SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

22. Januar 2018, 17:09 Uhr

Türkische Invasion in Syrien

Erdogans Geschenk an Assad

Von

Die syrische Region Afrin blieb vom Krieg verschont, Wirtschaft und Verwaltung funktionieren. Trotzdem will der türkische Präsident Erdogan sie "befreien". Dahinter steckt wohl ein Deal mit Putin und Assad.

Der Olivenzweig gilt seit der Antike als ein Symbol des Friedens. Für Zehntausende Menschen im Grenzgebiet zwischen Syrien und der Türkei bedeutet er in diesen Tagen Krieg. Denn der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat seiner Militäroffensive gegen die kurdische YPG-Miliz in der Region Afrin ausgerechnet diesen Namen gegeben: "Operation Olivenzweig".

Seit knapp einer Woche beschießt das türkische Militär die kurdische Enklave, am Wochenende begann die Invasion, unter anderem mit Leopard-2-Panzern aus deutscher Produktion. Mehr als 20 Menschen sind seither in Afrin getötet worden. In der türkischen Grenzstadt Reyhanli kam ein Mensch ums Leben, als die YPG-Miliz Raketen auf den Ort feuerte.

Erdogan rechtfertigt den Einmarsch damit, dass die kurdischen Milizen die nationale Sicherheit der Türkei bedrohten. Die YPG gilt als syrischer Arm der PKK - die verbotene kurdische Arbeiterpartei ist neben der Gülen-Bewegung der erklärte Hauptfeind des türkischen Staats. Ziel der Offensive sei es, die YPG aus dem Grenzgebiet zu vertreiben und die Bewohner von Afrin von der "Unterdrückung durch Terroristen" zu befreien, heißt es aus Ankara.

Angriff auf ein unzerstörtes Gebiet

Doch derzeit deutet nichts darauf hin, dass sich die Menschen in der Grenzregion überhaupt "befreien" lassen wollen. Hunderttausende Menschen leben in der Stadt Afrin und den mehr als 300 Dörfern in der Umgebung. Unter ihnen sind viele, die aus anderen Landesteilen hierher geflüchtet sind. Denn bislang gehört die Region zu den wenigen Gebieten in Syrien, an denen fast sieben Jahre Krieg nahezu spurlos vorbeigezogen sind.

Weil sich die Kurden nie offen gegen das Regime von Baschar al-Assad gestellt haben, ist Afrin von Luftangriffen verschont geblieben. Statt Zerstörungen gibt es eine halbwegs florierende Wirtschaft und eine funktionierende Verwaltung. Nirgendwo in Syrien sind die Kurden einem eigenen Mini-Staat nähergekommen als in Afrin - und genau deshalb will Erdogan die Enklave unter seine Kontrolle bringen.

Dabei setzt der türkische Staatschef nicht nur auf die eigene Armee, sondern auch auf verbündete syrisch-arabische Milizen. Das türkische Militär brachte in den vergangenen Tagen Hunderte arabische Kämpfer aus der Gegend um die syrische Stadt al-Bab in die Türkei. Sie kommen aus dem Gebiet in Nordsyrien, das die Türkei seit Beginn ihrer Operation "Schutzschild Euphrat" eingenommen hat und seither besetzt hält.

Die Kurden fühlen sich im Stich gelassen

Hinzu kommen Milizen aus der syrischen Provinz Idlib, allen voran die Rebellengruppe Faylaq al-Sham. Deren Vorgehen zeigt beispielhaft, wie sehr sich Syriens Aufständische von ihren ausländischen Finanziers dirigieren lassen. Obwohl Idlib seit Wochen aus dem Süden von syrischen Regierungstruppen angegriffen wird, konzentrieren sich Faylaq al-Sham auf den Kampf gegen die Kurden im Norden - weil die Türkei das im Moment so will.

Bei den Kurden reift hingegen einmal mehr die Erkenntnis, von den Großmächten im Stich gelassen worden zu sein. Sie haben große Opfer im Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) gebracht und haben in ihren Gebieten halbwegs demokratische Strukturen geschaffen. Doch die erhoffte Kriegsdividende bleibt aus. Die US-Regierung hatte vage die Schaffung einer Grenzschutztruppe in Nordsyrien angekündigt, deren Rückgrat die YPG bilden sollte. Damit lieferte sie Erdogan einen willkommenen Vorwand für die Intervention - und belässt es nun bei mahnenden Worten in Richtung Ankara.

Russland hatte wiederum Militärbeobachter in Afrin stationiert. Die Kurden hofften, die Soldaten würden den Schutz vor türkischen Angriffen garantieren. Stattdessen zog Moskau seine Kräfte am Wochenende mit Beginn der "Operation Olivenzweig" ab. "Russland hat uns betrogen", heißt es in einer Erklärung der YPG-Führung.

Der russische Präsident Wladimir Putin lässt Erdogan vorerst gewähren, weil die Offensive Assads Machterhalt nicht gefährdet. Im Gegenteil: Die Offensive bindet sogar Kräfte, die nun den Rebellen in Idlib im Kampf gegen das Regime fehlen.

Für Erdogan ist Afrin nur der Anfang

Die US-Regierung wiederum ist offenbar zu dem Schluss gekommen, dass es kontraproduktiv wäre, wegen Afrin den offenen Konflikt mit der Türkei zu suchen. Sie scheint sich ohnehin kaum noch für den Syrienkrieg zu interessieren. Also lässt Donald Trump Erdogan gewähren.

Der hat längst angekündigt, Afrin solle nur der Anfang sein: In einem zweiten Schritt wolle das türkische Militär die Gegend um Manbidsch erobern. Genau dort wollen die USA eigentlich ihre Grenzschutztruppe für Syrien ausbilden. Mit einem Angriff auf Manbidsch würde Erdogan also Trump offen herausfordern.

Doch derzeit ist noch nicht einmal das Ende der Offensive in Afrin absehbar. Die kurdischen Einheiten leisten erbitterten Widerstand, die türkischen Truppen und ihre arabischen Verbündeten kommen nur langsam voran. Doch selbst wenn sie die YPG zurückdrängen - es ist derzeit völlig unklar, wer das eroberte Gebiet dann kontrollieren soll. Die türkische Armee würde als Besatzer wahrgenommen und müsste sich auf einen Guerillakrieg in Afrin einstellen. Die arabischen Milizen verfügen kaum über die militärischen Fähigkeiten, dort als Schutzmacht aufzutreten. Und eine kurdische Truppe, die das Gebiet nach den Wünschen Erdogans sichern würde, ist nicht in Sicht.

Vertreter der YPG streuen deshalb das Gerücht, die Türkei und Russland wollten das Gebiet dem Assad-Regime überlassen. Entsprechende Signale soll das Außenministerium in Ankara ausgesandt haben. Die syrische Regierung soll demnach versprochen haben, die Kurden in Afrin zu schützen. Im Gegenzug habe die Türkei zugesichert, ein Vorrücken der syrischen Regierungstruppen zu dulden.

So würde dann auch der Name der Militäroperation Sinn ergeben: Erdogan reicht Assad einen Olivenzweig, als Zeichen für seine Bereitschaft zum Frieden - errungen auf dem Rücken der Kurden.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung