Moskaus Drohung nach US-Abschuss in Syrien Die Gefahr liegt in der Luft

Russland wird deutlich: In Syrien werden fremde Flugzeuge westlich des Euphrat ab sofort ins Visier genommen - eine Reaktion auf die jüngste US-Attacke. Das Risiko für einen direkten Konflikt mit den USA wächst.

Russische Militärjets auf der Hmeymim-Luftwaffenbasis in Syrien
REUTERS/ Russian Defense Ministry

Russische Militärjets auf der Hmeymim-Luftwaffenbasis in Syrien

Von , Moskau


Am Himmel über Syrien wird es eng, seit die Luftstreitkräfte vieler Länder in den Bürgerkrieg eingreifen. Nun hat Russlands Armeeführung mit einer radikalen Ankündigung versucht, Klarheit zu schaffen und den Luftraum aufzuteilen. Sie hat am Montag förmlich gewarnt, dass sie künftig jedes fremde Flugzeug ins Visier nehmen werde, das westlich des Euphrat operiere.

Es war die Antwort auf den Abschuss eines syrischen Jagdbombers durch die US-Luftstreitkräfte am Wochenende. Aus dem Abkommen mit Washington über eine gemeinsame Vermeidung von Luftzwischenfällen steigt Moskau aus.

Damit rückt die Gefahr näher, dass der Stellvertreterkrieg in Syrien zu einer direkten militärischen Konfrontation der Großmächte führt. Bisher unterstützt Russland die Armee des syrischen Diktators Baschar al-Assad und seiner verbündeten Milizen, während die Vereinigten Staaten den Truppen der syrischen Kurden helfen.

Mit Moskaus neuer Ankündigung ist die Wahrscheinlichkeit gestiegen, dass die Luftwaffen Russlands und der Vereinigten Staaten - auch ungewollt - aneinandergeraten.

Es ist erst zwei Monate her, dass zuletzt ähnliche Befürchtungen aufkamen. Im April hatte der neue US-Präsident Donald Trump einen syrischen Militärflugplatz mit Marschflugkörpern beschießen lassen, um Präsident Assad für einen - mutmaßlich von seinen Truppen verübten - Chemiewaffenangriff auf die Stadt Chan Scheichun zu bestrafen. Moskau hatte daraufhin die Kooperation zur Vermeidung von Luftzwischenfällen suspendiert.

Das allerdings war dann auch alles.

Russlands Reaktion blieb geradezu zurückhaltend, und die russische Armeeführung verlegte sich aufs Spotten: Die amerikanischen Tomahawks hätten in Wahrheit ja kaum Schaden angerichtet, hieß es in Moskau.

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Ganz offensichtlich war Russland nicht daran interessiert, die Situation eskalieren zu lassen. Schon gar nicht zu einem Zeitpunkt, an dem sich Präsident Wladimir Putin und der neugewählte Amtsinhaber im Weißen Haus noch nicht einmal persönlich getroffen haben.

Dieses Mal fällt die Stellungnahme deutlicher aus. Aber wieder ist ihr anzumerken, dass man sich nicht zu weit vorwagen will. Fremde Flugzeuge als mögliche Ziele ins Visier nehmen heißt nicht, dass man sie abschießen wird.


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Das ist kein Grund, sich in Sicherheit zu wiegen. Vielmehr sollte es Anlass sein, klarzumachen, an welches Gefahrenniveau wir uns jetzt schon gewöhnt haben. Wer hätte zum Beispiel noch vor zwei Jahren für möglich gehalten, dass ein Nato-Bündnispartner ein russisches Militärflugzeug abschießen würde? Im November 2015 ist eben das geschehen, mit dem Abschuss einer russischen Su-24 durch die türkische Luftwaffe. Seither befindet sich die Welt in Syrien nur einen Schritt entfernt von einem Zusammenstoß der Großmächte.

Dass der "Islamische Staat" - der einzige Feind, auf den sich alle einigen können - auf dem Rückzug ist, hat einen solchen Zusammenstoß nicht unwahrscheinlicher gemacht. Schlimmer noch: Gerade der Vorfall vom Wochenende zeigt, dass das Zurückdrängen des IS frische Konflikte schafft, weil nun die Herrschaftsgebiete neu abgesteckt werden. Der Abschuss des syrischen Jagdbombers geschah südwestlich der IS-Hochburg Rakka, in einem Gebiet, wo sowohl pro-Assad-Kräfte wie von den USA unterstützte kurdische Einheiten vorrückten und so aneinandergerieten. Washington wirft der syrischen Luftwaffe vor, dabei die kurdischen Verbündeten angegriffen zu haben.

