Türkische Kriegsvorbereitungen Erdogans gefährliches Spiel

Die Türkei sieht den Weg frei für einen Militäreinsatz im Nordosten Syriens. Präsident Erdogan will dort nicht nur die Kurdenmiliz YPG vertreiben, ihm schwebt ein kompletter Austausch der Bevölkerung vor.
Türkischer Panzer an der Grenze zu Syrien: "Wir können jeden Moment zuschlagen"

Türkischer Panzer an der Grenze zu Syrien: "Wir können jeden Moment zuschlagen"

Foto: Lefteris Pitarakis/AP/dpa

Die Vorbereitungen seien "abgeschlossen", lässt das türkische Verteidigungsministerium am Dienstag verlauten. Truppen und Panzer seien an die Grenze zu Syrien verlegt, Spezialeinheiten in Stellung gebracht. "Wir können jeden Moment zuschlagen", sagt Recep Tayyip Erdogan, der türkische Präsident.

Erdogans Regierung drohte in den vergangenen Monaten immer wieder damit, nach den Operationen in Dschrabulus und Afrin ein drittes Mal in Syrien einzumarschieren, um die Kurdenmiliz YPG zu bekämpfen. Seit US-Präsident Donald Trump nach einem Telefonat mit Erdogan am Sonntag ankündigte, seine Truppen aus der Region abzuziehen, ist ein Angriff so wahrscheinlich wie nie zuvor.

Die meisten westlichen Verbündeten der Türkei halten eine solche Offensive ihres Nato-Partners in Syrien für einen Fehler mit möglicherweise fatalen Folgen. Sie fürchten die Destabilisierung einer der letzten halbwegs friedlichen Regionen in dem Bürgerkriegsland. Erneut könnte es Tausende Tote und Massenvertreibungen geben.

Die Türkei will in das SDF-Gebiet einmarschieren - die Folgen wären verheerend

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Erdogan hingegen stellt die Intervention als Notwendigkeit dar. Zu Beginn des syrischen Bürgerkriegs hoffte er, das Regime von Diktator Baschar al-Assad mithilfe islamistischer Rebellen stürzen zu können. Stattdessen musste er zusehen, wie Assad seine Macht konsolidierte und Erdogans Erzfeind, die YPG, im Nordosten des Landes ein eigenes Herrschaftsgebiet eroberte.

Die USA schätzten die YPG als Partner im Krieg gegen den "Islamischen Staat" (IS). Erdogan hingegen betrachtet die Miliz als Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, die sich seit Jahrzehnten im bewaffneten Kampf gegen die Türkei befindet. Er hat wiederholt klar gemacht, dass er einen De-facto-Staat unter Kontrolle der PKK/YPG als Nachbarn nicht akzeptieren wird.

Bereits im Januar 2018 hatten türkische Truppen die Provinz Afrin von der YPG erobert. Nun plant Erdogan, den Einsatz weit in den Nordosten Syriens auszudehnen. Er will von der Stadt Manbidsch bis hoch an die irakische Grenze eine Hunderte Kilometer lange, 35 Kilometer tiefe Pufferzone schaffen, die künftig von der Türkei und Rebellen der Freien Syrischen Armee (FSA) kontrolliert werden soll.

Eine Million Flüchtlinge in die Pufferzone

Für Erdogan geht es aber nicht allein darum, die YPG aus dem türkisch-syrischen Grenzgebiet zu vertreiben. Sein Sprecher, Ibrahim Kalin, hat offen eingeräumt, dass die türkische Regierung die Demografie in der Region verändern möchte.

Im Moment leben in dem Gebiet vor allem Kurden, außerdem Angehörige von Minderheiten wie Christen, Jesiden oder Aramäern. Nach einem erfolgreichen Einsatz gegen die YPG will Erdogan bis zu einer Million syrische Flüchtlinge aus der Türkei in die Pufferzone umsiedeln.

Es ist ein Plan, der mit enormen Gefahren verbunden ist - nicht nur für die Türkei. Dem türkischen Militär stünde ein langer, möglicherweise verlustreicher Krieg gegen die YPG bevor. Die Miliz hat bereits angekündigt, ihr Territorium mit allen Mitteln zu verteidigen.

Video: Türkei-Offensive bedroht Sicherheit in Europa

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Selbst wenn die Türkei auf diesem Schlachtfeld erfolgreich sein sollte, wäre damit weder Frieden noch Stabilität in der Region geschaffen, im Gegenteil. Die Kriege im ehemaligen Jugoslawien haben in jüngster Zeit gezeigt, welche verheerende Auswirkungen der Austausch von Bevölkerungen auf Staaten und Gesellschaften hat - selbst Jahrzehnte später. Bis heute gibt es auf dem Westbalkan ethnische Spannungen, streiten sich etwa Serbien und der Kosovo über Gebiete und die dort lebenden Menschen. Unklar ist auch, was im Falle eines türkischen Militärschlags mit IS-Kämpfern und ihren Angehörigen geschähe, die derzeit von der YPG gefangenen gehalten werden.

Türkischer Präsident Erdogan: Braucht innenpolitisch dringend einen Erfolg

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Foto: Lefteris Pitarakis / AP

Trotz dieser Risiken wirkt Erdogan entschlossen, die Offensive voranzutreiben. Der türkische Präsident ist durch die Wirtschaftskrise in seinem Land und die Wahlniederlage in Istanbul im Frühsommer innenpolitisch unter Druck geraten. Er braucht dringend einen Erfolg, um seine nationalistischen Wähler ruhig zu stellen.

Ob es tatsächlich binnen kurzer Zeit zu einem Einmarsch kommt, hängt zunächst weiterhin von den USA ab. Zwar hat Trump einerseits den Truppenabzug eingeleitet, andererseits hat er damit gedroht, die türkische Wirtschaft zu zerstören, sollte die Türkei die YPG attackieren. Auch weitere US-Spitzenpolitiker wie der republikanische Senator Lindsey Graham haben Ankara im Falle einer Syrien-Intervention mit Sanktionen gedroht. Es ist fraglich, ob sich Erdogan davon beeindrucken lässt.

Wichtiger ist deshalb, wie sich die russische Regierung verhält, der wichtigste Unterstützer von Diktator Assad. Die YPG hat bereits in der Vergangenheit damit gedroht, sich im Falle eines türkischen Angriffs mit dem Assad-Regime zu verbünden. Sollten sich die YPG, Russland und Iran gegen die Türkei zusammentun, wären Erdogan wohl die Hände gebunden.

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