sind zur Nebensache geschrumpft. Ebenso die Diskussionen um das schlappe Wachstum, Immigration oder Kriminalität. Stattdessen gibt es nun ein Thema von internationaler Fallhöhe: Krieg und Frieden in Syrien. "Frankreich und die USA: Die Achse des Krieges", beschreibt die linke Tageszeitung "Libération" das neue politische "Wir-Gefühl" zwischen Paris und Washington.

Vergessen ist das historische Zerwürfnis des Irak-Kriegs von 2003: Damals war Frankreichs Präsident Jacques Chirac aus der "Koalition der Willigen" gegen Saddam Hussein ausgeschert, sein Außenminister Dominique de Villepin wehrte sich als Vertreter des "alten Kontinents" Europa gegen den Kriegskurs der USA. Die vielbeachtete Rede vor der Uno entrüstete das konservative Amerika, französische Käse und Weine wurden boykottiert, Pommes Frites - in den USA "French Fries" genannt - wurden symbolisch zu "Freedom Fries" umbenannt.

Zehn Jahre später ist das "french bashing", das Eindreschen auf die rückgratlosen Franzosen, einer Schmuseorgie gewichen. US-Außenminister John Kerry, von Haus aus bereits frankophil, hofiert die Republik als "unseren ältesten Alliierten, bereit sich an unserer Seite zu engagieren". Und gerade weil Frankreich im Irak-Krieg auf Distanz zu Washington gegangen war, muss Hollandes Entscheidung für eine "proportionale und harte Aktion gegen das Regime in Damaskus" jetzt als Argument herhalten, um eine skeptische amerikanische Öffentlichkeit vom Sinn eines Militärschlags zu überzeugen.

"Hollande, kümmere dich um uns!"

Dabei ist die Haltung des Franzosen in seiner Heimat durchaus umstritten, nicht zuletzt im eigenen politischen Lager. Denn auch wenn der Sozialist keine "internationale Intervention zur 'Befreiung' Syriens" befürwortet, bezweifeln Politiker, Experten und Öffentlichkeit die Wirksamkeit eines "Schlages gegen das Regime". In den Internetforen, auf Twitter und Facebook formiert sich eine Kampagne gegen den Mann im Elysée. Unter dem Stichwort "#NonALaGuerreEnSyrie" wettern Bürger gegen den Einsatz und fordern: "Hollande, kümmere dich um uns!"

Die Opposition warnt vor einem Alleingang Frankreichs, auch wenn es sich dabei nicht um eine militärische, sondern nur symbolisch-politische Unterstützung eines US-Bombardements handeln sollte. "Vorsicht ist angebracht", sagt der Chef der Konservativen, Jean-François Copé. Und der ehemalige Premier François Fillon empfahl einen "letzten Versuch", um Russland für ein Eingreifen gegen Assad zu bewegen. Und da sich Deutschland gegen jede Beteiligung ausgesprochen hat, wird das Thema Syrien beim Frankreich-Besuch von Bundespräsident Joachim Gauck kommende Woche ebenfalls die Tagesordnung bestimmen.

Auch innenpolitisch bleibt eine mögliche Syrien-Operation ein Risiko. Zwar konnte sich Hollande zuletzt beim Einsatz französischer Truppen in Mali Anfang des Jahres als zupackender Feldherr profilieren und damit zumindest vorübergehend sein angeschlagenes Image aufpolieren. Zwar wird die moralische Haltung des Sozialisten in den Kommentaren durchaus gewürdigt. "Frankreich trägt seine Verantwortung im Namen seiner Werte und Prinzipien", so Hollande. Doch einem Waffengang in Syrien steht die Mehrheit der Franzosen skeptisch gegenüber: 64 Prozent, so eine Umfrage der Zeitung "Le Parisien" lehnen die Beteiligung an einer militärischen Intervention ab: "Ein deutliches und massives Nein."

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