Russlands Einsatz in Syrien Putins Wagnis

Mit dem Syrien-Einsatz hat Wladimir Putin versucht, Russland wieder als Machtblock zu inszenieren, den man nicht unterschätzen darf. Doch der Kraftakt zur Unterstützung Assads offenbart auch die Schwächen des russischen Militärs.

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Von , Moskau


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Das Lob kam vom Chef der Propaganda-Agentur Rossija Sewodnja höchstpersönlich. Dmitrij Kisseljow sprach in seiner Nachrichtensendung "Westi Nedeli" ("Nachrichten der Woche"), die von Millionen Russen jeden Sonntag gesehen wird, vom "beachtlichen militärischen Erfolg" in Aleppo, er hob auch die syrische Armee hervor. Um das Ganze zu unterstreichen, blendete die Regie den Schriftzug "Aleppo. Ein großer Erfolg" ein.

Die vollständige Eroberung der Metropole sei nur noch eine Frage von Tagen, so die Botschaft. Fast täglich senden Kreml-Medien Bilder von russischen Soldaten, die syrische Bürger mit Essen und Trinken versorgen. Wo und wann genau die Aufnahmen entstanden sind, bleibt unklar. Auch ob die von Außenminister Sergej Lawrow in Hamburg verkündete Feuerpause wirklich von der syrischen Armee eingehalten wird. Aktivisten berichten am Freitag weiterhin von Gefechten.

Wladimir Putin
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Wladimir Putin

Der syrische Machthaber Baschar al-Assad braucht den Sieg in Aleppo dringend - nicht nur aus propagandistischen Gründen. Putin, Assads wichtigster Partner, fordert Erfolge ein, auch weil der künftige US-Präsident Donald Trump Russland nicht ewig gewähren lassen wird. Putin kann die internationale Anerkennung seines Landes nur dann erzwingen, wenn er auch Resultate vorweisen kann.

Assads Truppe geschwächt

Doch in Syrien geht es nur langsam voran. Als das russische Militär am 30. September 2015 in den Krieg eingriff, offiziell um gegen den Terrorismus vorzugehen, rechneten die Generäle mit einem Einsatz, der einige Monate dauern werde, aber nicht mehr als ein Jahr.

Schnell mussten die russischen Militärberater erkennen, dass die syrische Armee nicht so schlagkräftig ist, wie Assad weismachen will. "Dafür, dass die russische Armee Syrien seit mehr als ein Jahr bombardiert, sind die Erfolge sehr kläglich", sagt der unabhängige russische Militärexperte Alexander Golz. Die Luftwaffe absolvierte laut Verteidigungsministerium allein bis Oktober 2016 rund 13.000 Kampfeinsätze. Nach den jahrelangen Einsätzen sei Assads Truppe geschwächt, sagt Golz. Die Kooperation mit palästinischen und iranischen Kämpfern, insbesondere auch denen der Hisbollah, erfordere große Koordination.

Zudem sei der effiziente Kampf gegen den Terrorismus eine Aufgabe, die nicht nur in Syrien kaum zu erfüllen sei, sagt Golz. Wenige Monate nach der Rückeroberung Palmyras stehen wieder Kämpfer der Terrororganisation "Islamischer Staat" vor der Stadt (Lesen Sie hier mehr).

Flugzeugträger "Admiral Kusnezow"
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Flugzeugträger "Admiral Kusnezow"

Es ist nicht die einzige schlechte Nachricht für Russland in dieser Woche: Am Montag wurde öffentlich, dass ein zweiter russischer Kampfjet beim Landeversuch auf den Flugzeugträger "Admiral Kusnezow" vor der syrischen Küste abstürzte. In den staatlichen Medien wurde über den Unfall allenfalls kurz berichtet, passt dieser doch nicht zu den sorgsam inszenierten Aufnahmen vom Flugzeugträger im Top-Gun-Stil. Das Kreml-nahe Boulevardportal Internetportal Life.ru fand schnell die Ursache für den Unfall: ein Fehler in der Technik, die aus der Ukraine stamme.

