Syrienkrieg Ärzte melden Gasangriff auf Aleppo 

Regime und Rebellen kämpfen in Syrien mit unverminderter Brutalität um die Vorherrschaft in Aleppo. Augenzeugen werfen Assads Armee jetzt den Einsatz von Chlorgas vor.

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Am späten Mittwochabend schlugen im Ostteil von Aleppo mehrere Bomben ein. Dabei wurden mindestens mehrere Zivilisten getötet, das ist unstrittig. Offen ist, ob das syrische Regime bei dem Angriff auf den Stadtteil Zubdiya auch Chemiewaffen eingesetzt hat.

Ärzte und zivile Retter der Organisation Weißhelme melden, dass mehrere Personen Anzeichen einer Gasvergiftung gezeigt hätten. Hamza Khatib, Mediziner im Quds-Hospital von Aleppo, berichtet, in seinem Krankenhaus seien 55 Menschen mit Verletzungen behandelt worden. Vier Menschen seien an den Folgen einer Gasvergiftung gestorben. Die Weißhelme zählten drei Todesopfer und 22 Verletzte infolge eines Gasangriffs.

Syriens Regime weist Vorwürfe zurück

Augenzeugen berichten von beißendem Chlorgeruch nach dem Luftangriff. Die Menschen in der Umgebung hätten unter akuter Atemnot und tränenden Augen gelitten. Mindestens eine der Bomben soll demnach Chlorgas enthalten haben. Der Arzt Khatib sagte, er habe die Kleidung und Teile der Bombe gesichert. Sie sollten nun auf Spuren von Chlorgas untersucht werden.

Die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) teilte mit, sie nehme die Berichte aus Aleppo "sehr ernst". Der Einsatz von Chemiewaffen durch die Kriegsparteien in Syrien wäre zu verurteilen, hieß es in einer Erklärung der OPCW. Der Uno-Sondergesandte für Syrien, Staffan de Mistura, sagte eine Untersuchung des Vorfalls zu.

Ein Vertreter der syrischen Armee bestritt gegenüber der Nachrichtenagentur AP, dass das Militär von Diktator Baschar al-Assad Giftgas in Aleppo eingesetzt habe. Der Vorfall sei eine Erfindung der Aufständischen im Ostteil der Stadt.

Seit Beginn des Syrienkriegs ist mehrfach Giftgas gegen Zivilisten eingesetzt worden. Im September 2014 kam die OPCW in einem Untersuchungsbericht zu dem Schluss, dass mehrere Dörfer im Norden Syriens "systematisch und wiederholt" mit Chlorgas angegriffen wurden. Die Symptome der Opfer in den Orten Talmanes, al-Tamanah und Kafr Zeta und auch die medizinischen Berichte führten zu der Schlussfolgerung, "dass Chlor, entweder pur oder als Mischung", als Waffe eingesetzt wurde.

Assads Chlorgasbestände wurden nicht vernichtet

Chlorgas fällt nicht unter die von der Konvention verbotenen Chemiewaffen, da es auch für zivile Zwecke eingesetzt werden darf. Allerdings ist der Einsatz als Waffe verboten. Syrien hatte sich 2013 unter internationalem Druck bereit erklärt, alle seine Chemiewaffen zu vernichten. Chlorgas fiel jedoch nicht darunter.

Die OPCW darf sich nicht dazu äußern, wer das Chlorgas eingesetzt hat - dies ist nicht Teil ihres Syrien-Mandats. Allerdings bestehen keine Zweifel an der Täterschaft: Das Gas wurde in Kanistern aus Helikoptern abgeworfen. Das Regime von Assad und die russische Armee sind die einzige Partei im syrischen Bürgerkrieg, die eine Luftwaffe besitzen.

Am Donnerstag gingen die Kämpfe in Aleppo unvermindert weiter. Eine von Russland angekündigte dreistündige Feuerpause, während der Hilfslieferungen in die Stadt gebracht werden sollten, fand nicht statt. Nach Angaben von Uno-Diplomat de Mistura wird die Lage für die Menschen in Aleppo immer dramatischer. Die Versorgung der leidgeprüften Bevölkerung sei völlig unzureichend, sagte der Sondergesandte. "Zivilisten von beiden Seiten sind in Gefahr."

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syd/AP/dpa

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