Sednaja-Gefängnis Assads schlimmster Folterkerker

Das syrische Militärgefängnis Sednaja ist berüchtigt. Tausende Menschen wurden dort in den vergangenen Jahren getötet. Mehr als 400 ehemalige Inhaftierte haben nun von den Misshandlungen berichtet, die sie dort erlebt haben.
Militärgefängnis Sednaja in Syrien (Luftaufnahme von 2017): zu Spitzenzeiten bis zu 20.000 Häftlinge

Militärgefängnis Sednaja in Syrien (Luftaufnahme von 2017): zu Spitzenzeiten bis zu 20.000 Häftlinge

Foto: AFP/ Amnesty International

Das Zentrum des Grauens liegt nur ein paar Kilometer entfernt vom jahrhundertealten Idyll des griechisch-orthodoxen Klosters Unserer Lieben Frau von Sednaja: das syrische Militärgefängnis Sednaja. Aus der Luft ähnelt es einem Mercedes-Stern; in seinen drei backsteinroten Flügeln sind die Zellen. Daneben, in einem weißen Gebäude, befinden sich weitere Zellen sowie der Hinrichtungsraum. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International nannte die Einrichtung 2017 ein "Schlachthaus für Menschen": Allein zwischen September 2011 und Dezember 2015 wurden dort zwischen 5000 und 13.000 Menschen ermordet .

Sednaja ist das berüchtigtste Gefängnis Syriens. Es ist zwar nur eine von rund 30 Haftanstalten des Landes, doch wie keine andere Vollzugsanstalt symbolisiert Sednaja unvorstellbare Folter und Grauen des Regimes von Machthaber Baschar al-Assad. Kaum jemand wagt es, den Namen des Gefängnisses öffentlich auszusprechen. (Lesen Sie hier einen detaillierten Bericht über die Folterungen in Sednaja)

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Gefängnis Syrien: "Schlachthaus für Menschen"

Foto: AFP/ Amnesty International

Was genau dort, nördlich der Hauptstadt Damaskus, vor sich geht, versuchen Menschenrechtler akribisch zu dokumentieren. Ausgerechnet wegen des Bürgerkrieges gelingt dies nun weitaus leichter als in den Anfangstagen des Gefängnisses in den Achtzigerjahren: Viele ehemalige Insassen und Wärter leben nicht mehr unter der Herrschaft Assads - und können reden. Es gibt inzwischen sogar einen Verein von Opfern und Angehörigen (ADMSP), der mit dem "IIIM" zusammenarbeitet, einem 2016 von der Uno-Generalversammlung geschaffenen Ermittlungs-Mechanismus, um die schlimmsten in Syrien begangenen Verbrechen zu verfolgen.

ADMSP hat nun die bisher ausführlichste Studie über Häftlinge in Sednaja veröffentlicht und dafür mehr als 400 von ihnen interviewt . Die Interviews vermitteln Eindrücke, wer seit Beginn der Proteste in Syrien 2011 in Sednaja landete: Es sind überproportional viele junge, gut ausgebildete Männer aus sunnitischen Familien. Nahezu alle wurden gefoltert.

  • 89 Prozent waren zum Zeitpunkt ihrer Verhaftung jünger als 37 Jahre, 74 Prozent sind Universitätsabsolventen.
  • Fast keiner wurde darüber informiert, warum er verhaftet wurde und von wem. Nur zwei Prozent haben einen Haftbefehl gesehen.
  • Jeder wurde misshandelt. Alle wurden mit Stöcken und Peitschen verprügelt, fast alle mussten sich ausziehen und wurden an Penis und Anus misshandelt. Knapp ein Viertel wurde mit kochendem Wasser verbrüht.
  • Auch psychisch wurden fast alle gefoltert, um Überlebende dauerhaft zu brechen. 80 Prozent wurden religiös beleidigt. Knapp die Hälfte musste miterleben, wie die Leiche eines verstorbenen Häftlings tagelang in der Zelle liegen blieb. Den Verhungernden wurde das Essen in die Toilette gekippt; sie mussten daraus essen (25 Prozent).

Die Zeugenaussagen lassen tief in die Methoden eines Staates blicken, der seit 2011 zunehmend mehr Menschen ohne Begründung verschwinden lässt. Aus seinen Verbrechen hat Assads Folterstaat sogar ein Geschäftsmodell gemacht.

  • Fast alle späteren Sednaja-Insassen wurden binnen weniger Minuten von einem Militärgericht verurteilt, ohne rechtlichen Beistand oder Revisionsmöglichkeit - und ohne gesetzliche Grundlage. 96 Prozent wurden über ihr Urteil nicht informiert.
  • In 68 Prozent der Fälle bezahlten Angehörige zwischen 500 und 10.000 Dollar für Versprechungen, Informationen über das Schicksal der Verhafteten zu bekommen - ein Vermögen in Syrien, wo das Durchschnittsgehalt zurzeit bei rund 40 Dollar im Monat liegt.
  • Über die Hälfte der Verhafteten verloren all ihren Besitz. Haus, Auto oder Firma, alles wurde konfisziert, in zwei Dritteln der Fälle ohne Gerichtsbeschluss.
  • 71 Prozent kamen aufgrund einer Amnestie frei. Nur fünf Prozent wurden nach Verbüßung ihrer Haftstrafe freigelassen.
  • Fast alle hatten nach ihrer Freilassung keinen Job mehr. 58 Prozent berichteten von Auswirkungen auf ihren Familienstand, wie etwa Scheidungen.

Zu Spitzenzeiten waren in Sednaja nach Schätzungen von Amnesty International bis zu 20.000 Menschen inhaftiert. ADSMP berichtet nun, dass es Ende 2018 nur noch rund 2500 Insassen waren. Was wurde aus den anderen?

Einen Hinweis darauf gibt die "Washington Post" . Sie dokumentierte, wie auf dem Massenfriedhof, der nach Informationen von Amnesty International für die Häftlinge von Sednaja genützt wird, im Laufe des Jahres 2018 eine Gräberreihe nach der anderen hinzukam.

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