Chaos im Norden Syriens Kurden schmieden verzweifelten Deal mit Assads Armee

Das Abkommen gefällt ihnen nicht - aber Alternativen haben die Kurden in Nordsyrien nach eigenen Angaben keine: Von den USA verlassen und der Türkei bedrängt, bitten sie Damaskus um Hilfe. Auch Russland mischt offenbar mit.
Explosion in Nordsyrien nach türkischem Beschuss: Assads Truppen rücken an

Explosion in Nordsyrien nach türkischem Beschuss: Assads Truppen rücken an

Foto: ERDEM SAHIN/EPA-EFE/REX

Diese Entwicklung dürfte die ohnehin schon extrem angespannte Lage im Norden Syriens noch einmal verschärfen: Als Reaktion auf den türkischen Einmarsch in Nordsyrien schickt die Regierung in Damaskus eigene Truppen in die Region. Der Schritt folgt auf eine Vereinbarung der Regierung von Präsident Baschar al-Assad mit den Kurdenmilizen, gegen die Ankara am Mittwoch eine Militäroffensive begonnen hatte.

Die bemerkenswerte Abmachung ist ein Hinweis auf die zunehmend aussichtslose Lage der Kurden, die mit dem Abzug der US-Truppen dort ihren wichtigsten Verbündeten verloren haben. Die syrische Armee werde im Norden der "türkischen Aggression auf syrischem Boden entgegentreten", berichtete die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana, ohne Details zu nennen.

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Laut dem libanesischen TV-Sender Al-Mayadeen sollen die Truppen bereits ab Montagmorgen zur türkischen Grenze entsandt werden. Dort läuft seit vergangenem Mittwoch die türkische Militäroffensive gegen die "Syrian Democratic Forces" (SDF), die von der Kurdenmiliz YPG angeführt werden.

Die kurdische Autonomieverwaltung in der Region beschrieb die Vereinbarung mit Damaskus als Ergebnis einer zunehmend ausweglosen Lage. "In den vergangenen fünf Tagen sind die abscheulichsten Verbrechen gegen unbewaffnete Zivilisten begangen worden", hieß es in einer Mitteilung. "Wir mussten mit der syrischen Regierung verhandeln, die die Aufgabe hat, die Landesgrenzen und die syrische Souveränität zu schützen." Die Regierungstruppen müssten die SDF nun dabei unterstützen, die von der türkischen Armee und von deren verbündeten Milizen eingenommenen Gebiete zu befreien.

SDF-Anführer Mazloum Abdi hatte die Zusammenarbeit in einem Gastbeitrag für das "Foreign Policy"-Magazin  bereits umrissen und zugegeben: "Wir glauben ihnen ihre Versprechen nicht. Ehrlich gesagt, ist es schwer zu sagen, wem man überhaupt noch trauen kann." Aber vor die Wahl zwischen einem Deal und einem Genozid an den eigenen Leuten gestellt, habe man sich nun einmal entscheiden müssen.

Die syrische Armee hatte sich im Zuge des seit 2011 laufenden Bürgerkrieges im Land größtenteils aus dem Nordosten zurückgezogen. Dort hatten vielerorts kurdische Kräfte die Kontrolle übernommen und 2014 eine Selbstverwaltung errichtet. International werden die Autonomiebestrebungen nicht anerkannt, in vielen Orten im Nordosten hat die Assad-Regierung heute faktisch aber keine Macht.

Unklar bleibt vorerst, welche Rolle Moskau genau spielt

Die Vereinbarung erfolgte den Aktivisten der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte zufolge gemeinsam mit Russland. Die "Washington Post" meldet , der Deal sei über drei Tage ausgehandelt worden. Auch hier wird die russische Beteiligung unter Berufung auf kurdische Geheimdienstquellen bestätigt. Aus Moskau gab es zunächst keine Hinweise darüber, ob Russland die syrischen Truppen im Nordosten unterstützen würde.

Die Türkei hatte die lang geplante "Operation Friedensquelle" am Mittwoch mit Angriffen auf syrische Orte entlang der gemeinsamen Grenze begonnen. Ankara betrachtet die dortigen Kurdenmilizen als Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und damit als Terrororganisation.

Die Assad-Regierung beherrscht acht Jahre nach Beginn des Bürgerkriegs große Gebiete im Zentrum sowie im Westen und im Süden des Landes. Im April hatte die Regierung zudem eine Offensive gegen die letzte große Rebellenhochburg Idlib im Nordwesten begonnen.

jok/dpa
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