Regime-Offensive in Syrien Mit Operation "Nordsturm" gegen Aleppos Rebellen

Die Grenzstadt Kusair fiel nach einer mörderischen Schlacht zurück an die Regierungssoldaten - nun hat das Assad-Regime die Metropole Aleppo ins Visier genommen. Auch die Rebellen schicken ihre härtesten Kämpfer an die Front und sehnen dringend neue Waffenlieferungen herbei.

REUTERS

Aus Aleppo berichtet Kurt Pelda


Es heißt "Tor des Friedens", doch in Wirklichkeit ist es einer der Schlüssel zum Bürgerkrieg in Syrien: der Grenzübergang zwischen der türkischen Stadt Kilis und dem syrischen Asas, einer Hochburg des Widerstands. 77 Lastwagen und Sattelschlepper warten auf der türkischen Seite auf die Überfahrt nach Syrien, viele vollgepackt mit Getreidesäcken. Bei anderen ist die Ladung mit Planen verdeckt. Verstärkt durch schiitische Hisbollah-Milizionäre aus Libanon hofft die Armee von Präsident Assad, die Kontrolle über das "Tor des Friedens" wiederzuerlangen.

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Heft 25/2013
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Die Nachschubwege der Rebellen zu kappen ist das wichtigste Ziel der mit Fanfaren angekündigten Großoffensive. Mit dem "Nordsturm" getauften Vorstoß will Assad an den Erfolg im Zentrum des Landes anknüpfen, wo Hisbollah und Armee nach einem mehr als zwei Wochen dauernden Ringen die Kleinstadt Kusair erobert haben.

In umgekehrter Richtung warten auf der syrischen Seite drei mit Rohbaumwolle beladene Sattelschlepper auf den Grenzübertritt. "Das ist unser letzter Exportschlager", sagt Abu Said, ein 24-jähriger Aktivist und Reporter aus der Kleinstadt Asas mit einem ironischen Unterton. "Alle wissen, dass sich Dschabhat al-Nusra damit eine goldene Nase verdient, auch wenn die türkischen Käufer nur die Hälfte des Weltmarktpreises bezahlen." Dschabhat al-Nusra ist die syrische Filiale von al-Qaida. In Asas haben ihre Kämpfer soeben eine Qaida-Fahne vor das lokale Gericht gehängt.

Ein Nusra-Kämpfer, ganz in Schwarz gekleidet, bittet um eine Mitfahrgelegenheit. Der Wagen durchquert Asas und erreicht kurz danach die Autobahn, die nach Aleppo führt. In der Gegenrichtung haben die Rebellen die Straße mit einem Erdwall verbarrikadiert. Ein Schützenpanzer richtet sein Geschützrohr drohend nach Norden. Aber Aleppo liegt doch im Süden?

"Hier belagern wir die Kurdenenklave Afrin, weil die Kurden die schiitischen Kleinstädte Nubl und Sahra heimlich mit Nachschub versorgen, obwohl wir seit Monaten versuchen, die Ortschaften abzuschnüren", erklärt Abu Said die Lage.

Im Großraum Aleppo kämpfen unter anderem syrische und libanesische Schiiten auf der Regierungsseite gegen den mehrheitlich sunnitischen Widerstand. Mit der türkisch-kurdischen PKK verbündete Kurdenmilizen liefern sich wiederum Scharmützel mit den Rebellen, unter denen sich aber ebenfalls kurdische Einheiten befinden. Und in den kurdischen Vierteln von Aleppo schießen sämtliche Kurdenfraktionen - also auch jene, die mit der PKK liiert sind - auf die Regierungssoldaten und die mit ihnen verbündeten Hisbollah-Kämpfer. Es ist schwierig, in diesem Konflikt die Übersicht zu bewahren.

Tschetschenische Dschihadisten kämpfen diszipliniert

Jenseits der Autobahn setzt der Fahrer den Qaida-Kämpfer in einem kleinen Dorf ab. Es ist inmitten von Olivenhainen malerisch auf einer Anhöhe gelegen. Auf einer Kinderschaukel sitzen drei Dschihadisten mit dicken Turbanen, die so gebunden sind, wie das eigentlich bei den afghanischen Paschtunen üblich ist. In der Hand halten die Männer kleine Koranausgaben. Während sie darin lesen, schwingt die Schaukel hin und her.

