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Syrische Flüchtlinge: Behelfsheim im Bekaa-Tal

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Syrer im Libanon Flüchtlingslager Marke Eigenbau

Tausende fliehen aus Syrien Richtung Libanon, doch offizielle Flüchtlingslager gibt es dort nicht, Mietwohnungen sind für viele unbezahlbar. Im Bekaa-Tal helfen sich die Menschen nun selbst: Auf einem Acker ist eine Notunterkunft entstanden, aus Planen, Holzlatten - und mit Hilfe der Nachbarn.

Wenn der Syrer Abu Mohammed Besuch bekommt, werden schnell alle Möbel zusammengetragen, die es in seinem Flüchtlingslager gibt: drei grüne Plastikstühle, ein durchgewetzter roter Sessel und ein umgedrehter Eimer als Tisch. Abu Mohammed nimmt dann auf dem Sessel Platz und erklärt, wie sein Flüchtlingslager funktioniert. Der Mittvierziger mit dickem Bauch und Schnauzer ist so etwas wie Gründervater und Bürgermeister in einem.

Anders als in der Türkei, Jordanien oder dem irakischen Kurdistan gibt es im Libanon keine Flüchtlingslager für Syrer. Mehrere Parteien der libanesischen Koalitionsregierung sind mit Baschar al-Assad verbündet. Sie wollen die Aufstände in Syrien lieber ausblenden. Syrische Flüchtlinge im Libanon müssen sich Wohnungen oder Häuser mieten, die mit der steigenden Nachfrage immer teurer werden. Im Bekaa-Tal nahe der syrischen Grenze kostet eine Einzimmerwohnung inzwischen schnell 400 Dollar und mehr im Monat - unbezahlbar für viele Flüchtlinge. "Da habe ich mir gesagt. Wir bauen uns unser eigenes Lager", sagt Abu Mohammed.

Abu Mohammed kennt sich im libanesischen Bekaa-Tal gut aus. Vor dem Bürgerkrieg in Syrien war er Taxifahrer. Immer wieder fuhr er syrische und libanesische Händler zwischen seiner Heimatstadt Homs und dem Bekaa-Tal hin und her. Aus dieser Zeit hat er einige libanesische Bekannte, darunter einen Landwirt. Der erklärte sich bereit, Abu Mohammed einen Acker zu vermieten, um darauf ein Flüchtlingslager zu errichten. Mit einem Dutzend anderer Flüchtlingsfamilien, die Abu Mohammed aus Homs kannte, machte er sich an die Arbeit.

Sein selbstgebautes Haus wird von einem Skelett aus Holzpfosten gehalten. Als Wände hat er Plastikplanen und den Stoff von Kaffee- und Zementsäcken zwischen den Pfosten aufgespannt. Spanplatten dienen als Dach.

Jede Flüchtlingsfamilie zahlt 100 Dollar Miete im Monat

"Das Holz haben wir gekauft", sagt Abu Mohammed. Alles andere habe man von Libanesen aus dem Nachbardorf geschenkt oder im Gegenzug für ein paar Stunden Hilfe im Haushalt bekommen, etwa den Sessel, die drei Stühle, fünf Satellitenschüsseln und 30 Kühlschränke. Viele der Flüchtlingshäuser haben sogar ein gegossenes Zementfundament als Boden - die Spende eines Syrers, der schon seit Jahren im libanesischen Nachbardorf lebt.

Jede Flüchtlingsfamilie bezahlt dem libanesischen Landwirt 100 Dollar Miete im Monat, Strom und Wasser inklusive. Die Syrer haben Kabel verlegt, die am Anschluss des Vermieters hängen, und zapfen die natürliche Wasserquelle auf dem Grundstück an.

In den vergangenen drei Monaten ist das Lager auf 110 solcher Häuser angewachsen, 110 syrische Flüchtlingsfamilien - rund 700 Personen. Sie alle kommen aus Homs und haben über Bekannte von dem Lager erfahren. "Inzwischen bekommen wir einen Anruf, wenn wieder jemand die Grenze überquert hat und zu uns will", sagt Abu Mohammed.

Leicht ist die Ausreise nicht. Abu Mohammed hat für die rund 25 Kilometer zwischen Homs und der libanesischen Grenze drei Tage gebraucht. Syrische Aktivisten schmuggelten ihn und seine Familie in zehn verschiedenen Autos vorbei an den Straßensperren der Assad-Milizen. "Für jeden, in dessen Ausweis Homs, Aleppo oder Idlib als Herkunftsort steht, sind die Checkpoints des Regimes sehr gefährlich", erklärt Abu Mohammed. "Man hält uns automatisch für 'Terroristen'. Es wurden schon viele an Checkpoints verhaftet oder erschossen." Die 110 Flüchtlingsfamilien im Lager haben 40 Angehörige in Syrien verloren.

Uno-Flüchtlingswerk unterstützt das Lager

Das selbstgebaute Flüchtlingslager ist inzwischen offiziell beim Uno-Flüchtlingswerk UNHCR registriert. "Wir bekommen von der Uno 30 Dollar im Monat pro Person als Zuschuss zur Miete und für Essen, das wir im Nachbardorf kaufen", sagt Abu Mohammed.

Den Rest verdienen sich die Flüchtlingsfamilien dazu. Die Kinder und die Frauen helfen jeden Tag auf den Feldern der libanesischen Bauern bei der Ernte. Die Männer arbeiten als Tagelöhner auf dem Bau, als Maler oder ebenfalls in der Landwirtschaft. 10 bis 15 Dollar Lohn kommen so pro Person pro Tag zusammen. "Wir kommen über die Runden", sagt Abu Mohammed.

Ganz sicher fühlt sich Abu Mohammed jedoch im libanesischen Bekaa-Tal nicht. Nicht alle Libanesen hält er für so hilfsbereit wie die direkten Nachbarn. Die Gegend gilt als Hochburg der libanesischen Hisbollah, die mit Baschar al-Assad verbündet ist. "Wir haben Angst, dass wir irgendwann nachts angegriffen werden", sagt Abu Mohammed. Bloß nicht auffallen, ist daher seine Devise. Keine einzige syrische Rebellenflagge weht über dem Lager. Es ist auf den ersten Blick nicht von den notdürftigen Unterkünften zu unterscheiden, die syrische Saisonarbeiter jedes Jahr im Sommer im Bekaa-Tal bevölkern, wenn sie dort die Ernte einbringen.

Sorge bereitet Abu Mohammed auch der nahende Winter. "Ich weiß noch nicht genau, was wir machen, wenn es kalt wird. Vielleicht können wir unsere Häuser besser isolieren und Gasöfen bauen." Bisher habe man keinerlei Vorkehrungen getroffen. "Noch hoffen wir, dass wir bis dahin wieder nach Syrien zurückkehren können."

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