Putins Reaktion auf US-Angriff in Syrien Der Realitätsverweigerer

Russland poltert, mehr nicht: Nach dem US-Angriff auf einen syrischen Stützpunkt fiel die Reaktion in Moskau überraschend milde aus. Was steckt dahinter?

AFP

Von , Moskau


Bisher hat es Wladimir Putin noch nicht einmal für nötig befunden, sich selbst zu Wort zu melden. Er hat stattdessen seinen Sprecher Dmitri Peskow vorgeschickt, und der blieb so allgemein wie möglich. Putin, sagte Peskow, halte den Angriff "für eine Aggression gegen einen souveränen Staat und einen Bruch des Völkerrechts, und zwar unter falschem Vorwand". Der Präsident bespreche den Vorfall auf einer Sitzung des russischen Sicherheitsrates. Extra einberufen sei diese Sitzung aber ausdrücklich nicht, Putin werde alle anderen Termine planmäßig wahrnehmen.

Ähnlich die Stellungnahme des Außenministeriums. Es bezichtigte Washington zwar faktisch der Lüge: Die Angriffe seien längst vor der Giftgasattacke in Idlib geplant gewesen und dienten in Wahrheit bloß der Ablenkung von den Kämpfen in Mossul im Irak. Dort leidet die Zivilbevölkerung unter den Kämpfen zwischen der Terrormiliz IS und US-Verbündeten.

Aber milder als die Worte fällt die angekündigte Gegenmaßnahme aus: Russland, so heißt es aus dem Außenministerium, setze die Absprache über gegenseitige Informationen zur Erhöhung der Luftsicherheit in Syrien aus. Das Memorandum diente dazu, Konflikte der beiden Luftwaffen im Luftraum zu vermeiden. Wohlgemerkt: Die Absprache ist nicht beendet, sondern bloß vorübergehend ausgesetzt.

Das Verteidigungsministerium schließlich beschränkte sich darauf, die Wirkung des amerikanischen Luftschlags herunterzuspielen. Sie sei "extrem niedrig", heißt es voller Spott. Von 59 Marschflugkörpern hätten bloß 23 ihr Ziel erreicht. Zerstört seien Kantine, Warenlager, Reparaturhangars - nicht aber die Start- und Landebahnen und die funktionsfähigen Flugzeuge der Syrer. Natürlich unterließ es Armee-Sprecher Igor Konaschenkow nicht, noch eine kleine giftige Unterstellung anzuhängen: Terroristen von "Islamischem Staat" und Nusra-Front hätten nach dem Raketenbeschuss angegriffen, "und wir hoffen, dass das nicht mit der amerikanischen Seite abgesprochen war".

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US-Einmischung in Syrien: Attacke aus dem Mittelmeer

Das sind, allen rhetorischen Spitzen zum Trotz, milde Reaktionen. Denn immerhin galt der US-Angriff nicht nur Moskaus engem Verbündeten, sondern faktisch auch der russischen Infrastruktur: Seit Ende 2015 gab es Hinweise, dass die russische Luftwaffe den Standort Schairat mitbenutzt. Allerdings war Russland vorgewarnt und musste offenbar keine Verluste hinnehmen.

Es ist offenkundig, dass der Kreml keinerlei Interesse an einer Eskalation der Situation hegt. Schließlich gibt es dort seit Donald Trumps Amtsantritt die Hoffnung, dass Russlands Linie einer Stärkung Assads auch von Washington akzeptiert wird. Nun droht die Giftattacke von Idlib, Moskaus Pläne einer dauerhaften Regelung des Konfliktes zu zerstören. Sie beruhen darauf, Assad zur ungeliebten, aber nötigen Kompromissfigur zu erklären. Ein Kriegsverbrecher passt nicht in diese Rolle.

Das erklärt, warum Moskau wider besseren Wissen abstreitet, Assad könne hinter den Giftangriffen stehen. Assad habe gar kein Giftgas mehr, das sei unter internationaler Aufsicht zerstört worden, heißt es jetzt wieder aus Moskau. Und wenn er keines hat, kann er es auch nicht eingesetzt haben. Dass nicht nur der Westen, sondern auch Russlands Koalitionspartner Türkei dieser Logik nicht folgen kann, tut nichts zur Sache.

So verweigert sich Moskau der Realität, während es zugleich Bereitschaft zum Kompromiss zeigen will.

Russland krisitiert US-Angriffe: "Es verschlimmert die Probleme nur"

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