Bürgerkrieg in Syrien Opposition berichtet von mehr als tausend Giftgasopfern

Die syrische Opposition erhebt nach dem mutmaßlichen Giftgasangriff östlich von Damaskus massive Vorwürfe gegen das Assad-Regime. Bei dem Bombardement sollen bis zu 1300 Menschen gestorben sein. Das Militär weist die Vorwürfe zurück, auf Facebook feiern Assads Anhänger.

Von , Beirut


Immer neue Berichte aus der von einem mutmaßlichen Giftgasangriff getroffenen syrischen Region Ghuta bringen weitere entsetzliche Details ans Licht. Danach sollen zum Beispiel im Dorf Ain Dscharba östlich von Damaskus viele Einwohner in ihren Kellern gestorben sein. 1300 Menschen seien durch die Angriffe getötet worden, behauptete nun George Sabara, ein Vertreter der oppositionellen Nationalen Syrischen Allianz, am Mittwoch in Istanbul. Dieser Einsatz mache "alle Hoffnungen auf eine politische Lösung" zunichte. Die syrische Armee hatte zuvor bestritten, Chemiewaffen eingesetzt zu haben.

"Die Zahl der Opfer wurde dadurch erhöht, dass Leute in die Bunker flohen", sagte ein Aktivist aus dem Örtchen Dschobar SPIEGEL ONLINE. "Das Gas war schwer und sank nach unten." Unter den äußerlich unversehrten Toten sollen ungewöhnlich viele Kinder gewesen sein. "Ich habe 50 Kinder behandelt, die alle starben", berichtet er. In den Feldlazaretten seien die Vorräte an Atropin und Kortison ausgegangen. Beide Arzneien werden zur Behandlung von Vergiftungen eingesetzt. Einige der Ärzte und Ersthelfer seien nach dem Kontakt mit den Verletzten ebenfalls gestorben, berichtet der Aktivist.

Syrische Aktivisten von den lokalen Koordinierungskomitees sprachen am Mittwochmittag von über 635 Toten. Sie seien bei nächtlichen Angriffen auf mehrere Dörfer in der Region Ghuta umgekommen. Ghuta ist die Bezeichnung für das ländliche Einzugsgebiet von Damaskus. Dessen östlicher Teil ist seit Monaten zu großen Teilen in der Hand der Rebellen.

Was tatsächlich vor Ort geschah, ist zur Stunde nicht zu ermitteln, doch die zu Dutzenden im Internet hochgeladenen Videos lassen auf ein Ereignis schließen, dass Hunderte Menschen getötet hat, ohne äußere Wunden zu hinterlassen.

Ein Video soll den Angriff selbst zeigen, zu sehen und zu hören ist, wie es am schwarzen Nachthimmel zu Explosionen kommt. Andere, anscheinend später aufgenommene Clips zeigen grauenhafte Bilder: sterbende Kinder, die um Atem ringen, Menschen mit Schaum vor dem Mund, dahinsiechende Patienten, deren Pupillen auf Stecknadelkopfgröße geschrumpft sind. Wieder andere Bilder zeigen Reihe um Reihe Leichen, die äußerlich unversehrt wirken.

Es wäre eines der schlimmste Massaker im Syrien-Krieg

Die Symptome der Sterbenden könnten auf den Einsatz des Giftgases Sarin hindeuten, twitterte der britische Waffenexperte Eliot Higgins. "Angesichts der Anzahl der Toten und der Symptome ist ein Chemiewaffeneinsatz wahrscheinlich", so Higgins, der sich darauf spezialisiert hat, Bildmaterial aus Syrien auszuwerten und so Erkenntnisse auf die dort eingesetzten Waffen zu erlangen. Sollte sich das bestätigen, wäre der Angriff auf Ghuta eines der bislang größten Massaker im Syrien-Krieg.

Die syrischen Staatsmedien veröffentlichten ein Dementi der Regierung. Darin wurden Angriffe in den Außenbezirken der Hauptstadt nicht bestritten - wohl aber der Einsatz von Giftgas. Bei Syriens staatlicher Nachrichtenagentur Sana hieß es: "Die TV-Kanäle, die an dem Blutvergießen in Syrien und der Unterstützung des Terrorismus beteiligt sind, veröffentlichen diese Berichte, die frei erfunden sind, um das Team, das den Einsatz von Chemiewaffen untersuchen soll, abzulenken, und somit den Erfolg seiner Mission zu verhindern."

Hintergrund: Ein Team von Chemiewaffenexperten hält sich derzeit in Syrien auf. Es soll im Auftrag der Uno drei Vorfälle untersuchen, bei denen vor Monaten angeblich Giftgas eingesetzt wurde. Die Uno-Inspektoren dürfen sich nicht frei bewegen, das Regime kontrolliert alle ihre Bewegungen. Dass sie in Ghuta recherchieren können werden, scheint undenkbar. Aktivisten und der Generalsekretär der Arabischen Liga, Nabil al-Arabi, hatten die Uno-Experten aufgefordert, sich sofort in die bombardierten Gebiete zu begeben. Arabi erklärte: "Ich bin erstaunt, dass so ein verabscheuungswürdiges Verbrechen verübt wird, während die internationalen Inspektoren der Vereinten Nationen in Damaskus sind."

Sollte sich bestätigen, dass das syrische Regime im Osten von Damaskus Chemiewaffen einsetzte, während die Uno-Experten nur wenige Kilometer weiter westlich im Hotel Four Seasons in ihren Betten lagen, wäre das ein Schlag ins Gesicht der internationalen Gemeinschaft.

