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25. Januar 2019, 08:44 Uhr

Schwere Kämpfe in Syrien

Assads Verbündete gehen aufeinander los

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Die Aufständischen in Syrien sind weitgehend besiegt, nun treten die Konflikte zwischen den Unterstützern des Assad-Regimes offen zu Tage. Rivalisierende Armee-Einheiten nehmen sich gegenseitig unter Feuer.

Die Stimme des Soldaten am Funkgerät klang aufgebracht: Man habe den gegnerischen Konvoi in der Dunkelheit aus den Augen verloren, sagte er. Die Fahrzeuge seien im Dorf Hwaiz angekommen, aber hätten ihre Scheinwerfer gelöscht. Ein anderer erklärte, er werde trotzdem auf sie schießen.

Die Funkmitschnitte vom Abend des 19. Januar, die dem SPIEGEL vorliegen, dokumentieren eine neue Stufe der Eskalation im Syrienkrieg. Denn am vergangenen Samstag gingen syrische Verbände der beiden großen Assad-Verbündeten - Russland und Iran - mit Panzern, Granatwerfern und schweren Maschinengewehren aufeinander los. Nachdem die Aufständischen weitgehend besiegt sind, verschärft sich nun der Kampf um die Beute: Wer kontrolliert Syrien?

In diesem konkreten Fall: Wer beherrscht die strategisch wichtige Ebene von al-Ghab im Nordwesten der Provinz Hama? Das langgestreckte Tal liegt zwischen der Heimatprovinz des Assad-Clans im Westen und der Provinz Idlib im Osten, der letzten Hochburg der Rebellen.

Was Assad will, spielt keine Rolle

Teheran will das Gebiet kontrollieren und ließ Soldaten der vierten Division, die offiziell vom Präsidentenbruder Maher al-Assad befehligt, aber de facto von Iran kontrolliert wird, in den vergangenen Wochen mehrere Dörfer im Ghab-Tal besetzen.

Moskau will das Terrain ebenfalls kontrollieren und schickte massive Verstärkung für das von Russland ausgerüstete und trainierte fünfte Armeekorps, kommandiert vom syrischen Brigadegeneral Suhail al-Hassan in die Stadt Schatha am Westrand der Ebene.

Was Diktator Baschar al-Assad in Damaskus will, ist unklar, aber spielte hier auch keine große Rolle.

Am Morgen des 19. Januar eröffneten beide Seiten das Feuer aufeinander. Das russisch-syrische Korps zeigte sich der iranisch-syrischen Division rasch überlegen, nahm Dorf um Dorf ein, zerstörte einen gepanzerten Truppentransporter der vierten Division im Weiler Qaber Fidda und hatte bis zum Abend die Kleinstadt Hwaiz am Ostrand der Ebene erreicht. Jenen Ort, in dem die funkenden Soldaten der vierten Division sie noch in der rasch einsetzenden Dunkelheit einrücken sahen, aber mangels Beleuchtung nicht mehr unter Beschuss nehmen konnten. Seither hat sich die Lage etwas beruhigt. Sporadisch werde weiter aufeinander geschossen, heißt es, aber nur mit leichten Waffen.

Wie viele Männer auf beiden Seiten umgekommen sind, ist unklar. Die Schätzungen reichen von mehreren Dutzend bis zu 200. Keine der beteiligten Seiten hat ein Interesse daran, Gefechte unter Verbündeten öffentlich zu machen. Erst Zeugen aus den Dörfern, Angehörige von Kämpfern und die Aufklärer der Rebellen aus Idlib, die weiterhin den Funkverkehr der Gegenseite abhören, haben in den vergangenen Tagen die Puzzlestücke zum Gesamtbild geliefert.

