Augenzeugenbericht aus Syrien "Viele Leute sind kurz vor dem Verhungern"

Im syrischen Madaja hatten die Menschen verzweifelt auf die Feuerpause gehofft - doch Hilfsgüter kamen nie an. Nun wird wieder gekämpft, es gibt kaum noch Nahrung. Der 26-jährige Rajaai Bourhan berichtet.

AFP

Die Waffenruhe in Syrien ist gescheitert. Erst bombardierte die US-Armee einen Stützpunkt des syrischen Militärs, dann nahm die Luftwaffe von Diktator Baschar al-Assad den von Aufständischen kontrollierten Teil der Großstadt Aleppo unter Beschuss. Rebellengruppen erklärten die Feuerpause für "faktisch gescheitert", die syrische Armee kündigte die Vereinbarung am Montagabend auf.

Ein zentraler Punkt des Abkommens, das die Außenminister der USA und Russlands in Genf ausgehandelt hatten, wurde ohnehin nie umgesetzt. Das Regime hat Uno-Hilfslieferungen in belagerte Gebiete erst verweigert, dann sabotiert und schließlich bombardiert. Am Montag ließ das Regime Hilfe nach Muadamija, einen Vorort vor Damaskus. Allerdings plünderte die Armee am Kontrollpunkt die Lieferung und machte sie praktisch unbrauchbar für die Eingeschlossenen.

Am Abend bombardierte die russische oder syrische Luftwaffe dann einen Uno-Hilfskonvoi, der auf dem Weg von der türkischen Grenze nach Aleppo war. Die Lastwagen wurden völlig zerstört, Augenzeugen berichten von mindestens zwölf Toten, darunter der lokale Chef des Roten Halbmonds.

Landesweit leben rund 600.000 Syrer in abgeriegelten Städten. Besonders dramatisch ist die Lage in der Stadt Madaja. Seit fast fünf Monaten warten hier knapp 40.000 Menschen auf dringend benötigte Hilfslieferungen.

Video: Angriff auf Hilfskonvoi

REUTERS

Einer von ihnen schildert für SPIEGEL ONLINE die Situation:

"Ich bin Rajaai Bourhan, Syrer und 26 Jahre alt. Ich bin in der Stadt Sabadani geboren und aufgewachsen, im Oktober 2014 bin ich vor den Kämpfen in meiner Heimatstadt nach Madaja geflüchtet, das liegt nur ein paar Kilometer entfernt. Vor dem Krieg lebten rund 10.000 Menschen in Madaja, jetzt sind es fast 40.000. Madaja liegt in den Bergen auf 1500 Metern Höhe, es war mal ein beliebtes Urlaubsziel. Viele Leute aus Damaskus kamen im Sommer hierher, um der Hitze zu entfliehen. Nun leben Flüchtlinge aus Sabadani in den Ferienhäusern, ich bin einer von ihnen.

Seit August 2015 werden wir von der syrischen Armee und der libanesischen Hisbollah-Miliz belagert. Heraus kommt man nur, wenn man einen Offizier besticht. Einige verlangen 2500 US-Dollar pro Person, andere 5000. Jeder Offizier hat seinen eigenen Preis. Das sind keine richtigen Soldaten, das sind Geschäftsleute. Ich habe an Protesten gegen das Regime teilgenommen, deshalb kann ich eh nicht aus Madaja raus, weil sie mich am Checkpoint sofort verhaften würden.

Die Lage in der Stadt ist dramatisch. Viele Leute sind kurz vor dem Verhungern. Ende April haben wir die letzte Hilfslieferung von der Uno erhalten. Seit mehr als vier Monaten haben wir nichts mehr bekommen. In der vergangenen Woche herrschte ein Waffenstillstand, der in Madaja auch weitgehend eingehalten wurde, trotzdem ist keine Hilfe in Sicht.

Ein Laden in Madaja. Die einzige Ware: Kürbisse
Rajaai Bourhan

Ein Laden in Madaja. Die einzige Ware: Kürbisse

Seit Monaten essen wir fast nur noch Reis, den uns die Uno geliefert hat. Jeden Tag wird die Ration ein wenig kleiner, weil wir nicht wissen, wann wir wieder etwas bekommen. Außerdem haben wir noch Linsen und ein bisschen Bulgur, den Bauern im Ort anbauen. Fleisch habe ich seit Monaten nicht mehr gegessen. Die Bauern haben auch längst alle Tiere geschlachtet.