Auf Facebook hatten Anhänger des Assad-Regimes den mutmaßlichen Giftgaseinsatz gefeiert. "Auf Befehl von Präsident Dr. Baschar al-Assad, möge Gott ihn beschützen, und auf Befehl stolzer syrischer alawitischer Offiziere wurde heute Morgen gegen halb sechs Ost-Ghuta mit Chemiewaffen angegriffen, und die Operation wurde erfolgreich vollendet. Details der Operation erwarten wir in den nächsten Stunden", schrieb "Harasta News Network". Umgehend gingen Dutzende Kommentare ein, in denen Regime-Anhänger das Massaker bejubelten. Gegen 10.30 Uhr wurde die Seite von Netz genommen. Und auf der Facebook-Seite von "Shohdaa.alwatan" wird von mehr als 500 Toten "bei einer Operation zur Säuberung" im Umland von Damaskus berichtet.

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dunkelmerkel 21.08.2013
1. Kommt nur mir das so vor,
oder merken die, dass ein Großteil der Bevölkerung nicht auf diese Berichte anspringt und nun kommt ein Bericht nach dem anderen mit immer schlimmeren Inhalten so nach dem Motto: Nun glaubt doch endlich! "Was tatsächlich vor Ort geschah, ist zur Stunde nicht zu ermitteln". Das ist das, was zählt. Wenn es für irgendwas Beweise gibt, könnte ihr davon berichten aber auch in diesem Bericht wieder nur "könnte sein", "es gibt Hinweise", "könnte darauf hindeuten"...usw. Wenn tatsächlich Sarin nachgewiesen wird, möchte ich dann bitte auch den Beweis dafür, WER es eingesetzt hat. Auch wenn das viele nicht hören wollen aber für mich ist es wahrscheinlicher, dass die "Rebellen" selbst für so etwas in Frage kommen. Assad selbst hätte am allerwenigsten etwas davon, weiß er doch genau, dass alle darauf lauern, einzugreifen. Nicht falsch verstehen, ich bin kein Befürworter Assads aber ich habe große Probleme mit dieser halbgaren und einseitigen Berichterstattung. In meinen Augen ist das hauptsächlich Stimmungsmache und es soll mit aller Macht ein Handlungsgrund inszeniert werden.
TobyOrNotToby 21.08.2013
2. Symptomatisch für die UNO
Es ist doch wieder einmal dasselbe. Die UNO lässt sich auf der Nase rumtanzen und lässt sich auf einen Deal mit dem Regime ein, nur an bestimmte Stellen zu gehen,. an denen unter Garantie kein Giftgas-Rückstand zu finden ist, während direkt daneben Menschen vergiftet werden. Die sollen sich mal zurückziehen. Kostet alles nur Geld und ist völlig umsonst.
gr89 21.08.2013
3.
"Die Symptome der Sterbenden könnten auf den Einsatz des Giftgases Sarin hindeuten, twitterte der britische Waffen-Experte Elliot Higgins. "Angesichts der Anzahl der Toten und der Symptome ist ein Chemiewaffeneinsatz wahrscheinlich", so Higgins" Also der Spon beruft sich jetzt auf einen arbeitslosen Briten, der sein gesamtes Wissen aus dem Betrachten von Youtube-Clips erlangt hat um uns den Einsatz von Chemiewaffen schmackhaft zu machen? Und nennt ihn Waffen-Experten, soll wohl suggeriern das man einen ausgebildeten, unabhängigen Experten zur Rate gezogen hat. Hier der Wikipedia-Artikel zu Elliot Higgins: Eliot Higgins - Wikipedia, the free encyclopedia (http://en.wikipedia.org/wiki/Eliot_Higgins)
c++ 21.08.2013
4.
Neben dem Bürgerkrieg tobt da scheinbar auch ein gewaltiger Propagandakrieg. Erinnert stark an die Massenvernichtungswaffen im Irak.
sysiphus-neu 21.08.2013
5. Logik
Es widerspricht einfach jeder Logik, dass eine seit Monaten siegreiche Armee ausgerechnet dann Giftgas einsetzen sollte, wenn die UN-Inspekteure im Land sind und innerhalb kürzester Zeit zum Tatort kommen können. Ebenso unsinnig erscheint ein solcher Angriff gegen relativ unwichtige Ziele mit vielen Zivilisten, das widerspricht der bisher üblichen Vorgehensweise der regulären Truppen, die maximale Zivilistenschonung im Fokus hat. Die SAA würde damit militärisch wenig erreichen, dafür aber der NATO den seit Monaten dringend gesuchten Interventionsgrund frei Haus liefern - das ist völliger Schwachsinn. Betrachtet man hingegen die Perspektive der FSA-Nusra-Terroristen, so gäbe es aus ihrer Sicht keinen besseren Zeitpunkt zum Giftgaseinsatz als jetzt. Es ist seit dem Fahndungserfolg der türkischen Polizei bekannt, dass die Dschihad-Verbrecherbanden über waffenfähiges Giftgas verfügen. Hinreichende Mordlust und Skrupellosigkeit haben sie bei zahllosen Massakern und Abschlachtvideos unter Beweis gestellt. Außerdem ist ihre militärische Lage inzwischen so hoffnungslos, dass nur noch eine sehr kurzfristige NATO-Intervention die Gotteskrieger und Söldner vor ihrer vollständigen Eliminierung retten kann. Die von 0 auf 100 hochgefahrene Propaganda im westlichen Medienmainstream spricht ebenfalls für eine konzertierte Aktion. Es bleibt ekelhaft wie immer...
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