Offensive in Nordsyrien "Lieber mit Assad als allein gegen Erdogan"

Mehr als hunderttausend Menschen sind vor dem türkischen Einmarsch in Nordsyrien geflohen. Was erhoffen sich die Kurden von der Allianz mit dem Assad-Regime?
Exodus in Nordsyrien: Mehr als 150.00 Menschen sind auf der Flucht

Exodus in Nordsyrien: Mehr als 150.00 Menschen sind auf der Flucht

Foto: Delil SOULEIMAN / AFP

SPIEGEL: Seit einer Woche läuft die Offensive der Türken in Nordsyrien - die Operation richtet sich gegen die kurdische YPG. Welche Strategie verfolgt Präsident Recep Tayyip Erdogan gegen die Miliz?

Gürbey: Erdogan sieht in der YPG einen Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Er will die PKK vernichten und eine Erstarkung der Kurden insgesamt verhindern. Im eigenen Land geht er mit politischen und militärischen Repressionen gegen Kurden vor. Im Grunde ist die Offensive eine Fortsetzung dieser Gewaltstrategie - mit dem Ziel, die kurdische Selbstverwaltung zu zerstören. Bisher hat er Erfolg.

Zur Person
Foto: Akademie für politische Bildung Tutzing

Gülistan Gürbey ist habilitierte Privatdozentin am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin. Schwerpunkte ihrer Arbeit sind Friedens- und Konfliktforschung, De-facto-Staaten, internationaler Minderheitenschutz, Nahostpolitik, insbesondere Türkei, Kurden und Kurdistan sowie Zypern. Sie ist Autorin mehrerer Bücher, unter anderem von "Between State and Non-State. Politics and Society in Kurdistan-Iraq and Palestine".

SPIEGEL: Nun hat die YPG einen Pakt mit Syriens Diktator Baschar al-Assad geschlossen. Warum?

Gürbey: Die Kurden sind auf sich allein gestellt, in einem asymmetrischen Krieg, den sie nicht gewinnen werden und können. Das wissen sie auch. Die unterlassene Hilfeleistung des Westens hat sie dazu gebracht, sich an Assad zu wenden.

SPIEGEL: Allerdings sprachen die Kurden selbst von einem "schmerzhaften Kompromiss". Was erhoffen sie sich davon?

Gürbey: Die Art der Selbstverwaltung, die sie jetzt haben, können sie unter Assad in dieser Form nicht beibehalten. Allerdings agieren sie lieber mit Assad als allein gegen Erdogan.

SPIEGEL: US-Präsident Donald Trump hat den einstigen kurdischen Verbündeten am Wochenende zum Rückzug geraten. Wäre ein solches Szenario realistisch?

Gürbey: Nein. Das würde bedeuten, dass die Kurden den Weg für die türkische Besatzung der gesamten Region frei machen würden. Auch hieße das hinzunehmen, dass die kurdische Bevölkerung und weitere Minderheiten in der Region drangsaliert und vertrieben würden.

SPIEGEL: Bereits jetzt werden ethnische Säuberungen befürchtet.

Gürbey: In Afrin wurden vergangenes Jahr 200.000 Kurden vertrieben - und islamistische Milizen mit ihren Familien angesiedelt. Das gleiche Schicksal erwartet die Kurden in Nordsyrien, wenn Erdogan erfolgreich ist. Die demografische Veränderung der Region zuungunsten der Kurden ist ein wesentliches Ziel.

SPIEGEL: Welche Strategie verfolgen die Kurden denn jetzt?

Gürbey: Sie stecken in einer sehr schwierigen Situation und sind angewiesen auf die regionalen Anrainerstaaten, von denen viele antikurdisch eingestellt sind. So viele Möglichkeiten haben sie nicht. Ihr Handlungsspielraum ist sehr begrenzt. Und es wäre politisch und strategisch übertrieben, allzu viel von den Kurden zu erwarten.

SPIEGEL: Wie überraschend war der Rückzug der US-Truppen? Trump hatte bereits zuvor angekündigt, seine Soldaten nach Hause holen zu wollen.

Gürbey: Es gab ja bereits vorher Verhandlungen der USA mit der Türkei und der YPG. Die Kurden hatten sich schon ein Stück zurückgezogen. Insofern war ihnen die Gefahr eines Einmarschs immer bewusst, dass es jetzt so schnell kam, war dennoch überraschend.

SPIEGEL: International wird Erdogans Vorgehen stark kritisiert. In der Türkei hat sich lediglich die HDP gegen die Offensive gestellt.

Gürbey: Hier zeigt sich der türkische Nationalismus in seiner extremen Version, aber auch in seiner Normalität und antikurdischen Grundlage. Sobald es um die Kurden geht, gibt es eine einheitliche Agenda. Die Opposition hat Einmärsche dieser Art immer unterstützt, warum sollte sie das jetzt also nicht tun?

SPIEGEL: Was bedeutet das für das Verhältnis zwischen Kurden und Türken im Land?

Gürbey: Das Verhältnis ist ohnehin angespannt, in Zeiten der Gewalt wird das noch spürbarer. Spontane Ausschreitungen sind nicht auszuschließen. Innenpolitisch ist das eine Gratwanderung. Allerdings herrscht im Innern staatliche Repression insbesondere gegen die Kurden, gegen Kritiker der Offensive wird rigoros vorgegangen.

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