In Sichtweite des Dorfes liegt der Hubschrauberflugplatz Minak, der nördlichste noch von Assads Soldaten gehaltene Stützpunkt bei Aleppo. Er wird seit Monaten belagert. Jeweils früh am Morgen taucht ein Hubschrauber hoch am Himmel auf und wirft Nachschub ab, dunkle Behälter, deren weiße Fallschirme sich erst kurz über dem Boden öffnen. Wahrzeichen der Basis ist ein imposanter Wasserturm aus Beton, in dessen massiven Stützpfeiler Soldaten Schießscharten gemeißelt haben. Dadurch können sie die Rebellen in der Ebene von oben beschießen. Diese legten daraufhin ein System aus Schützengräben und Tunnels an, um sich den eingeschlossenen Kampf- und Schützenpanzern auf Schussdistanz anzunähern.

Wie die Schiitenenklaven von Nubl und Sahra gehört auch die Befreiung der Hubschrauberbasis zu den Zielen der Regierungsoffensive. In Minak wird die Hauptlast des Kampfes inzwischen von Hunderten tschetschenischer Dschihadisten getragen. Sie sind disziplinierter und kriegserfahrener als die Einheimischen. Und sie nehmen auch hohe Verluste in Kauf, um ihre Ziele zu erreichen. Die Friedhöfe der Umgebung legen davon Zeugnis ab.

Die Tschetschenen zählen zur sogenannten Armee der Emigranten und Unterstützer unter dem Kommando eines Manns mit dem Pseudonym Abu Omar al-Schischani. Schischani heißt Tschetschene.

Qaida-Fahne auf dem Wasserturm

Versteckt hinter einer Hausruine macht sich eine Gruppe von etwa 30 Tschetschenen zum Gefecht bereit. Einer von ihnen trägt ein modernes Nachtsichtgerät. Sie schleichen durch das hohe Gras und die Schützengräben nahe an die Basis heran, während die Panzer beim Hauptgebäude der Basis eine Granate nach der andern abfeuern. Die Geschosse fauchen über die Köpfe der Tschetschenen hinweg und explodieren nutzlos in der Ferne. Die Detonationen setzen einzig die reifen Weizenfelder in Brand, die den Flugplatz umgeben.

"Hier, guck mal", sagt Abu Saer, ein lokaler Kämpfer. "Die Tschetschenen haben sogar einen russischen T-72-Panzer erbeutet. Damit beschießen sie den Wasserturm." Tatsächlich ist das Gefährt hinter ein paar Zypressen versteckt. Auf dem Panzerturm weht die schwarze Qaida-Flagge mit dem muslimischen Glaubensbekenntnis und dem typischen weißen Kreis. In großer Höhe dreht ein Kampfflugzeug seine Runden. Die Flugabwehr feuert Granaten in die Luft, doch sie erreichen nur die halbe Höhe. Mit gelben Blitzen explodieren die Geschosse im Abendhimmel - ebenso nutzlos wie die Panzergranaten.

Keine 15 Kilometer weiter südlich feuern Rebellen Raketen auf die Schiitenenklave Nubl. Dort sollen sich neben lokalen Schiiten-Milizen und Armeeeinheiten auch Hisbollah-Kämpfer verschanzt haben. Ein deutscher Dschihadist mit blauen Augen, Anfang bis Mitte 20, steht hinter einem Sandsackwall und beobachtet die Einschläge durch ein Fernglas. Er trägt eine schwarze Kluft, die wohl an jene der afghanischen Taliban erinnern soll. Seine erste Frage lautet: "Wie lange bist du schon Muslim?" Und auf die Bitte, Nubl fotografieren zu dürfen, antwortet er artig: "Da muss ich zuerst den Emir fragen."

Sprengfallen und Bomben

Noch einmal 15 Kilometer weiter südlich verläuft die Front bei ein paar im Rohbau fertiggestellten Wohnhäusern auf einem Hügel der Ortschaft Maarrat al-Artik. Es ist einer der Vororte im Nordwesten von Aleppo, die den Vormarsch der Regierungstruppen Richtung Nubl und Minak behindern. Ungewohnte Dinge geschehen hier. Die Rebellen haben die Häuser mit Sprengfallen präpariert. Überall liegen selbstgebastelte Bomben und elektrische Drähte. Sollten die Regierungstruppen die Gebäude erobern, werden die Aufständischen sie in die Luft sprengen. Unentwegt schickt derweil ein Maschinengewehr der Gegenseite seine Garben herüber.

