Assads Krieg Aleppos Leid, Syriens Zukunft

Trotz Waffenruhe und anstehenden Friedensgesprächen: Baschar al-Assad bekräftigt, dass er das ganze Land zurückerobern will. Wer wissen will, was das für Syrien bedeutet, muss nach Aleppo schauen.

Uncredited/RUSSIAN DEFENSE MINISTRY PRESS SERVICE/dpa

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4 Grad am Freitag, -1 Grad am Samstag, 5 Grad am Sonntag: Das sind die Tiefstwerte, die Meteorologen für die nächsten Tage in Aleppo vorhersagen. Für die Menschen dort sind das keine guten Aussichten: Die Vereinten Nationen schätzen, dass derzeit noch rund 1,5 Millionen Menschen in der nordsyrischen Stadt leben. Hunderttausende von ihnen sind ohne Heizung, ohne Strom, ohne Wasser.

Auch wenn die Propaganda des Regimes mit Stadtführungen für Journalisten und Silvesterfeiern für die Menschen im Westteil ein anderes Bild vermitteln will: Rund drei Wochen nachdem die syrische Armee und ausländische Milizen Aleppo vollständig erobert haben, ist die Stadt von jeder Normalität noch weit entfernt. Zehntausende Familien leben in Ruinen. Tausende Blindgänger liegen noch immer auf den Straßen und in den Wohnvierteln und gefährden das Leben der Menschen.

Nach der Eroberung Ost-Aleppos registrierten die Vereinten Nationen dort insgesamt rund 126.000 Menschen. 36.000 von ihnen wurden in Bussen in das von Rebellen kontrollierte Gebiet rund um Idlib gebracht, knapp 39.000 Menschen fanden Zuflucht im Westteil der Stadt, etwa 47.500 Menschen harren im Ostteil der Stadt aus. Mehr als 4000 Flüchtlinge sind in einer Sammelunterkunft im Vorort Dschibrin untergekommen. Die meisten von ihnen sind alleinstehende Frauen und Kinder, die ihre Eltern verloren haben.

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Leben in Aleppo: Rastlos in Ruinen

Tausende Menschen in Aleppo sind traumatisiert

Mehr als 36.000 Häuser in Aleppo wurden nach einer vorläufigen Uno-Schätzung zerstört oder beschädigt, die meisten davon im Ostteil. "Nichts kann dich wirklich auf das Ausmaß an Zerstörungen in Ost-Aleppo vorbereiten", sagt Sajjad Malik, Oberster Vertreter des Uno-Flüchtlingshilfswerks UNHCR in Syrien.

Hier gibt es kein funktionierendes Krankenhaus mehr, in der Altstadt hat eine lokale Hilfsorganisation immerhin ein mobiles Hospital errichtet. Dies kann nur die größte Not lindern. Mediziner schildern, dass sie besonders mit dem Andrang von psychisch Kranken überfordert sind. Tausende Menschen sind nach monatelanger Belagerung und wochenlangen Kämpfen um die Rebellenviertel traumatisiert.

Die Uno und der Rote Halbmond wollen im Stadtteil Sachur das erste zerstörte Krankenhaus bald notdürftig wieder in Betrieb nehmen. Einst hatte das UNHCR dort eine Klinik für irakische Flüchtlinge errichtet, die seit 2003 zu Zehntausenden nach Aleppo geflüchtet waren. Nun sollen dort bald syrische Binnenflüchtlinge behandelt werden.

Syriens Regierung will hundert Schulen wiederaufbauen

Kaum besser steht es um das Bildungswesen. Die Uno hat rund 23.000 schulpflichtige Kinder im Osten Aleppos gezählt. Die meisten von ihnen haben seit zwei bis drei Jahren keine Schule mehr besucht. Das Kinderhilfswerk Unicef hat Schulranzen und Unterrichtsmaterialien für mehrere Tausend Schüler verteilt. Doch viele Schulgebäude liegen in Trümmern, Lehrer sind tot oder selbst geflüchtet.

Glaubt man der syrischen Regierung, werden diese Probleme bald gelöst. Bis zum Beginn des nächsten Schuljahrs im Herbst sollen hundert Schulen in Aleppo wieder aufgebaut werden. Außerdem will der syrische Staat in den kommenden Monaten zwei Gesundheitszentren und fünf Krankenhäuser wieder in Betrieb nehmen.

Als Nothilfemaßnahme haben die Vereinten Nationen ein Projekt gestartet, in dem 115 Menschen aus Aleppo ausgebildet werden, um Schäden an Häusern, Pumpstationen und anderen Infrastruktureinrichtungen in der Stadt zu beheben.

Doch damit Aleppo wieder zu altem Glanz zurückfindet, sind Frieden und Stabilität notwendig - und davon ist Syrien weit entfernt. Am Donnerstag bombardierte die syrische Luftwaffe mehrere Dörfer westlich der Stadt. Dabei wurden nach Angaben von Aktivisten in der Ortschaft Babka mindestens sechs Zivilisten getötet. Babka gehört zu jenen Orten, in die frühere Einwohner von Ost-Aleppo während der Evakuierungsaktion Ende Dezember gebracht wurden.

Assad sendet widersprüchliche Signale aus

Am 23. Januar sollen in der kasachischen Hauptstadt Astana neue Friedensverhandlungen zwischen Regierung und Aufständischen beginnen - unter Vermittlung von Russland, Iran und der Türkei. Doch ob das Treffen wirklich stattfindet, ist völlig offen. Wegen der wiederholten Verstöße gegen die Waffenruhe haben die wichtigsten Rebellengruppen die vorbereitenden Gespräche für die Verhandlungen gestoppt.

Staatschef Baschar al-Assad sendet widersprüchliche Signale aus: Einerseits verkündet er seine Bereitschaft, mit der Opposition "über alles" verhandeln zu wollen, andererseits betont er seine Entschlossenheit, Syrien "bis zum letzten Quadratzentimeter" zurückerobern zu wollen.

Wer wissen will, was das bedeutet, muss nach Aleppo schauen.

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