G-8-Gipfel Putin gegen alle

Wladimir Putin reist als Außenseiter zum G-8-Gipfel nach Nordirland: Der Kreml nennt Beweise für C-Waffen-Einsätze in Syrien eine Fälschung. Moskau wird Assad weiter den Rücken freihalten. Daran wird der Druck des Westens nichts ändern.

Von , Moskau


Auf der Suche nach einem gefälligen Einstieg für Wladimir Putins schwierigen Besuch in Großbritannien haben die Planer der Visite weit zurückblättern müssen in den Geschichtsbüchern. Lang ist es her, dass Russland und Großbritannien das letzte Mal Seite an Seite kämpften. Vor 70 Jahren war das, als die Alliierten gemeinsam Hitler im Zweiten Weltkrieg in die Knie zwangen.

Doch es gibt noch Männer, die diese Waffenbrüderschaft bezeugen können, britische Seeleute, die Schiffe mit dringend benötigtem Nachschub durch die Arktis bis zu den sowjetischen Häfen steuerten. "The worst journey in the world", hat Winston Churchill die Arktis-Konvois genannt, "die schlimmste Reise der Welt". Bevor Premierminister David Cameron mit seinem russischen Besucher Putin weiterreiste zum G-8-Gipfel nach Nordirland, zeichneten beide gemeinsam die See-Veteranen aus.

Um ein Haar aber wäre schon diese Ehrung zum ersten Zerwürfnis geworden: Es gab Unstimmigkeiten, ob es schicklich sei, die russische Uschakow-Medaille an Untertanen Ihrer Majestät zu verleihen.

Nichts ist einfach in den Beziehungen zwischen London und Moskau. Das Verhältnis ist frostig, seit 2006 der Geheimdienstüberläufer Alexander Litwinenko in der britischen Hauptstadt mit radioaktivem Polonium ermordet wurde. Nun enthüllte der Guardian auch noch, dass 2009 der damalige russische Präsident Dmitrij Medwedew bei einem Staatsbesuch im Königreich ausgespäht wurde - von US-Geheimdienstlern, die von einer britischen Luftwaffenbasis aus operierten. Putins Trip ins Vereinigte Königreich mag weit weniger gefährlich sein als die Fahrt der Versorgungsschiffe durch die Arktis. Angenehm aber ist sie für keinen der Beteiligten.

Der Grund dafür heißt Syrien. Pünktlich vor dem Gipfel des G-8-Clubs hat Washington Beweise für den Einsatz von Chemiewaffen durch Assads Armee präsentiert. Die CIA bereitet bereits Waffenlieferungen an die Rebellen vor. Paris und London stützen diese Linie. Berlin hält eine militärische Lösung des Bürgerkriegs, der bereits fast hunderttausend Opfer gefordert hat, für unwahrscheinlich, will aber Schutzwesten an die Opposition liefern.

Putin wird in der Syrien-Frage nicht einlenken

Moskau aber mauert, hält den Einsatz von C-Waffen durch das Regime für nicht plausibel und die Beweise für "fabriziert".

Kanadas Premierminister Stephen Harper hat auf den Punkt gebracht, was seine Kollegen aus dem Westen und Japan vor dem Gipfel denken. "Machen wir uns nichts vor", sagte Harper. "Das hier ist G7 plus eins".

US-Präsident Barack Obama, der Putin in Nordirland zum ersten Mal seit einem Jahr wieder trifft, hat die Staats- und Regierungschefs der europäischen Teilnehmer kurz vor dem Treffen noch einmal per Telefon eingeschworen. Der Kreml steht bei dem Gipfel mit seiner Assad-freundlichen Linie allein auf weiter Flur. China, im Uno-Sicherheitsrat ein Verbündeter der Russen, gehört dem elitären Zirkel nicht an.

Putin mag das Gremium nicht. Er hält die G8 für einen Club, in dem die USA und Europa versuchen, der Welt westliche Spielregeln aufzuzwingen. 2012 schwänzte er gar den Gipfel in Camp David und schickte stattdessen Ex-Präsident Dmitrij Medwedew, der seit seiner Degradierung zum Ministerpräsidenten in Moskau nicht mehr viel zu sagen hat.

Putin setzt lieber auf die G20, die Gruppe der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer. Mit China hat Russland dort einen Verbündeten in sicherheitspolitischen Fragen mit am Verhandlungstisch sitzen, auch mit Brasilien, Indien und Südafrika ist die Abstimmung eng. In den G20 glaubt der Kreml Ansätze für eine multipolare Weltordnung zu erkennen, die den Einfluss des Westens begrenzt. Den nächsten G-20-Gipfel richtet ausgerechnet Russland im September aus.

