Syrien Nur wenige verlassen Aleppo durch Fluchtkorridore

250.000 Zivilisten sitzen im belagerten Aleppo fest. Russland und das syrische Regime haben so genannte Fluchtkorridore eingerichtet. Doch nur wenige Menschen nutzen diese.

Regierungssoldaten in Aleppo
AFP

Regierungssoldaten in Aleppo


Nach der Einrichtung sogenannter humanitärer Korridore sind die ersten Zivilisten aus den belagerten Rebellenviertel der syrischen Stadt Aleppo geflohen. "Dutzende Familien" seien in einem von Regierungstruppen kontrollierten Bezirk von Soldaten in Empfang genommen worden, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Sana. Einwohner und Rebellen sprachen von "Lügen" und erklärten, es gebe keinerlei Flüchtlingsbewegungen.

Die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte bestätigte lediglich die Flucht von etwa 20 Menschen aus den von Rebellen gehaltenen Stadtvierteln. Darunter seien keine Kämpfer gewesen. Die Angaben der Beobachtungsstelle lassen sich kaum überprüfen. Die Organisation bezieht ihre Informationen aus einem Netz von Informanten in Syrien. In der Vergangenheit hatten sich die Angaben der Aktivisten aber oft als zuverlässig erwiesen.

Die Zivilisten wurden laut der staatlichen Nachrichtenagentur in Notunterkünfte gebracht. Aufnahmen des Staatsfernsehens zeigten in erster Linie Frauen und Kinder, wie sie in Busse der Armee stiegen. Neben den Familien habe auch eine Gruppe von "Frauen über 40" die östlichen Viertel der einstigen Wirtschaftsmetropole verlassen, berichtete Sana weiter.

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Das russische Verteidigungsministerium gab derweil an, zusätzlich zu den drei vorhandenen Korridoren würden vier weitere Passagen geöffnet. Über die ersten drei Korridore seien bislang 169 Zivilisten gekommen. Zudem hätten sich 69 Rebellen ergeben. 59 Menschen hätten medizinische Hilfe erhalten. Demnach wurden 14 Tonnen Hilfsgüter in das "Gebiet der Passierpunkte" geliefert sowie 2500 Versorgungspakete über den Rebellenvierteln abgeworfen.

Schätzungsweise 250.000 Zivilisten sitzen im Ostteil Aleppos fest. Die internationale Gemeinschaft forderte die Regierungstruppen auf, die Belagerung der Rebellenviertel zu beenden. Hilfsorganisationen warnen seit Tagen vor einer humanitären Katastrophe in Aleppo.

Russland hatte am Donnerstag die Einrichtung mehrerer Fluchtkorridore in der Stadt verkündet. Die Routen sollen den eingeschlossenen Zivilisten sowie Rebellen, die ihre Waffen niederlegen, einen Weg aus der von den Regierungstruppen belagerten Großstadt ermöglichen.

Beobachter und Rebellen vermuten hinter den Fluchtkorridoren den Versuch, den Sturm auf die letzten Rebellenviertel in Aleppo vorzubereiten. Die unausgesprochene Botschaft hinter dem Fluchtangebot lautet demnach: Wer jetzt nicht fliehen kann oder will, ist ein Terrorist und damit legitimes Ziel für Russlands Raketen und Assads Fassbomben.

Die Uno will die Kontrolle über die Fluchtkorridore übernehmen, was Russland und das syrische Militär aber bisher ablehnten. Die syrische Opposition, Rebellen, aber auch mehrere westliche Länder wie die USA hatten die Einrichtung der Hilfskorridore skeptisch beurteilt.

asa/AFP/AP



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