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05. Juli 2012, 17:05 Uhr

Zerstörungen im syrischen Homs

Die Geisterstadt

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Wo einst Wohnhäuser waren, ist nur noch zerschossener Schutt. Die Angriffe des Assad-Regimes haben in der syrischen Rebellenhochburg Homs dramatische Zerstörungen angerichtet. In den Straßen - kein Mensch. Bilder aus einer Geisterstadt.

Berlin - Ein ganzer Straßenzug in Kosor, einem Stadtteil von Homs, liegt in Trümmern. Vom Wohngebiet ist nur Schutt geblieben. Bilder, die Fotografen verschiedener Nachrichtenagenturen, im Juli vor Ort aufgenommen haben, dokumentieren das Ausmaß der Verwüstung. Wie brutal die Kämpfe in Syrien toben, kann man sich vorstellen, wenn man die Überreste syrischer Städte und Dörfer sieht.

Es müssen schwere Geschosse gewesen sein, die Hochhäuser einstürzen ließen und Häuserhälften wegsprengten. Auf einem Bild ist ein Mehrfamilienhaus zu sehen. Davon sind lediglich das Erdgeschoss und die erste Etage übrig. Die Zerstörungen geben den Blick frei auf einen Raum, der vermutlich einst die Küche war. Die Kacheln an der Wand sind vom Ruß schwarz gefärbt.

Die syrische Armee macht in Homs, der einst drittgrößten Stadt Syriens, rücksichtslos auf die bewaffneten Aufständischen Jagd, mitten ihm Wohngebiet. Ganze Viertel sind inzwischen zerstört und verlassen.

Bilder aus dem Homser Stadtteil Chalidija zeigen einstige Geschäfte, die geplündert und in Brand gesteckt wurden. Die meisten Einwohner von Homs sind im Frühjahr geflohen, als die Armee die Jagd auf die bewaffneten Rebellen in der Stadt eröffnete. Wer nicht die Flucht ergriff, muss damit rechnen, einem Querschläger oder einem Artilleriegeschoss zum Opfer zu fallen. Flüchtlinge erzählen von Angehörigen, die ums Leben kamen, als eine Kugel plötzlich durchs Küchenfenster flog.

Wie viele Menschen vor der Gewalt inzwischen geflohen sind, ist schwer zu sagen. In den Nachbarländern sind knapp 80.000 syrische Flüchtlinge registriert - doch die Dunkelziffer ist vermutlich höher.

Die Uno geht davon aus, dass Ende Mai mindestens eine halbe Million Menschen innerhalb von Syrien auf der Flucht waren - fast dreimal so viele wie noch Anfang April, bevor das Militär seine Offensive auf den Großteil von Homs ausweitete. Homs hatte vor den Aufständen rund 800.000 Einwohner. Viele der Flüchtlinge zogen in die Küstenorte Latakia und Tartus sowie die Hauptstadt Damaskus, wo es noch am sichersten ist. Internationale Organisationen wie das Uno-Flüchtlingswerk oder das Internationale Rote Kreuz unterstützen die Geflohenen dort.

Damaskus und Aleppo, die anderen beiden wichtigen Städte Syriens, wurden bisher noch nicht von der syrischen Armee bombardiert - zumindest die Stadtzentren. In den Vororten und den am Stadtrand gelegenen Vierteln sieht es anders aus. Täglich werden von dort inzwischen erbitterte Gefechte gemeldet.

Bilder aus Atareb, einem kleinen Dorf bei Aleppo, die ein Fotograf im Juli aufgenommen hat, zeigen, wie rasch der Krieg auch in entlegenen Orten ankommt. Ausgebrannte Panzer stehen dort auf der Straße. Die syrische Armee machte auch hier Jagd auf bewaffnete Aufständische, bevor sie Anfang Juli weiterzog, zum nächsten Unruheherd. Die Rebellen endgültig zu besiegen, gelang den Soldaten dabei offenbar nicht. Ein Bild zeigt einen Aufständischen, der an einem der zerstörten Panzer vorbeischlendert. Wie Atareb erging es auch vielen anderen Dörfern im ganzen Land. Und es wäre nicht der erste Ort, den die syrischen Truppen oder regimetreue Milizen mehrmals heimsuchen.

Die meisten Zivilisten sind aus Atareb geflohen. Ein paar Flüchtlinge wagten sich nach dem Abzug der Armee zurück, um nach ihren Habseligkeiten zu schauen. Vielleicht entscheiden sich manche von ihnen dafür, in ihren Heimatort zurückzukehren. Es gibt schließlich kaum noch Gegenden in Syrien, in denen sie sich auf Dauer sicher fühlen könnten.

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