Das Treffen wird dann im mondänen Konstantin-Palast vor den Toren von Sankt Petersburg stattfinden. Es soll Russlands Profil als Großmacht stärken. Soll der Petersburger Gipfel ein Erfolg werden, muss Moskau aber darauf achten, den Westen nicht zu sehr zu verprellen.

Ein Einlenken in der Syrien-Frage scheint trotzdem ausgeschlossen. Russland stützt Assad bereits seit zweieinhalb Jahren. Nun, da das Regime militärische Erfolge erringt, dürfte das auch so bleiben. Daran wird wohl auch das Drängen der übrigen Gipfelteilnehmer und der Verweis auf die wachsenden Opferzahlen nichts ändern: Unter Druck gesetzt zu werden hasst Putin mehr als alles andere. Nach den Spielregeln des Westens will er nicht tanzen.

Kanzlerin Merkel kündigte an, auf dem G-8-Gipfel einen neuen Versuch zu unternehmen, Russland in eine Friedenslösung für Syrien einzubinden. "Russland hat leider bis jetzt mehrere Resolutionen im Sicherheitsrat verhindert. Vielleicht kommen wir bei diesem Thema jetzt voran." Bei dem Treffen in Nordirland werde es aber "sicherlich an mancher Stelle auch kontroverse Beratungen" geben.

Um den Gipfel zu retten, hat der britische Premierminister David Cameron dazu aufgefordert, sich auf die Gemeinsamkeiten zu konzentrieren. Die Syrien-Frage dürfte der Gipfel dann zügig abhaken, weil es kaum Gemeinsamkeiten gibt.

mit Material von dpa

insgesamt 172 Beiträge
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Seite 1
Walter Sobchak 17.06.2013
1.
Zitat von sysopREUTERSWladimir Putin reist als Außenseiter zum G-8-Gipfel nach Nordirland: Der Kreml nennt Beweise für C-Waffen-Einsätze in Syrien eine Fälschung. Moskau wird Assad weiter den Rücken freihalten. Daran wird der Druck Westens nichts ändern. http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-putins-streit-mit-der-g-8-a-906104.html
sooft wie der Westen die Russen schon belogen hat, tut Putin gut daran weiter misstrauisch zu sein. Daran wird auch die permante aggressive Schreibe eines Herrn Bidder nichts ändern.
mbraun09 17.06.2013
2. Selber schuld
Durch schön viel Geld aus dem Westen, speziell Deutschland, für das leckere Gas wurde dieser Möchtegern-Zar erst so groß. Der Mann gehört in den Knast, nicht in den Kreml. Und trotzdem wird ihm schön fleißig hintenrein gekrochen.
Methados 17.06.2013
3.
Zitat von sysopREUTERSWladimir Putin reist als Außenseiter zum G-8-Gipfel nach Nordirland: Der Kreml nennt Beweise für C-Waffen-Einsätze in Syrien eine Fälschung. Moskau wird Assad weiter den Rücken freihalten. Daran wird der Druck Westens nichts ändern. http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-putins-streit-mit-der-g-8-a-906104.html
was ich einfach nicht verstehe: kein bürger, weder in den USA, noch in DLAND oder sonstwo in der EU bzw der G8 Staaten will die Terroristen unterstützt sehen. Wieso interessiert das unsere lieben Politiker nicht ?
ajbmurphy 17.06.2013
4. gegen alle?
aber ich glaube er spricht fuer die meisten(!)
notty 17.06.2013
5.
Zitat von sysopREUTERSWladimir Putin reist als Außenseiter zum G-8-Gipfel nach Nordirland: Der Kreml nennt Beweise für C-Waffen-Einsätze in Syrien eine Fälschung. Moskau wird Assad weiter den Rücken freihalten. Daran wird der Druck Westens nichts ändern. http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-putins-streit-mit-der-g-8-a-906104.html
Als ich heute in BBC Cameron sah, wie er mit besserwisserischem Gebaren versuchte Putin Assad auszureden und stattdessen die Unterstuetzung der islamistischen Brigarden und Milizen in Syrien einforderte, da gefiel mir Putin's Antwort.... Er wies das Ansinnen zurueck und machte stattdessen auf die barbarischen Praktiken der sogenannten "Rebellen" aufmerksam... Meines Erachtens ist Putin noch derjenige, der mit beiden Beinen auf dem Boden der Realitaeten steht und sich nicht von irgendwelchen Luegen des Westens beeindrucken und vor dessen "Islamisierungsprogramm" spannen laesst.
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