Iran und Russland geht der gemeinsame Feind abhanden

Dabei ist der Konflikt zwischen Russland und Iran in Syrien nicht neu. Schon mehrfach sind die angeheuerten oder übernommenen Einheiten der beiden Schutzmächte aneinandergeraten: Mitte Oktober gab es tagelange Kämpfe zwischen dem Assad-treuen sunnitischen Mafia-Clan der Berris, die sich nach dem Sieg über die Rebellen als neue Herren von Ost-Aleppo etablieren wollten, und iranisch-syrischen Milizen, die dasselbe Ziel hatten. Offiziell zog sich hier die russische Militärpolizei aus Ost-Aleppo zurück, gleichzeitig aber sollen die Berris Waffen, Munition und logistische Hilfe von den Russen bekommen haben.

Bereits im Juni standen sich russisches Militär und die libanesische Hisbollah schussbereit gegenüber, als die Russen die libanesisch-syrische Grenze übernehmen wollten, die von der Hisbollah beansprucht wird, Irans ältester und wichtigster ausländischer Miliz.

Der Auslöser für solche Kämpfe unter Assads Verbündeten sind oft die Streitigkeiten der lokalen Milizen darüber, wer welches Terrain kontrollieren und plündern darf. Doch die Gründe für den russisch-iranischen Dissens gehen tiefer. Seit fast alle großen Rebellengebiete zurückerobert worden sind - Aleppo, die Vorstädte von Damaskus, die Provinz Dara im Süden - ist den ungleichen Verbündeten der gemeinsame Feind abhandengekommen.

Umso deutlicher werden stattdessen die unterschiedlichen Ziele: Moskau möchte Syrien zur Ruhe bringen, international damit punkten können und und mischt sich nicht ein in die hochexplosiven Glaubensfragen. Iran hingegen hat viel weitreichendere Ziele und mit immensem Aufwand versucht, die herrschende Minderheit der Alawiten zu "richtigen" schiitischen Muslimen zu machen. Nach dem Vorbild der Hisbollah im Libanon sollte ein schiitischer Staat im Staate künftig auch Syrien kontrollieren.

An Assads Sieg wird sich nichts ändern

Damit haben sich die Iraner selbst bei Assads Anhängern außerordentlich unbeliebt gemacht. Damaskus will seine Vasallen kontrollieren, gegeneinander ausspielen, und nicht umgekehrt von ihnen kontrolliert werden. Außerdem kommt es bei den Alawiten, die ein laxes Verhältnis zum islamischen Alkoholverbot haben und deren Frauen selten verschleiert sind, nicht gut an, dass ihnen die Iraner Abstinenz und Schleier aufzwingen zu wollen.

Und so wenig Irans Macht in Syrien geschätzt wird, so harsch fällt das Urteil in Teheran aus: "Assad und Putin werden uns opfern", klagte schon Ende Juni der Abgeordnete Behrouz Bonyadi im iranischen Parlament. Trotz allem, was Iran an Geld und Menschen für Assads Machterhalt geopfert habe, werde die Achse Russland-Damaskus bald Teheran im Stich lassen, um sich im Gegenzug die Gunst der Israelis und Amerikaner zu sichern.

Doch dass sich an den Machtverhältnissen in Syrien und Assads Sieg etwas ändern wird, sei trotzdem nicht zu erwarten, prognostiziert Mohanad Hage Ali vom Beiruter Carnegie Middle East Center. Der langjährige Beobachter des russisch-iranischen Verhältnisses im Nachbarland urteilt nüchtern: "Zwar ist vor allem Iran auf Russland angewiesen in Syrien, aber beide sind dort voneinander abhängig. Keine Seite wird den Konflikt eskalieren lassen."


Zusammengefasst: In der syrischen Provinz Hama haben sich in den vergangenen Tagen rivalisierende Verbündete von Diktator Baschar al-Assad gegenseitig beschossen: die von Iran kontrollierte vierte Armeedivision und das von Russland ausgerüstete fünfte Armeekorps. Beide Seiten streiten um Macht, Einfluss und darüber, wer welches Gebiet plündern darf.

Videoanalyse: "Nordsyrien ist in einem Schwebezustand"

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