Evakuierungsaktion in Homs "Die Menschen werden wahnsinnig vor Hunger"

Atempause für das belagerte Homs. Nach langer Totalblockade bekommen die Eingeschlossenen erstmals Hilfe, Kinder und Alte dürfen die zerstörte Stadt verlassen. Doch die Angst der Evakuierten vor der syrischen Armee ist groß. Und wer bleibt, muss neuen Beschuss fürchten.
Evakuierungsaktion in Homs: "Die Menschen werden wahnsinnig vor Hunger"

Evakuierungsaktion in Homs: "Die Menschen werden wahnsinnig vor Hunger"

Foto: YAZAN HOMSY/ REUTERS

400 Gramm Zucker, 400 Gramm Reis, ein bisschen Brot und davon 200 Rationen: Die erste Nahrungslieferung für die einstige Millionenstadt Homs nach über einem Jahr der Totalblockade ist eingetroffen. Gleichzeitig durften heute morgen elf von etwa 2500 immer noch im zertrümmerten Zentrum Eingeschlossenen, Zivilisten wie Rebellen, in einem Kleinbus die Innenstadt verlassen. Begleitet von Nothelfern des "Roten Halbmonds" kamen sie ins vor Flüchtlingen berstende Viertel al-War. Kinder unter 15 und Alte über 55 Jahre dürfen im Prinzip die Stadt verlassen, so die Vereinbarung zwischen syrischer Regierung, Uno und Rotem Halbmond.

Ein Lichtblick? Oder nur eine Atempause, bevor die Armee weiter versuchen wird, die Reste jener Stadt einzunehmen, in der als erster vor zwei Jahren friedliche Demonstrationen in bewaffnete Gegenwehr umschlugen? Dass die Vereinbarung überhaupt zustande kam, geschah offensichtlich auf Druck aus Moskau: Offiziell hieß es, die russische Botschaft in Damaskus habe vermittelt. Russlands stellvertretender Außenminister Gennadi Gatilow erklärte, die Einigung zeige, dass gar keine Resolution des Uno-Sicherheitsrats nötig sei, um Hilfslieferungen an die Bevölkerung zu ermöglichen. Genau die war von westlichen und arabischen Staaten gefordert worden, nachdem das Regime von Staatschef Baschar al-Assad selbst vor der Friedenskonferenz in Genf vergangene Woche keine Nahrungslieferungen in die belagerten Städte zulassen wollte, sondern vor allem in Aleppo mit dem Bombardement von Wohnvierteln fortfuhr.

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Evakuierungsaktion nach Feuerpause: Hilfe für Menschen in Homs

Foto: YAZAN HOMSY/ REUTERS

Wie die Lage in Homs selbst ist, hatte vor wenigen Tagen der niederländische Jesuitenpater Frans van der Lugt in einer Videobotschaft über Skype mitgeteilt: "Die Menschen werden wahnsinnig vor Hunger. Sie bekommen Panikattacken, Paranoia, psychotische Schübe." Der 75-Jährige, der 1966 nach Syrien kam, als Priester im Jesuitenkloster in der Altstadt lebte, ein Landgut vor den Toren der Stadt und eine Schule für Behinderte dort aufbaute, will nicht fortgehen: "Ich habe die Menschen hier in Homs in all ihrer Großzügigkeit erlebt. Ich habe mit ihnen die guten Zeiten geteilt, nun teile ich den Schmerz mit ihnen."

Er ist der letzte Priester in der Altstadt, wo einst 60.000 Christen lebten. Jetzt sind es noch 66. Die zehn Kirchen sind alle zerschossen von der Artillerie, den Luftangriffen der Armee oder in den Kämpfen, ebenso wie das Kloster - wo der Pater über ein Jahr ausharrte mit mehreren Dutzend Familien, die zu viel Angst hatten zu gehen, als es noch möglich war. Oder die schlicht nicht wussten, wohin. Flüchtlinge aus Homs trifft man überall im Nahen Osten, im Libanon, in Jordanien, der Türkei.

Die Menschen in Homs hungern

Der Jesuitenpater ist auch ausgebildeter Psychotherapeut, "aber wie soll ich jenen helfen, die jetzt verrückt werden? Nicht, indem ich ihr Problem analysiere, denn das ist offenkundig, und ich kann nichts tun, es zu lösen. Ich kann den Menschen nur so viel zu essen geben wie möglich." Und das war bis zur Lieferung der 200 Rationen am heutigen Freitag so gut wie nichts mehr: "Eine muslimische Wohlfahrtsorganisation gibt uns vier Kilo Mehl pro Woche. Damit versorgen wir die 30 schlimmsten Fälle, Behinderte, Alte, Muslime wie Christen." Ein halbes Fladenbrot, ein paar Oliven, etwas Thymian.

Acht Menschen sollen in den vergangenen Wochen in der eingeschlossenen Altstadt verhungert sein. Doch auch für die verbliebenen Zivilisten, die meist in Kellern unter den halb eingestürzten Häusern leben, ist das Fortgehen so prekär wie das Bleiben: Die meisten sind Familien der Kämpfer. Andere, vor allem die Christen, sind Alte, die schlicht nicht fortgehen wollten. Sie alle wurden in den Staatsmedien und von den unkontrollierten Milizen in den regimetreuen, alawitischen Stadtvierteln im Osten der Stadt fortwährend als "Terroristen" bezeichnet und fürchten, dass es ihnen ergehen könnte wie Evakuierten aus den Vororten von Damaskus: Von denen wurden - entgegen den Vereinbarungen - Hunderte verhaftet, als sie an die Kontrollposten der Armee kamen.

Versuche, den Belagerungsring um die Altstadt zu durchbrechen, haben allein in den vergangenen anderthalb Monaten mehr als 40 Rebellen mit dem Leben bezahlt. Scharfschützen der Armee und der libanesischen Hisbollah, die an Assads Seite kämpfen und deren Akzent im abgehörten Funkverkehr Hinweise auf ihre Herkunft gibt, machen ein unentdecktes Entkommen unmöglich. Erfolgreicher waren makabre wochenlange Verhandlungen: die Leichen von zwei erschossenen Soldaten der Armee im Austausch gegen eine Wagenladung Reis.

"Wir haben Angst, dass die internationale Gemeinschaft uns verlassen hat", sagte "Abuna Frans", wie sie ihn in Homs nennen, in seiner letzten Botschaft. Die Furcht teilen auch die anderen Eingeschlossenen, trotz der Evakuierungsgarantie und den 200 Rationen. Denn die nun vereinbarte Feuerpause gilt nur für drei Tage: just bis zum Beginn der nächsten Verhandlungsrunde in Genf am kommenden Montag.

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