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05. Juni 2019, 18:43 Uhr

Uno-Warnung zu Syrien

"In Idlib droht die schlimmste humanitäre Katastrophe des Jahrhunderts"

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In Europa glauben viele, der Syrienkrieg sei fast vorbei. Aber der Uno-Nothilfekoordinator warnt: Es drohe eine Katastrophe, die sogar die Folgen des Tsunamis 2004 in den Schatten stellen könnte.

Drei Millionen Menschen leben in der Region um die syrische Stadt Idlib, dem letzten Gebiet in Syrien, das von Aufständischen kontrolliert wird. Unter ihnen sind nach Schätzungen der Vereinten Nationen rund eine Million Kinder und eine Million Menschen, die zuvor aus anderen Landesteilen dorthin geflüchtet sind.

Seit Wochen fliegen russische und syrische Luftwaffe täglich Bombenangriffe auf die Provinz im Nordwesten Syriens. "Wir beobachten groß angelegte Flächenbombardements in Idlib", sagt Uno-Nothilfekoordinator Mark Lowcock dem SPIEGEL.

Während in Europa der Eindruck vorherrsche, der Syrienkrieg sei so gut wie vorbei, rechnet Lowcock mit dem Ärgsten. "In Idlib droht die schlimmste humanitäre Katastrophe des Jahrhunderts." Der Brite stellt Vergleiche mit der Tsunami-Katastrophe 2004 in Asien und der Dürrekatastrophe 2011 in Somalia her. Bei diesen Desastern kamen jeweils rund 250.000 Menschen ums Leben.

Die drei Millionen Menschen in Idlib seien derzeit eingepfercht und hätten keine Fluchtmöglichkeit, weil die Türkei ihre Grenze geschlossen habe. Wenn das syrische Militär und seine Verbündeten ihren Feldzug gegen Idlib fortsetzten, droht eine höhere Opferzahl als bei allen anderen humanitären Katastrophen seit der Jahrtausendwende, warnt Lowcock. Der 56-Jährige sagt auch. "Es kann nicht die Lösung des Problems sein, dass die Türkei noch mehr syrische Flüchtlinge aufnimmt. Die Lösung des Problems kann nur ein Ende der Bombardierungen sein."

Schon jetzt ist die Lage verheerend. Mehr als 300.000 Menschen sind innerhalb der Provinz vor den Luftangriffen Richtung Norden geflüchtet. Rund 50 Krankenhäuser und andere Gesundheitseinrichtungen in Idlib seien zerstört worden oder hätten aus Angst vor Angriffen freiwillig geschlossen. Das von Lowcock geleitete Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) hatte die Koordinaten von vielen dieser Hospitäler mit Einwilligung ihrer Betreiber an die Konfliktparteien übermittelt. Er selbst sei "sehr, sehr besorgt" wegen der Bombardierungen.

Ob die Krankenhäuser bombardiert wurden, obwohl die Uno die GPS-Koordinaten weitergegeben hatte, oder gerade weil sie es getan hatte, wüssten nur diejenigen, die die Bombardements anordneten. Derzeit berate man mit den Krankenhausbetreibern, ob es noch Sinn habe, zukünftig die GPS-Daten ziviler Einrichtungen in Syrien an die syrische und die russische Regierung weiterzugeben.

Das Regime von Diktator Baschar al-Assad rechtfertigt seine Offensive mit der Präsenz von islamistischen Terroristen in Idlib, allen voran der Dschihadistenmiliz Hayat Tahrir al-Scham (HTS). Das könne jedoch keine Rechtfertigung für die flächenhafte Bombardierung der Provinz sein. "Auf einen Kämpfer kommen Hunderte Zivilisten", sagt Lowcock.

Der Uno-Koordinator fürchtet, dass Europa erst aufwacht, wenn sich wieder Hunderttausende Flüchtlinge von Idlib auf den Weg gen Norden machen. "2015 liefen eine Million Syrer nach Europa. Was denkt die EU, was die drei Millionen Menschen in Idlib machen sollen? Wir müssen das Problem da lösen, wo es beginnt."

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