Die Kurden und das Assad-Regime Pakt mit dem Diktator

Die syrischen Kurden rufen Baschar al-Assad zu Hilfe. Es bedeutet das Ende ihrer Selbstverwaltung. Außer Assad profitieren davon vor allem Russland, Iran und der "Islamische Staat". Die Türkei könnte das Nachsehen haben.
Flagge zeigen: Ein Soldat des syrischen Assad-Regimes im Kurdengebiet

Flagge zeigen: Ein Soldat des syrischen Assad-Regimes im Kurdengebiet

Foto: DELIL SOULEIMAN/ AFP

Das syrische Regime zeigte am Sonntagabend vermeintliche Freudenfeiern in der nordsyrischen Grenzstadt Kamischli. Ein paar Dutzend Männer, einige davon mit Maschinengewehren, jubelten vor den Kameras des Staatsfernsehens.

Überwiegend waren die Straßen von Kamischli jedoch auf einmal gespenstisch leer, berichtete auch die Reporterin des SPIEGEL von vor Ort. Viele Menschen hatten sich in ihre Häuser zurückgezogen. Sie warteten angstvoll ab, was die jüngste rasante Wende des Kriegs in Syrien für sie zu bedeuten hat.

In Nordsyrien geht es Schlag auf Schlag: Nur sieben Tage, nachdem US-Präsident Donald Trump der syrischen Kurdenmiliz YPG den amerikanischen Rückhalt entzogen hat und fünf Tage nach Beginn der türkischen Offensive östlich des Euphrats implodiert die syrisch-kurdische Selbstverwaltung. Mit einem dermaßen schnellen Zusammenbruch hatte kaum jemand gerechnet.

Zuletzt stand knapp ein Drittel Syriens unter der Kontrolle dieser Selbstverwaltung, die aus zivilen und militärischen Strukturen bestand. Nun ist sie in sich zusammengefallen und auf ihren Kern zurückgeworfen: der YPG, dem syrischen Ableger der kurdischen Arbeiterpartei PKK. Der Wettlauf darum, wer Nordostsyrien an sich reißt, ist in vollem Gang. Inmitten der Kämpfe gelang es auch bereits zahlreichen Anhängern des "Islamischen Staats" (IS), sich aus der Inhaftierung zu befreien.

Syrische Armee rückt Richtung türkischer Grenze vor

Die YPG hatte sich angesichts der türkischen Übermacht für das für sie kleinere Übel entschieden: In einer offiziellen Stellungnahme hat die syrisch-kurdische Selbstverwaltung das Regime von Baschar al-Assad gebeten, wieder die Kontrolle zu übernehmen. Sie versichert, dass sie niemals vorgehabt habe, sich von Damaskus loszusagen.

Noch haben die Truppen des Diktators von Damaskus die Grenzstädte nicht wieder unter Kontrolle, auch wenn die Jubelbilder im Staatsfernsehen anderes vorgaukeln wollen. Doch die syrische Armee rückt bereits vor in Richtung der türkischen Grenze.

Unklar ist, welche Garantien die YPG für sich ausgehandelt hat. Offenbar hatte Russland den Deal zwischen der Miliz und Damaskus vermittelt. Die syrische Offensive soll, so heißt es bisher, unter dem Kommando von General Hassan Suhail stehen, der so etwas wie Russlands Mann in Syrien ist - und wahrscheinlich auch der Garant dafür, dass das syrische Regime seine Versprechungen einhält. Denkbar ist, dass durch den Pakt die Rolle des örtlichen Handlangers des syrischen Regimes auf die YPG übertragen wird und so die Miliz Handlungsspielraum behält.

Alle möglichen Zugeständnisse können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass dies eine weitere große Zäsur des Krieges ist: Die syrisch-kurdische Selbstverwaltung endet so, wie sie vor sieben Jahren begonnen hatte - mit einem Deal mit Damaskus, ohne einen einzigen Schuss.

Im Sommer 2012 hatte sich das syrische Regime aus einigen mehrheitlich kurdischen Grenzgebieten mit der Türkei zurückgezogen und der YPG die Kontrolle übergeben. Ab 2014 erhielt die YPG dann amerikanische Unterstützung als Partner im Kampf gegen den IS.

