Belagerte Städte in Syrien Aleppo ist überall

Aleppo steht im Zentrum der weltweiten Aufmerksamkeit. Doch in vielen anderen Orten ist die Lage kaum besser. Landesweit sind mehr als eine halbe Million Syrer eingeschlossen. Luftbrücken könnten helfen, doch Assad untersagt sie.

Opfer nach russischem Beschuss in Ghouta bei Damaskus (Januar 2016)
REUTERS

Opfer nach russischem Beschuss in Ghouta bei Damaskus (Januar 2016)

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Die Welt blickt nach Aleppo. Rund zwei Millionen Menschen sind in der syrischen Stadt weitgehend von der Versorgung mit Strom und Trinkwasser abgeschnitten. Auch nachdem islamistische Rebellen den Belagerungsring des Assad-Regimes um den Osten der Stadt durchbrochen haben, kommen kaum Lebensmittel zu den knapp 300.000 Menschen in den am heftigsten umkämpften Vierteln, die in den von Aufständischen beherrscht werden.

Der Kampf um Aleppo sei "zweifellos einer der verheerendsten städtischen Konflikte der Neuzeit", sagt der Chef des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK), Peter Maurer. "Das Ausmaß des Leidens ist immens."

Doch in vielen anderen Orten in Syrien sieht die Lage kaum besser aus. Nach Angaben des Welternährungsprogramms (WFP) leben landesweit weitere rund 580.000 Menschen in Gebieten, die von den Konfliktparteien abgeriegelt sind. Manche Orte haben seit Monaten keine Hilfe von außen mehr erhalten. "Wir fürchten, dass die Situation in den belagerten Gebieten so schlimm ist wie zu Beginn des Jahres, als die dramatischen Bilder der abgemagerten Menschen um die Welt gingen", sagt Jakob Kern, WFP-Landesdirektor in Syrien.

Eingeschlossene Orte in Syrien
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Eingeschlossene Orte in Syrien

Besonders dramatisch ist die Lage in den Orten Madaja, Sabadani, Fua und Kifraja. Die Kriegsparteien in Syrien haben die Menschen in den Kleinstädten als Geiseln genommen und haben ihr Schicksal auf perfide Weise miteinander verquickt.

Ein Mädchen bekommt Hilfe, Zehntausende harren aus

Die Bergorte Madaja und Sabadani im Grenzgebiet zum Libanon werden von Rebellen gehalten. Die syrische Armee und die libanesische Schiitenmiliz Hisbollah haben die Städte jedoch seit mehr als einem Jahr umzingelt und ihre mehr als 40.000 Bewohner von der Außenwelt abgeschnitten. Genau umgekehrt ist die Lage in den von Schiiten bewohnten Orten Fua und Kifraja knapp 300 Kilometer weiter nördlich. Beide Orte werden von der syrischen Regierungsarmee und verbündeten Milizen gehalten. Das Umland wird jedoch von der Terrororganisation Dschabhat Fatah al-Scham kontrolliert.

Im Januar, als in Madaja die ersten Zivilisten verhungert waren, handelten die Konfliktparteien unter Uno-Vermittlung einen Deal aus: Wenn die Menschen in Madaja und Sabadani Hilfsgüter erhalten, bekommen die rund 20.000 Eingeschlossenen in Fua und Kifraja ebenfalls humanitäre Unterstützung. Danach gelangten viermal Hilfskonvois in die belagerten Orte, doch seit April weigert sich das Assad-Regime, Lieferungen nach Madaja und Sabadani zuzulassen. Das bedeutet, dass dort und in den beiden schiitischen Enklaven Zehntausende Menschen hungern müssen. Viele Menschen sind krank und geschwächt und müssten dringend aus den eingekesselten Orten gebracht werden, damit Ärzte ihnen helfen können. Allein in Madaja sollen 45 Menschen an Typhus erkrankt sein.

Ghina Wadi
AFP PHOTO / AMNESTY INTERNATIONAL

Ghina Wadi

Immerhin ein Mädchen bekommt Hilfe: Ein Scharfschütze der Hisbollah hatte die neunjährige Ghina Wadi Anfang August angeschossen, als das Kind gerade versuchte, Medikamente für seine Mutter zu besorgen. Wegen der monatelangen Unterernährung waren die Knochen des Mädchens ohnehin brüchig, im einzigen Feldkrankenhaus von Madaja konnte Ghina nicht operiert werden, die Schmerzmittel gingen auch rasch zu Neige. Aktivisten starteten die Onlinekampagne #SaveGhina - mit Erfolg. In dieser Woche durfte das Mädchen mit seiner Mutter den Kessel verlassen. Beide wurden dem Roten Halbmond übergeben und das Kind wurde erfolgreich in Damaskus operiert.

Nur Deir al-Sor bekommt Hilfe aus der Luft

13 weitere Menschen in Madaja sind in Lebensgefahr und müssten dringend in ein gut ausgestattetes Hospital gebracht werden. Das Regime will sie nur hinauslassen, wenn im Gegenzug 14 Zivilisten aus Fua und Kifraja gelassen werden. Die Verhandlungen laufen seit Tagen - ohne Ergebnis.

Auch in Daraja, Ghuta und anderen Vororten von Damaskus ist seit einem Monat keine Hilfe mehr angekommen. Das Regime verweigert den Vereinten Nationen und dem Welternährungsprogramm die Genehmigung für humanitäre Konvois. Weil alle Welt nach Aleppo blickt, kann das Assad-Regime die Eingeschlossenen dort aushungern lassen - in Orten, die gerade einmal zehn Kilometer vom Palast des Diktators entfernt liegen. "Wir brauchen anhaltenden humanitären Zugang, um zu verhindern, dass Menschen verhungern", fordert WFP-Landesdirektor Kern.

Kinder in Ghuta stehen Schlange für Essen
AFP

Kinder in Ghuta stehen Schlange für Essen

Auch die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) hat in der Stadt Deir al-Sor am Euphrat rund 110.000 Menschen eingekesselt. Sie leben in einer Enklave, die von Regimetruppen gehalten wird. Sie haben in den vergangenen Monaten mehrfach Hilfsgüter aus der Luft erhalten. Die Vereinten Nationen und Russland haben Dutzende Tonnen Lebensmittel an Fallschirmen über Deir al-Sor abgeworfen.

Weil das umzingelte Gebiet nämlich vom Regime kontrolliert wird, haben die Regierungen von Syrien und Russland eine Luftbrücke nach Deir al-Sor genehmigt. Den eingeschlossenen Aufständischen in Aleppo, Madaja, Sabadani, Daraja und Ghuta verweigert Assad diese Hilfe.


Zusammengefasst: Das Assad-Regime und die Terrororganisationen Dschabhat Fatah al-Scham und "Islamischer Staat" (IS) verweigern insgesamt mehr als 500.000 Menschen humanitäre Hilfe. Manche Orte sind seit vier Monaten ohne Versorgung von außen. Das Welternährungsprogramm warnt, dass schon bald wieder Menschen in Syrien verhungern.

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