Türkische Offensive Erdogans brutaler Kampf gegen die Kurden

In Nordsyrien gehen türkische Truppen und ihre Verbündeten Berichten zufolge gnadenlos gegen Kurden vor. International isoliert sich Ankara. Im Land spaltet die Offensive die Opposition.
Poster mit dem Gesicht Erdogans: Bis auf die HDP stehen alle Parteien hinter dem Einsatz

Poster mit dem Gesicht Erdogans: Bis auf die HDP stehen alle Parteien hinter dem Einsatz

Foto: Lefteris Pitarakis/AP

Tausende Menschen haben sich in der nordsyrischen Stadt Derik versammelt, um Havrin Khalaf das letzte Geleit zu geben. Die kurdische Politikerin wurde am Samstag während der türkischen Offensive ermordet. Die Generalsekretärin der Partei Zukunft Syriens (FSP) sei auf einer Landstraße in einen Hinterhalt geraten, teilten die von Kurdenmilizen angeführten Syrian Democratic Forces (SDF) mit. Kurdische Medien berichten von einer Hinrichtung auf offener Straße.

"Dies zeigt, dass der türkische Einmarsch nicht zwischen einem Soldaten, einem Zivilisten oder einem Politiker unterscheidet", hieß es in einer Mitteilung der SDF. Tatsächlich sind in den ersten Tagen der türkischen Offensive in Nordsyrien mehrfach Zivilisten zum Ziel geworden.

So wurden am Sonntag bei einem Luftangriff auf einen Konvoi mit Zivilisten und ausländischen Journalisten mindestens zehn Menschen getötet. Mittlerweile zählt die Syrische Beobachtungstelle für Menschenrechte mindestens 52 zivile Todesopfer seit Beginn der Offensive vergangenen Mittwoch.

Ziel der türkischen Offensive ist die Kurdenmiliz YPG, die auf der syrischen Seite der Grenze bislang ein großes Gebiet kontrollierte. Die Türkei sieht in ihr einen Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK in der Türkei und damit eine Terrororganisation.

Video zeigt Ermordung eines kurdischen Gefangenen

Am Wochenende tauchte ein Video auf , das zeigt, wie ein kurdischer Gefangener von arabischen Milizionären ermordet wird. Diese Kämpfer der sogenannten Freien Syrischen Armee sind die Fußtruppen der Armee Ankaras am Boden. Berichte aus der Region lassen darauf schließen, dass sie erbarmungslos gegen die Kurden vorgehen. Und die Situation im Grenzgebiet wird zunehmend undurchsichtiger.

In den vergangenen Tagen ist das türkische Militär immer weiter nach Syrien vorgestoßen. Das Verteidigungsministerium in Ankara teilte am Sonntag mit, die Truppen seien 30 bis 35 Kilometer tief in das Nachbarland eingedrungen und hätten die Schnellstraße M4 unter ihre Kontrolle gebracht.

Das Ziel des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ist es zunächst, einen etwa hundert Kilometer breiten Landstrich zwischen den strategisch wichtigen Grenzstädten Tal Abjad und Ras al-Ain unter seine Kontrolle zu bringen. Entsprechend haben sich die Angriffe in den ersten Tagen der Offensive auf diese Ortschaften konzentriert. Die Angaben über das Vorankommen der Türken und ihrer Verbündeten gehen jedoch auseinander:

  • Ras al-Ain ist wohl weiterhin stark umkämpft. Zwar meldete das türkische Verteidigungsministerium bereits am Wochenende, die Stadt sei eingenommen. Am Montag hieß es jedoch von kurdischen Aktivisten, Ras al-Ain sei zurückerobert worden. Staatsnahe türkische Medien berichten hingegen, dass türkische Truppen in der Stadt nach Verstecken kurdischer Kämpfer suchen.
  • Ras al-Ain liegt direkt an der türkischen Grenze an einer wichtigen Versorgungsroute zwischen den Städten Tal Abjad im Westen und Kamischli im Osten.
  • Auch in Tal Abjad gab es schwere Gefechte. Mittlerweile soll die Stadt jedoch vollständig unter Kontrolle der türkischen Truppen und ihrer Verbündeter sein, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit.

Trotz der internationalen Kritik treibt die Türkei ihre Offensive weiter voran. Von den Sanktionsdrohungen der USA und den Warnungen aus Europa zeigt sich Erdogan bisher wenig beeindruckt. Und auch auf die Ankündigung aus Damaskus, syrische Truppen ins Grenzgebiet zu schicken, reagierte Ankara zunächst kämpferisch.

"Sollte die syrische Armee nordöstlich von Syrien einmarschieren, wird die Türkei Widerstand leisten. Es kann zu Gefechten mit der syrischen Armee kommen", verkündete Erdogans Berater Yasin Aktay. Tatsächlich hängt viel davon ab, wie weit das Engagement des syrischen Diktators Baschar al-Assad an der Grenze gehen wird und wie dessen Verbündete Russland und Iran reagieren werden.

Rigoroses Vorgehen gegen Kritik im eigenen Land

International isoliert sich Ankara zunehmend. Im eigenen Land verbittet sich Erdogan jede Kritik an dem Einsatz. Die Behörden ermitteln gegen Dutzende Kriegsgegner, darunter die Vorsitzenden der prokurdischen Partei HDP, Pervin Buldan und Sezai Temelli. Mehrere Menschen wurden festgenommen.

Dabei ist der Rückhalt für die Offensive in der Türkei bisher ohnehin groß. Einzig die prokurdische HDP hat im Parlament gegen die Offensive gestimmt. Dagegen steht die CHP - abgesehen von einzelnen kritischen Stimmen - hinter der Militäroperation. Istanbuls Bürgermeister Ekrem Imamoglu, der auch mithilfe der kurdischen Wähler ins Amt kam, schrieb auf Twitter, er bete für die Soldaten. Der Opposition droht nun die Spaltung - für Erdogan wäre zumindest das ein Sieg.

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