Damaskus und die PKK, deren syrischer Ableger die YPG ursprünglich ist, verfolgen seit Jahrzehnten eine komplizierte Zweckbeziehung:

  • Wenn es dem syrischen Regime nützt, hilft es der PKK gegen deren Erzfeind, die Türkei.
  • In den vergangenen Jahren existierte man quasi nebeneinander: Das syrische Regime war etwa aus Kamischli, wo die Jubelbilder gefilmt wurden, nie ganz abgezogen, sondern hatte unter anderem den Flughafen unter seiner Kontrolle behalten.
  • Auch in der Stadt Hassake hatte es inmitten der syrisch-kurdischen Selbstverwaltung einen Stützpunkt behalten.
  • Die YPG machte nie ernsthaft den Versuch, das Regime zurückzudrängen.
  • Damaskus bezahlte dafür auch lange das Gehalt der syrischen Beamten weiter, die in dem von der YPG kontrollierten Gebiet arbeiteten.

Doch für viele Bewohner Nordostsyriens stellt sich die Situation noch anders dar als für YPG-Kämpfer: Das Assad-Regime unterdrückt in dem Vielvölkerstaat Syrien jeden nichtarabischen Nationalismus - und damit vor allem auch Kurden.

Syrische Kurden haben Angst vor dem Assad-Regime

Viele kurdischen Syrer haben am eigenen Leib die brutale Repression des Regimes erfahren. Sie waren in Haft, wurden gefoltert oder haben Familienmitglieder in den Folterkerkern verloren. In dem Gebiet, das nun in den Fokus der Weltöffentlichkeit gerückt ist, leben zudem auch viele arabischen Syrer, die gegen das Assad-Regime aufbegehrt hatten.

All diese Menschen müssen nun damit rechnen, dass der Einmarsch des syrischen Regimes für sie ähnliches bedeutet wie anderswo: Hunderte Männer könnten festgenommen werden und in den Folterkerkern des Regimes verschwinden, oder sie könnten zwangsrekrutiert und als Kanonenfutter an vorderster Front eingesetzt werden.

Der Wechsel der YPG auf die Seite der syrisch-russisch-iranischen Koalition in dem Krieg dürfte auch für die Türkei noch gravierende Folgen haben: Denn in der offiziellen Stellungnahme der syrisch-kurdischen Selbstverwaltung ist nicht nur von einer Verteidigung Nordostsyriens die Rede, sondern auch von einer Rückeroberung der nordwestlichen Provinz Afrin, die Anfang 2018 von Verbündeten der Türkei erobert worden war.

Sollte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan geglaubt haben, die syrisch-kurdische Miliz ungestraft angreifen zu können, nachdem die USA ihren Schutzschirm entzogen haben, hat er nicht mit den Russen gerechnet, die ihren Schutzschirm nun aufspannen.

Super-GAU für die USA und Europa: IS und Iran weiten ihren Einfluss aus

Auch Iran wird von der Implosion der syrisch-kurdischen Selbstverwaltung profitieren: Die Iraner sind zwar entlang der türkisch-syrischen Grenze kaum vertreten, wohl aber in der bisher von den syrischen Kurden kontrollierten Provinz Deir al-Sor.

Sie grenzt an den Irak an und ist für die Iraner dadurch ein strategisch wichtiges Gebiet, über das sie ihre Bündnispartner im Irak, in Syrien und im Libanon besser über Land mit Teheran verbinden können.

Für den Westen sind die jüngsten Entwicklungen der Super-GAU: Europa und die USA haben nun über Nacht ihren noch verbliebenen geringen Einfluss in Syrien verloren. Ihre Bemühungen, in Nordsyrien neue zivile Strukturen aufzubauen, waren nun überwiegend umsonst - allein die Bundesregierung dürfte dort viele Millionen Euro ausgegeben haben.

Von dem zu erwartenden Chaos dürfte neben Syrien, Iran und Russland vor allem auch der "Islamische Staat" profitieren - und sich wieder weiter ausbreiten.