"Die Hisbollah-Kämpfer sitzen da drüben in den Häusern, keine 200 Meter entfernt", sagt Abu Aiman, einer der Aufständischen. Zwischen den Bomben am Boden sind leere Kartons und Beipackzettel verstreut. "Pasta with Garden Vegetables", "Product of USA" und "Islamic Food & Nutrition Council of America" steht da etwa geschrieben. "Das ist, was uns Obama als Hilfe gegen die Hisbollah schickt", lästert Abu Aiman. "Als ob wir Nahrungsmittel nötig hätten. Wir brauchen Panzer- und Flugabwehrwaffen und Munition, viel Munition."

Ganz so schlimm ist es allerdings nicht. Vor wenigen Tagen hat die "Einheitsbrigade" der Freien Syrischen Armee in Maarrat al-Artik und Umgebung eine Lieferung Panzerabwehrlenkwaffen des russischen Typs 9M113 Konkurs erhalten. Davon haben die Kämpfer sogar einige Werfer an die Brigade "Nureddin al-Zinki" abgegeben, eine vergleichsweise säkulare Einheit, die einen Frontabschnitt weiter westlich hält. In einer Ecke des verminten Rohbaus liegt außerdem ein leerer Geschossbehälter mit der Aufschrift 9M133-1. Es handelt sich um eine moderne Panzerabwehrlenkwaffe des russischen Typs Kornet, Reichweite bis zu 5,5 Kilometer. "Damit haben wir gestern einen Panzer vernichtet", sagt Abu Aiman.

Stolz zeigen die Rebellen Videos auf ihren Mobiltelefonen, die gleich mehrere Abschüsse nordwestlich von Aleppo dokumentieren. Es scheint, als ob Assads Panzerbesatzungen nicht lange überleben, wenn sie sich aus dem für sie sicheren Westteil der Metropole herauswagen.

Es sieht auch so aus, als ob die Waffenlieferanten der Rebellion nicht bereit seien, eine Wiederholung der Niederlage von Kusair im ungleich wichtigeren Aleppo zuzulassen.

insgesamt 193 Beiträge
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Seite 1
Zaphod 18.06.2013
1. Propagandafront
Wie schön, dass die Rebellen diszipliniert kämpfen, so gehört es sich für Rebellen. Schön ist auch, dass sie Nachschub "herbeisehnen". Tatsächlich sehnen viele Syrer endlich das Ende des Bürgerkriegs herbei und wünschen sich den Sieg über die Terroristen, die ihr Land ins Chaos stürzen.
llofwyr 18.06.2013
2. Man muss die aktuelle ...
Zitat von sysopREUTERSDie Grenzstadt Kusair fiel nach einer mörderischen Schlacht zurück an die Regierungssoldaten - nun hat das Assad-Regime Aleppo ins Visier genommen. Die Rebellen müssen ihre härtesten Kämpfer an die Front schicken. Sie sehnen dringend frische Waffen herbei. http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-die-front-bei-aleppo-a-906151.html
... Gefahrenlage nicht unbedingt so hoch einschätzen, wie der Autor des folgenden Artikels. Man kriegt aber einen guten Überblick davon, worum es wirklich in Syrien geht: Obama – Putin: Letztes Treffen vor dem 3. Weltkrieg? | Krise Selbsthilfe Selbstversorgung Krisenvorsorge (http://krise-selbsthilfe-selbstversorgung-krisenvorsorge.com/obama-putin-letztes-treffen-vor-dem-3-weltkrieg/)
Mvk 18.06.2013
3. optional
Bezüglich der Rohbaumwolle und anderer Güter hätte man doch noch nachhaken können. Da ist vermutlich nichts redlich erworben sondern wurde den syrischen Bauern gestohlen. Warum werden solche Verbrecherbanden weiter von "unseren" Regierungen unterstützt?
harald441 18.06.2013
4. Also ich drücke
Syriens Staatschef Assad die Daumen, weil nicht ein einziger unserer Journalisten sich mal auf die Seite seiner Armeeinheiten begibt, um auch einmal deren Sicht der Dinge zu erfahren. Aber wir leben ja einen "freien" Westen und haben eine "freie" Berichterstattung.
juchtenkäfer 18.06.2013
5. Sollen wir gleich mitkämpfen?
Ihr Artikel enthält einige Formulierungen, die mich befremden. Folgendes kann ich aus ihrem Bericht herauslesen: Auf der einen Seite sind gute Gruppen wie Nusra-Kämpfer - Rebellen - tschetschenischer Dschihadisten - al-Qaida, die unsere Unterstützung brauchen und auf der anderen Seite sind böse Gruppen wie Kurden, Hisbollah, Schiiten. Zu einseitig!
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