Solche Ablenkungsmanöver können kaum über die Schwachpunkte des ersten russischen Militäreinsatzes außerhalb des postsowjetischen Raumes hinwegtäuschen. Zwar sind die Verluste nicht so hoch wie 2008 im Fünftagekrieg gegen Georgien. Damals verlor Russland sieben Maschinen, vier weitere wurden schwer beschädigt. Doch Moskaus Luftstreitkräfte haben noch einiges an Erfahrung aufzuholen.

Russlands Luftwaffe hat sich modernisiert, erreicht nach Einschätzung des Direktors Ruslan Pukhow vom Moskauer Zentrum CAST mit den Einsätzen in Syrien inzwischen den technischen Stand der U.S. Air Force und westlichen Alliierten während des Luftkriegs in Ex-Jugoslawien 1999. Für das Militär, das bis 2020 mit Milliarden Euro erneuert wird, sei Syrien deshalb zu "einem Testgelände für neue Waffen und Taktik" geworden, schreibt das CAST in einer aktuellen Studie. Diese "Kampf- und Betriebserfahrung" sei "unbezahlbar".

Nicht geeignet für Syrien-Einsatz

Andere Analysten weisen dagegen auf die veraltete Technik auch der Marine hin. So sei die 306,5 Meter lange "Admiral Kusnezow" mit ihren vier störanfälligen Dampfturbinen kaum für den Kampfeinsatz vor Syrien geeignet. Das Schiff war eigentlich für den Arktis-Einsatz konzipiert worden, um Atom-U-Boote zu schützen. Die Jets können nicht über Katapulte von Deck aus starten, sondern über eine Bugrampe. Das hat zur Folge, dass die Maschinen nur wenig Treibstoff und Bomben laden können. Für die Piloten ist das Starten und Landen eine Herausforderung. "Das können nur wenige, das ist eine Meisterleistung", sagt Golz. Abstürze könnten deshalb immer wieder passieren. In russischen Medien tauchten bereits Berichte auf, dass die Jets vom Typ Su-33 und MiG-29 möglicherweise auf die Basis in Hmeimim auf dem syrischen Festland verlegt werden.

Hinzu kommen immer wieder Meldungen, dass nur ein Teil der eingesetzten Bomben präzise seine Ziele findet und häufig zivile Einrichtungen wie Krankenhäuser oder Schulen in Syrien getroffen werden. Russland weist die Kritik zurück und wirft den USA vor, ebenfalls zivile Einrichtungen etwa im Irak zu zerstören.

Trotz dieser Probleme bewertet die Mehrheit der Russen den Kampfeinsatz in Syrien einer Umfrage des unabhängigen Lewada-Zentrums zufolge noch als positiv. Golz erklärt das so: "Der Nationalbürger fühlt sich gut, wenn er von der Couch zusehen kann, wie die Jets starten, und er stolz auf sein Land sein kann, das gegen den Terrorismus vorgeht."

Russland hat sich mittlerweile auf eine dauerhafte Operation in Syrien eingerichtet. Das ist nicht ohne Risiken: Noch liegt die Zahl der russischen Opfer offiziell bei nur rund 21 Toten. Doch allein in dieser Woche starben zwei russische Krankenschwestern und ein Militärberater.


Zusammengefasst: Russlands Militäreinsatz in Syrien dauert nun mehr als ein Jahr, er hat Moskau aus der internationalen Isolation nach dem Ukrainekonflikt geholt. Doch die Probleme in Syrien sind vielfältig: Die syrische Armee ist geschwächt, bereits der zweite Kampfjet ist abgestürzt. Der Flugzeugträger ist nicht für den Einsatz geeignet, der Luftwaffe fehlt es trotz modernisierter Waffen an Erfahrung.

Mitarbeit: Tatjana Böhm

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