Drei Jahre Aufstand in Syrien Was aus den Revolutionären geworden ist

Sie sind auf der Flucht, sie hungern, sie schlagen sich durch: Seit drei Jahren leidet das syrische Volk unter den Folgen des Bürgerkriegs, der als Protest gegen Baschar al-Assad begann. Wir erzählen, was aus den Menschen geworden ist, über die wir berichtet haben.

Christoph Reuter

Von und


Omar* gehörte zu den Leuten, die von sich glaubten, sie würden ihre Heimat niemals verlassen. "Damaskus ist meine Stadt", sagte der schlaksige junge Mann mit Denkerstirn noch im Mai 2012. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich viele seiner Freunde schon ins Ausland abgesetzt nach Dubai, Abu Dhabi und Kairo.

Inzwischen, knapp zwei Jahre später, sitzt Omar rund 7500 Kilometer von Damaskus entfernt im Gefängnis in Malaysia als illegaler Einwanderer. Eltern und Geschwister des 26-Jährigen sind noch in Syrien. Sie teilen sich zu neunt mit einer anderen Familie ein Zimmer in Damaskus. Ihr Zuhause, das eigene Haus im Stadtteil Jarmuk, wurde zerbombt.

Außer der Tatsache, dass Omar bis nach Malaysia geflohen ist, ist die Geschichte von seiner Familie keine außergewöhnliche. Mindestens jeder zweite Syrer hat seit 2011 sein Zuhause verlassen müssen. Sie schlagen sich irgendwie durch. Für die meisten von ihnen wird die Lage mit jedem Tag prekärer.

Am Samstag jährt sich zum dritten Mal der Beginn der Proteste in Syrien. Von den Menschen, die SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE in den vergangenen drei Jahren trafen, haben viele das Land inzwischen verlassen müssen. Doch immerhin leben sie noch. Insgesamt kamen in Syrien seit 2011 bereits weit über 100.000 Menschen ums Leben, so die Uno im Sommer 2013. Seitdem hat die Weltgemeinschaft aufgehört, die Toten zu zählen.

Syrien zerfällt

Aus der Repression friedlicher Demonstrationen ist ein Bürgerkrieg geworden, der ein Land und sein Volk zerstört. Syrien fällt und zerfällt, jeden Tag ein bisschen mehr. Für die Uno ist es die größte humanitäre Katastrophe in ihrer Geschichte. Sie hat für 2014 um sechs Milliarden Dollar für das Land gebeten, so viel wie für kein anderes zuvor.

"Syrien ist 30, 35 Jahre zurückgefallen in seiner Entwicklung", sagt Muhannad Hadi, Syrien-Nothilfe-Koordinator des Uno-Welternährungsprogramms, SPIEGEL ONLINE. Seit 2008 ist er für die Uno im Land. "Die Mädchen, die wir damals unterstützt haben, sehen wir heute als Bettlerinnen auf der Straße wieder. Es ist herzzerreißend."

Als SPIEGEL ONLINE Omar im August 2012 traf, lebte er noch in Damaskus, bei seinen Eltern im Stadtteil Jarmuk. Einen Monat später wurde ihnen Strom und Wasser abgedreht, und das in der Hitze. Immer wieder wurde der Stadtteil von Artillerie beschossen.

Im Dezember flüchtete Omars Familie aus Jarmuk ins Zentrum von Damaskus in ein einziges Zimmer, 100 Dollar im Monat, ein Luxus, den sie sich gerade noch leisten konnten, schließlich gehörten sie vor dem Krieg zur Mittelklasse. Ein lebensrettender Luxus. Jarmuk wird inzwischen unerbittlich belagert. Die Menschen dort verhungern.

Ein zweites Mal demonstrierte Omar nicht

Der junge Akademiker war zu nahezu allem bereit, um die Familie finanziell über Wasser zu halten. Für Malaysia bekam er ein Drei-Wochen-Visum. Dort musste die Jobsituation doch besser sein als in Nahost, oder? Im Februar 2013 verkaufte er alles, was er noch besaß, seinen Laptop, seine Sportschuhe, und lieh sich etwas Geld für ein Flugticket. Im November 2013 verhaftete ihn die malaysische Polizei wegen seines abgelaufenen Visums, seitdem sitzt er im Gefängnis.

Omar hatte sich sein Leben anders vorgestellt. Eigentlich wollte er ins Marketing nach seinem Uni-Abschluss bei einer Firma in Damaskus, einen Traum, den er 2012 begrub. Auch Syriens Zukunft hatte er sich anders vorgestellt. Er glaubte daran, dass die Wirtschaft sich weiterentwickeln würde und er träumte von mehr Freiheit.

Einmal war Omar auf einer Demonstration von Studenten im Frühjahr 2011. Die Sicherheitskräfte jagten sie, mehrere wurden erwischt, verhaftet und gefoltert. Ein zweites Mal demonstrierte Omar nicht.

SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE erzählen, was aus anderen Syrerinnen und Syrern geworden ist, die sie in den vergangenen drei Jahren vorgestellt haben.

* Name von der Redaktion geändert.

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Seite 1
adal_ 16.03.2014
1. Wo sind die Verschwundenen?
Zitat von sysopChristoph ReuterSie sind auf der Flucht, sie hungern, sie schlagen sich durch: Seit drei Jahren leidet das syrische Volk unter den Folgen des Bürgerkriegs, der als Protest gegen Baschar al-Assad begann. Wir erzählen, was aus den Menschen geworden ist, über die wir berichtet haben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-drei-jahre-nach-beginn-der-proteste-ist-das-land-verwuestet-a-957436.html
Was ist aus den Zehntausenden geworden, die in den syrischen Folterknästen auf Nimmerwiedersehen verschwunden sind? Näheres dazu hier: Bilder des Grauens (http://blog.dasmagazin.ch/2014/03/14/bilder-des-grauens/?goslide=0)
gerd.leineune 17.05.2014
2.
Warum leben die Menschen lieber in einer Stadt in der Hunger, Gewalt, Tod und Krankheit mitwohnt, als daß sie auf´s friedlichere, dünner besiedelte Land ziehen ? Ist doch klar, daß Lebensmittel immer schwerer zu bekommen sind und teurer werden, während man selbst kaum eine Chance auf einen Job hat.
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