Es braucht bei der gegenwärtigen Lage der Dinge wenig, um neue Kollisionen dieser Art herbeizuführen. Und es bräuchte im Gegenteil reichlich guten Willen in Moskau und in Washington, um einen direkten Zusammenstoß der Großmächte auszuschließen. Von diesem Willen ist gegenwärtig nicht genug zu spüren.

insgesamt 215 Beiträge
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seans 20.06.2017
1. Verquere Weltsicht Russlands
Sowohl das syrische Flugzeug als auch die Drohnen versuchen immer wieder die freien syrischen Kräfte bzw. die Kurdeneinheiten anzugreifen, welche tatsächlich gegen den IS kämpfen. Dort, wo diese hinfliegen ist kein IS. Allerdings versucht man unter dem Lügendeckmäntelchen des Kampfes gegen den Terror genau wie in Aleppo erneut moderate Kräfte anzugreifen, welche sich völlig berechtig in Opposition gegen den Kriegsverbrecher Assad befinden. Syrien hat zum Glück längst aufgehört als vollständiger Staat zu existieren. Das Land sollte aufgeteilt werden. So könnten die verschiedenen Gruppen alle ihr eigenes Syrien haben. Das Regime Assad ist ein Bestandteil einer postfaktisch verklärten Sicht der Welt. Natürlich warten die tapferen Einheiten dort nicht freiwillig darauf, bis sie von dem Iran oder dem grausamen Assad-Regime unter fadenscheinigen Lügen ausgebombt werden. Die Haltung der USA ist absolut berechtigt und fällt unter angemessene Selbstverteidigung.
Liberalitärer 20.06.2017
2. USA Flugverbot
Ja, die Russen müssen das machen, sonst heisst Herr Assad bald Hermann Meier Assad. Fehlschläge russischerseits wären aber äußerst peinlich. Beide Seiten könnten in der Situation einen Gesichtsverlust erleiden (die USA im Falle eines Abschusses). Das macht die Situation äußerst gefährlich. D sollte in der Tat die Tornadoflüge einfrieren. Auch das wäre ein Gesichtsverlust, militärisch ist es wohl verkraftbar. Die Luftwaffe ist das Herz des Regimes. Freiwillig wird wohl jetzt kaum jemand in eine Maschine steigen, es ist ein Flugverbot.
fortelkas 20.06.2017
3. Die Wahrscheinlichkeit
.....ist tatsächlich "gestiegen, dass die Luftwaffen Russlands und der Vereinigten Staaten -auch ungewollt- aneinandergeraten." Ich hoffe nur, dass jetzt nicht die Stunde der politischen Schuldzuweiser schlägt. Die Vermeidung einer weiteren Eskalation kann nur auf der politischen Ebene geleistet und verhandelt werden. Das müssen Russland und die USA allerdings auch wirklich wollen. Erwin Fortelka
c.moltisanti 20.06.2017
4. Putin ist ein besonnener Mann,
der alles dafür tun wird, eine direkte Konfrontation mit den USA zu vermeiden. Allerdings lässt sich auch nicht völlig ausschließen, dass es demnächst einmal richtig kracht, wenn die USA weiter drücken ("Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht"), den alles können die Russen sich auch nicht bieten lassen. Man sollte auch im Hinterkopf behalten, dass es derzeit "nur" um die Aufteilung Syriens geht und sich die Auseinandersetzung anschließend wahrscheinlich in den Iran verlagern wird. Und je länger die indirekte Konfrontation andauert, desto größer ist das Risiko, dass die Situation außer Kontrolle gerät und eskaliert.
seans 20.06.2017
5. In der Natur der Sache
Es liegt in der Natur der Sache, dass sich die freien Kräfte Syriens gegen den Diktator Assad verteidigen. Unser Dank gebührt der USA, dass man hier nicht wieder einen gezielten Massenmord an freien Kräften wie in Aleppo zulässt. Syrien kann nur als geteilter Staat existieren. Assad sollte längst Geschichte sein. Allerdings haben Russland, der Iran und die Hisbollah diesen Terrorfürsten an seinem eigenen Volk künstlich an der Macht gehalten.
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