Umstrittener Militäreinsatz in Syrien Türkei verzeichnet ihre bislang schwersten Verluste in Afrin

Im Nordwesten Syriens geht das türkische Militär gegen die Kurdenmiliz YPG vor. Bei der Offensive wurden mehrere Soldaten getötet. Menschenrechtler werfen türkischen Grenzern vor, auf Flüchtlinge zu schießen.
Türkischer Soldat in Syrien

Türkischer Soldat in Syrien

Foto: NAZEER AL-KHATIB/ AFP

Bei der türkischen Offensive gegen die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) in Nordwestsyrien sind mehrere türkische Soldaten getötet worden. Fünf Soldaten seien am Samstag bei einem Angriff der YPG auf einen türkischen Panzer in der Region Afrin ums Leben gekommen, berichtete die kurdische Nachrichtenseite Rudaw unter Berufung auf das türkische Militär.

Zwei weitere seien zuvor bei Zusammenstößen mit kurdischen Kämpfern in Afrin und auf der türkischen Seite der Grenze getötet worden, hieß es. Es handelt sich den Angaben zufolge um die bisher höchste Zahl türkischer Todesopfer in dem Konflikt an einem einzigen Tag.

Am Sonntag kamen zwei weitere türkische Soldaten ums Leben, wie das türkische Militär mitteilte. Damit stieg die Zahl der im Zuge der vor rund zwei Wochen gestarteten Operation "Olivenzweig" getöteten türkischen Soldaten auf insgesamt 16.

Ebenfalls im Nordwesten Syriens schossen Rebellen einen russischen Kampfjet ab. Das Flugzeug sei mit einer tragbaren Luftabwehrrakete beschossen worden, teilte das russische Verteidigungsministerium laut der Nachrichtenagentur Tass mit. Der Pilot habe daraufhin gemeldet, dass er mit dem Fallschirm in einem von der islamistischen Nusra-Front kontrollierten Gebiet niedergehe. Er sei "im Kampf mit Terroristen ums Leben gekommen".

Foto: DER SPIEGEL

Die türkische Armee geht seit rund zwei Wochen im Norden Syrien gegen die Kurdenmiliz YPG vor, die große Gebiete entlang der syrisch-türkischen Grenze kontrolliert. Die Türkei bezeichnet die YPG als "Terroristen" und sieht sie als verlängerten PKK-Arm an. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan rechtfertigt den Einsatz damit, dass die YPG die nationale Sicherheit der Türkei bedrohten. Bei der Offensive kommen auch deutsche "Leopard"-Panzer zum Einsatz.

Der Militäreinsatz ist international umstritten. Die USA unterstützen die YPG-Kämpfer mit Waffen und Spezialkräften im Kampf gegen die Dschihadisten. Die Offensive ihres Nato-Partners bringt Washington in eine schwierige Situation. US-Präsident Donald Trump mahnte die Türkei zur Zurückhaltung.

Proteste in Deutschland und Frankreich

In Deutschland und Frankreich demonstrierten unterdessen am Samstag Tausende Menschen gegen die "Operation Olivenzweig". Allein in Stuttgart sprach die Polizei von 5000 Teilnehmern bei Protesten, darunter waren viele Kurden. In Hamburg waren es demnach 1700 Menschen. Dort hatten kurdische, türkische und deutsche Organisationen zu dem Protest aufgerufen und ein Ende der Gewalt und die Einstellung deutscher Rüstungsexporte an die Türkei gefordert.

In Hannover meldete die Polizei rund 1200 Menschen bei den Protesten. Demonstriert wurde auch in Göttingen, Lingen und Oldenburg. Von Störungen wurde nichts bekannt, wie die zuständigen Polizeistationen mitteilten. In Bonn gingen 2000 Menschen auf die Straße. Dort seien vereinzelt Teilnehmer mit Fahnen der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK oder von der Partei nahestehenden Organisationen angetroffen worden, so die Polizei. Vor einer Woche hatten Einsatzkräfte in Köln eine Kurdendemo mit mehr als 20.000 Menschen wegen "massiver und fortlaufender Verstöße gegen das Versammlungsgesetz" aufgelöst.

Vorwürfe von Human Rights Watch

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch wirft türkischen Grenzsoldaten derweil vor, auf Flüchtlinge aus Syrien zu schießen. Zahlreiche Zivilisten hätten versucht, vor den Kämpfen in Syrien zu fliehen, seien von den Grenzsoldaten aber mit Schüssen zurückgetrieben oder misshandelt worden.

Die Nichtregierungsorganisation stützt sich auf Aussagen von 16 Syrern, die zwischen Mai und Dezember 2017 heimlich über die Grenze in die Türkei gelangt waren. 13 von ihnen gaben an, beschossen worden zu sein. Außerdem seien sie Zeugen des Todes von mindestens zehn Menschen geworden, darunter ein Kind. Einige erzählten, sie seien festgenommen und geschlagen worden. Medizinische Versorgung sei ihnen verweigert worden.

Human Rights Watch forderte die Türkei auf, alle Menschen aufzunehmen, die vor den Kämpfen in der syrischen Provinz Idlib und der türkischen Militäroffensive in der Region Afrin auf der Flucht seien. Nach ihren Angaben sind allein seit Dezember 272.000 Menschen vor der Offensive syrischer Regierungstruppen in der von Rebellen kontrollierten Provinz Idlib geflohen.

Der türkische Präsidentschaftssprecher sagte, sein Land verfolge gegenüber den Flüchtlingen eine Politik der "offenen Tür". Möglicherweise beziehe sich Human Rights Watch auf Einzelfälle, diese werde die Türkei untersuchen. Die Türkei hat seit 2011 etwa 3,5 Millionen Flüchtlinge aus dem Nachbarland aufgenommen. Seit August 2015 versucht sie jedoch, Flüchtlinge zurückzuweisen, die über ihre Südgrenze ins Land kommen wollen.

wit/dpa/AFP/Reuters