Syrien Raketenangriff auf Klinik mit mutmaßlichen Giftgasopfern

Erst wurde die Stadt Chan Schaichun offenbar mit Giftgas angegriffen, dann schlug eine Rakete in einem Krankenhaus ein, in dem die Opfer behandelt werden. In dem Hospital kämpfen zahlreiche Zivilisten ums Überleben.


Das Krankenhaus von Chan Schaichun ist wenige Stunden nach einem ersten mutmaßlichen Giftgasangriff auf die Stadt von einer Rakete getroffen worden. Das berichten ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP und Aktivisten aus der syrischen Stadt übereinstimmend. Teile des Krankenhauses seien durch den Einschlag zerstört worden.

Augenzeugen liefern erschütternde Bilder, Videos und Berichte aus Chan Schaichun. Menschen schnappen verzweifelt nach Luft. Überforderte Retter versuchen, mit Wasser das Gift von den Körpern zu spülen. Dutzende Leichen sind zu sehen. Offenbar ist der Ort in der Provinz Idlib im Nordwesten Syriens am Dienstagmorgen mit Giftgas angegriffen worden.

Nach Angaben der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurden bei der Attacke mindestens 58 Menschen getötet, darunter mindestens elf Kinder. Vertreter der syrischen Opposition im Ausland sprechen sogar von rund hundert Toten. Hunderte Verletzte ringen in dem Krankenhaus von Chan Schaichun mit dem Tod.

Der AFP-Reporter beobachtete, wie Ärzte wegen des Raketenangriffs zwischen den Trümmern die Flucht ergriffen. Ob es durch den Raketenbeschuss weitere Verletzte oder Tote gab, konnte er zunächst nicht feststellen. Auch die lokale Zentrale der syrischen Weißhelme, einer lokalen Zivilschutzorganisation, wurde am Mittag in der zweiten Angriffswelle getroffen.

Ein Teil der Verletzten soll offenbar zur Behandlung in die Türkei gebracht werden. Am Grenzübergang Bab al-Hawa bildeten sich lange Autoschlangen. Bislang sei nach Angaben von Zeugen vor Ort aber niemand über die Grenze gelassen worden.

Die Provinz Idlib wird von einem syrischen Rebellenbündnis kontrolliert. Nach dem Fall von Aleppo ist die Region die wichtigste Hochburg der Opposition. Vertreter vor Ort machen die syrische Luftwaffe für die Angriffe verantwortlich.

Das syrische Militär bestreitet den Einsatz von Chemiewaffen. Weder in der Vergangenheit noch aktuell habe die Armee Giftgas eingesetzt, heißt es aus Sicherheitskreisen. Möglicherweise sei bei einem Luftangriff auf Chan Schaichun ein Chemiedepot der Rebellen getroffen worden.

Ermittler der Vereinten Nationen haben jedoch dokumentiert, dass syrische Regierungstruppen in den vergangenen Jahren mehrfach Chlorgas gegen Dörfer und Städte einsetzten, unter anderem im Kampf um Aleppo. Syriens Regime hat eigentlich alle Giftgasvorräte vernichtet. Chlorgas fiel jedoch nicht darunter. Trotz der Uno-Berichte verhindert Russland als Schutzmacht des Assad-Regimes eine Verurteilung Syriens durch den Sicherheitsrat.

SPIEGEL ONLINE

syd/AFP/AP



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