Erdogans Pläne für Syrien Die Besatzungsmacht

Recep Tayyip Erdogan treibt die türkische Offensive gegen die Kurdenmiliz YPG in Syrien voran. Ihm schwebt eine dauerhafte Präsenz seines Militärs in dem Bürgerkriegsland vor. Die Folgen wären verheerend.
Syrer fliehen vor türkischen Truppen in Ras al-Ain

Syrer fliehen vor türkischen Truppen in Ras al-Ain

Foto: Baderkhan Ahmad/ AP/ dpa

Hakan Demir hat niemanden beleidigt. Er hat weder zu Gewalt aufgerufen noch Hass gegen Andersdenkende geschürt. Trotzdem wurde der Journalist der linken türkischen Zeitung "BirGün" diese Woche vorübergehend wegen "Volksverhetzung" festgenommen. Demir hatte kritisch über die Militäroperation der Türkei in Syrien berichtet.

Das türkische Militär kämpft seit Mittwoch im Nordosten Syriens gegen die Kurdenmiliz YPG, der stärksten militärischen Kraft der "Syrian Democratic Forces" (SDF). Präsident Recep Tayyip Erdogan nennt die Operation "Friedensquelle".

Er verbittet sich jede Kritik an dem Einsatz. Die Behörden ermitteln gegen mehrere Dutzend Kriegsgegner, darunter die Vorsitzenden der prokurdischen Partei HDP, Pervin Buldan und Sezai Temelli.

Erdogans Offensive sorgt weltweit für Empörung

Erdogan hat über Monate hinweg mit einer Offensive gegen die YPG in Syrien gedroht. Doch erst nachdem ihm US-Präsident Donald Trump in einem Telefongespräch am vergangenen Sonntag garantierte, amerikanische Soldaten unverzüglich aus der Region abzuziehen, rückten türkische Truppen vor.

Das türkische Militär nimmt seither die syrischen Städte Tal Abjad und Ras al-Ain unter Beschuss. Umgekehrt schlugen in den türkischen Orten Akcakale und Ceylanpinar Granaten aus Syrien ein. Auf beiden Seiten der Grenze kamen Zivilisten ums Leben.

Die Türkei rückt auf Stellung der YPG in Syrien vor - wo und wann endet die Offensive?

Die Türkei rückt auf Stellung der YPG in Syrien vor - wo und wann endet die Offensive?

Foto: SPIEGEL ONLINE

Erdogans Offensive sorgt weltweit für Empörung. Norwegen hat Waffenlieferungen an die Türkei ausgesetzt, US-Politiker bereiten Sanktionen vor, auch Frankreich erwägt Strafmaßnahmen. Überraschend jedoch kommt der türkische Militäreinsatz nicht.

Obama und Trump versicherten Erdogan, die Allianz mit der YPG sei rein taktisch

Seit die USA die YPG 2014 zum Verbündeten im Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) erklärt haben, läuft Erdogan gegen diese Kooperation Sturm. Seine Regierung betrachtet die Miliz als syrischen Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, die sich seit Jahrzehnten im bewaffneten Kampf gegen die Türkei befindet.

Trumps Vorgänger Barack Obama war sich der Bedenken der Türkei durchaus bewusst. Er sah jedoch keinen anderen Weg, den Vormarsch des IS zu stoppen, als mit der YPG zusammenzuarbeiten. Eigene Bodentruppen wollte Obama nicht nach Syrien schicken, und eine Kooperation mit der Freien Syrischen Armee (FSA), wie sie Ankara vorschlug, war seiner Regierung aufgrund der mutmaßlichen ideologischen Nähe einiger FSA-Kämpfer zum IS zu riskant. Für die Befreiung des IS-Hochburg Rakka rüstete Trump die YPG 2017 weiter auf.

Obama wie Trump versicherten Erdogan, dass die Allianz mit der YPG rein taktisch motiviert und zeitlich begrenzt sei. Doch während die YPG im Nordosten Syriens einen De-facto-Staat errichtete, verlor Erdogan zunehmend die Geduld. Durch den abrupten Truppenabzug der Amerikaner kommt es nun genau zu jenem Szenario, das US-Militärstrategen stets vermeiden wollten: Türken und Kurden kämpfen gegeneinander.

Greift die Türkei Kobane an, droht ein blutiger Guerillakrieg

Erdogan will zunächst den etwa hundert Kilometer langen Landstrich zwischen Tal Abjad und Ras al-Ain unter türkische Kontrolle bringen. In der Region leben viele Araber, weshalb Ankara dort nur begrenzten Widerstand erwartet. Sehr viel grausamer dürften Kämpfe um mehrheitliche kurdische Städte wie Kobane oder Kamischli werden, wo mit einem blutigen, langwierigen Guerillakrieg zu rechnen ist.

Erdogan ignoriert bislang sämtliche Warnungen vor einem Blutbad. Er möchte vom Fluss Euphrat im Süden bis zur irakischen Grenze im Norden eine etwa 500 Kilometer lange und 30 Kilometer tiefe Pufferzone schaffen, in der bis zu zwei Millionen syrische Flüchtlinge aus der Türkei angesiedelt werden sollen.

Für sein Vorhaben gibt es zwei Blaupausen:

  • 2016 eroberte das türkische Militär die syrische Stadt Dscharabulus vom IS,
  • 2018 die syrische Provinz Afrin von der YPG.

In beiden Regionen tritt die Türkei seither als Besatzungsmacht auf, hat eine eigene Verwaltung etabliert und ist mit Sicherheitskräften vor Ort präsent. Das dort angewandte Modell dürfte jedoch nur schwer auf den Nordosten Syriens zu übertragen sein:

  • Die Region ist sehr viel größer,
  • die Bevölkerung ist, anders als etwa in Dscharabulus, heterogen.

Es ist unklar, wie die türkische Regierung selbst im Falle einer erfolgreichen Militärintervention dort dauerhaft Stabilität und Sicherheit schaffen möchte. Gerry Simpson von der Organisation Human Rights Watch warnt vor Chaos. "Es gibt viele Beispiele aus der Geschichte, wo Sicherheitszonen zu tödlichen Fallen wurden."

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