Türkische Offensive IS-Angehörige sollen aus Lager in Nordsyrien geflohen sein

Mit der türkischen Offensive in Syrien wächst die Sorge über ein erneutes Erstarken des IS. Die SDF halten Zehntausende Anhänger der Terrormiliz gefangen. Hunderte von ihnen sollen nun entkommen sein.

ERDEM SAHIN/EPA-EFE/REX

Die von der kurdischen YPG angeführten "Syrian Democratic Forces" (SDF) haben im Kampf gegen den "Islamischen Staat" eine entscheidende Rolle gespielt. Im März verkündeten sie den Sieg über das "Kalifat". Bis heute haben sie Zehntausende Unterstützer der Terrormiliz in Lagern gefangen. Doch die türkische Offensive in Nordsyrien macht es den Kurdenmilizen zunehmend schwer, die Gefangenen unter Kontrolle zu halten. Nun soll erstmals seit Beginn der Militäroperation mehreren Inhaftierten die Flucht gelungen sein.

Fast 800 IS-Angehörige sind nach jüngsten Angaben der kurdischen Behörden entkommen. 785 Frauen und Kinder seien aus der Einrichtung in Ain Issa geflohen, teilte die Verwaltung der halbautonomen Kurdenregion mit. Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte verließen die Wachen das Lager, nachdem es in der Nähe Gefechte der türkischen Armee mit kurdischen Kämpfern gegeben hatte.Laut der Beobachtungsstelle fliehen die Insassen des Lagers nun "nach und nach".

Die Türkei hatte am Mittwoch ihre lange angedrohte Militäroffensive gegen die Kurdenmiliz YPG in Nordsyrien begonnen. Ziel der Offensive ist die Kurdenmiliz YPG, die auf syrischer Seite der Grenze ein großes Gebiet kontrolliert. Die Türkei sieht in ihr einen Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK in der Türkei und damit eine Terrororganisation. Sie will entlang der Grenze eine sogenannte Sicherheitszone einrichten und dort auch syrische Flüchtlinge ansiedeln, die derzeit in der Türkei leben.

Der Einmarsch türkischer Truppen in Nordsyrien steht international in der Kritik. Mehrere Staaten fordern ein Ende der Offensive. Die USA drohten Ankara mit Wirtschaftssanktionen. Am Samstag schränkten mehrere europäische Länder - darunter auch Deutschland - ihre Rüstungsexporte an die Türkei ein.

SDF können weitere Haft nicht garantieren

Große Bedenken löst auch die Frage aus, was mit den IS-Anhängern in den kurdischen Gefangenenlagern passiert. Rund 11.000 IS-Kämpfer befinden sich in Haft - darunter nach Schätzung auch etwa hundert Deutsche. Dazu kommen noch rund 73.000 Angehörige von IS-Kämpfern, Frauen und Kinder, etwa 63.000 Syrer und Iraker sowie 11.000 Ausländer.

Der in Berlin ansässige Vertreter der kurdischen Gebiete, Ibrahim Murad, sagte der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung": "Wir können die weitere Haft der Dschihadisten nicht garantieren", da alle Soldaten an der Grenze gebraucht würden.

Auch der ehemalige US-Verteidigungsminister und General James Mattis warnte in einem NBC-Interview vor einem Wiedererstarken des IS. Die Terroristen seien nicht besiegt - und es sei fraglich, ob die Kurden trotz des türkischen Militäreinsatzes in der Lage sein würden, den Kampf gegen den IS aufrechtzuerhalten.

asc/Reuters/AFP

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