Reis mit Linsen und Bulgur sind die einzige Mahlzeit des Tages
Rajaai Bourhan

Reis mit Linsen und Bulgur sind die einzige Mahlzeit des Tages

Vor der Belagerung im Juni 2015 wog ich 93 Kilogramm. Im Januar 2016, als ich zum letzten Mal auf der Waage stand, habe ich noch 67 Kilogramm gewogen.

Gemüse, Käse und Zigaretten können wir manchmal von den Soldaten am Checkpoint kaufen. Aber es ist wahnsinnig teuer: Eine Packung Schmelzkäse kostet 8 Dollar, eine Zigarette 1 Dollar. Ich gönne mir pro Woche drei Zigaretten.

Diese Packung Käse kostet 8 Dollar
Rajaai Bourhan

Diese Packung Käse kostet 8 Dollar

Das Regime hat die Stromleitung gekappt. Wir haben Generatoren, die wir mit selbst hergestelltem Öl betreiben. Die Bäume im Ort sind inzwischen abgeholzt, der Weg in die Wälder ist wegen der Scharfschützen in der Umgebung zu gefährlich. Deshalb haben wir jetzt angefangen, unsere Möbel zu verbrennen, weil wir sonst nichts mehr haben. Das Zeug wird in bestimmten Werkstätten verbrannt, daraus wird dann das Öl für die Generatoren gewonnen.

Die Leute stellen ihre Möbel auf die Straße, die dann verbrannt werden
Rajaai Bourhan

Die Leute stellen ihre Möbel auf die Straße, die dann verbrannt werden

Immerhin haben wir noch Internet. Es gibt in der Gegend nämlich nur einen Funkmast, und wenn das Regime den sprengt, haben auch die Gebiete unter Kontrolle der Regierung keine Internetverbindung mehr.

So kochen wir in Madaja
Rajaai Bourhan

So kochen wir in Madaja

Zum Kochen verbrennen wir Plastik, weil wir nichts anderes mehr haben. Der Gestank ist unerträglich. Eigentlich müssten wir uns nach jedem Kochen gründlich abduschen. Wir haben aber kein fließendes Wasser. Ich muss das Wasser mit einem Krug von einer Quelle holen, wie vor hundert Jahren. Das Wasser ist eiskalt. Im letzten Winter habe ich nur einmal pro Monat geduscht.

Wasserstelle in Madaja
Amjad al Maleh

Wasserstelle in Madaja

Im Moment ist das Wetter sehr angenehm, ungefähr 15 Grad. Aber im Winter wird die Temperatur unter null fallen. Trotzdem können wir nicht heizen, weil wir das Öl zum Kochen brauchen. Wir werden versuchen, uns mit Decken so gut es geht zu wärmen.

Wegen des beißenden Qualms leiden viele Menschen in Madaja an Atemwegserkrankungen. Außerdem sind zahlreiche Kinder und Jugendliche an Meningitis erkrankt und brauchen dringend Hilfe. Es gibt aber nur noch ein kleines Krankenhaus in der Stadt. Es wird von einem Tierarzt und einem Zahnarzt geführt, der noch nicht mal einen richtigen Abschluss hat.

Hinzu kommen psychische Probleme. Die Belagerung zermürbt die Leute, besonders die Jungen. Kürzlich haben ein 17-jähriger Junge und seine 22-jährige Schwester versucht, sich umzubringen, weil sie den Hunger und die Hoffnungslosigkeit nicht mehr ertragen haben.

Ich will die Hoffnung nicht aufgeben. Ich hoffe noch immer darauf, dass die Welt uns nicht vergessen hat und wir Hilfe bekommen. Ich hoffe darauf, dass ich nach dem Krieg endlich mein Wirtschaftsstudium beenden kann. Ich hoffe darauf, dass bald wieder Urlauber nach Madaja und Sabadani kommen. Und ich hoffe darauf, in einem demokratischen Syrien zu leben, in dem Baschar al-Assad im Gefängnis sitzt."

Rajaai Bourhan, 26, lebt im eingeschlossenen Madaja
Rajaai Bourhan

Rajaai Bourhan, 26, lebt im eingeschlossenen Madaja

Aufgezeichnet von Christoph Sydow



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