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Dreiergipfel zu Syrien Teile und herrsche

Russland, Iran und die Türkei entscheiden über Syriens Zukunft. Bei einem Treffen der Staatschefs Putin, Rohani und Erdogan in Ankara ging es jetzt vor allem um die strategischen Interessen der drei Länder.

Der 4. April 2017 ist einer der dunkelsten Tage in der Geschichte Syriens. Vor genau zwölf Monaten tötete die Armee von Baschar al-Assad mehr als 80 Menschen in der Ortschaft Chan Scheichun mit dem Nervengas Sarin. Schwerwiegende Konsequenzen hatte das für den Diktator von Damaskus nicht. Im Gegenteil: Seine Truppen erobern seither mehr und mehr Rebellengebiete zurück.

Am Osterwochenende verkündete das syrische Regime den Abzug der letzten Aufständischen aus Ost-Ghuta. Zwar widersprach die verbliebene Miliz Dschaisch al-Islam (Armee des Islam) dieser Darstellung. Klar aber ist: Die Rebellenhochburg vor den Toren der syrischen Hauptstadt ist nach den monatelangen schweren Bombenangriffen sturmreif, die endgültige Eroberung nur noch eine Frage der Zeit.

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Assad, der bei seinem Vormarsch auf Spezialeinheiten wie die sogenannten Tiger-Kräfte setzt, wird in dem Vielfrontenkonflikt von Russland unterstützt ebenso wie von Iran. Damaskus ist von der Hilfe aus dem Ausland abhängig. Über die Zukunft des Landes entscheiden mittlerweile maßgeblich Moskau und Teheran - und die Türkei.

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Russischer Militäreinsatz in Syrien: Moskau unterstützt Damaskus

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Am Mittwoch trafen sich nun der Kreml-Chef Wladimir Putin und Präsident Hassan Rohani mit dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan in Ankara, einem Feind Assads. Das Trio diskutierte im achten Kriegsjahr, wie es für Syrien weitergeht. Die Entscheidung fällt wohl nach dem Prinzip "Teile und herrsche". Alle drei Länder wollen mittels Stellvertretern dauerhaft in verschiedenen Teilen Syriens präsent bleiben - und nutzen diese für ihre jeweiligen gegensätzlichen Interessen aus.

Rohani, Putin und Erdogan

Rohani, Putin und Erdogan

Foto: HANDOUT/ REUTERS

Zudem plant US-Präsident Donald Trump - wenn auch nicht sofort - den Abzug der US-Truppen aus Syrien, die dort Rebellengruppen unterstützen und die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) bekämpfen. Es sei wichtiger, das eigene Land aufzubauen, sagte er. Die Vereinigten Staaten hätten viel Geld in die Region investiert, aber "nichts als Tod und Zerstörung gesehen".

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Syrienkonferenz: Sechsaugengespräch in Ankara

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Eine zynische und gleichsam treffende Beschreibung der Lage in Syrien, aus dem seit Ausbruch der Kampfhandlungen rund fünf Millionen Menschen geflohen sind, weitere sechs Millionen sich von Ort zu Ort retten - und fast 500.000 Männer, Frauen und Kinder getötet wurden.

Nächster Kriegsschauplatz: Idlib

Auch in Ost-Ghuta gab es weit mehr als tausend Tote - und das, obwohl das Gebiet offiziell eine sogenannte Deeskalationszone war. In Syrien existieren mehrere dieser Gebiete, die der kriegsgeplagten Zivilbevölkerung Schutz bieten sollen. Russland, Iran und die Türkei haben sich bereits im vergangenen Mai darauf verständigt - aber, wie das Beispiel Ost-Ghuta zeigt, nicht daran gehalten.

Hinter verschlossenen Türen haben Putin, Erdogan und Rohani nun unter anderem über Idlib diskutiert, das letzte große Gebiet in Rebellenhand. Dort leben rund zweieinhalb Millionen Menschen, die Hälfte davon sind Binnenflüchtlinge.

Gleichzeitig kämpft die von Ankara unterstützte Freie Syrische Armee (FSA) gegenwärtig in der syrischen Westprovinz an der Grenze zur Türkei parallel gegen das Assad-Regime und gegen eine Islamisten-Miliz. Hinzu kommt, dass viele der Kämpfer, die Ost-Ghuta in den vergangenen Wochen verlassen haben, Richtung Idlib abgezogen sind.

Die Truppen des Assad-Regimes dürften nach ihrem Vormarsch in Ost-Ghuta deshalb nun Idlib in den Fokus nehmen. Für viele Flüchtlinge wäre das fatal. Es gibt in Syrien keinen Ort mehr, wohin sie flüchten könnten, ohne unter Assad leben zu müssen. Die einzige Alternative wäre die Türkei - was Erdogan verhindern möchte.

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"Die Zukunft Syriens muss von Syrern selbst und nicht von ausländischen Regierungen bestimmt werden", erklärte Rohani nun in Ankara. Für die Syrer muss das wie Hohn und Spott klingen.

Iran dringt auf türkischen Rückzug aus Afrin

Gipfelgastgeber Erdogan hatte in Syrien lange Zeit vor allem einen Plan: Er wollte Assad stürzen. Das Treffen zeigt, wie weit sich seine Regierung von diesem Vorhaben entfernt hat. Zwar bezeichnet Erdogan Assad nach wie vor als Terroristen und Kriegsverbrecher, doch er koordiniert seine Politik wie selbstverständlich mit dessen wichtigsten Helfern.

Erdogan will in Syrien mittlerweile in erster Linie einen Kurden-Staat verhindern und seinen Verbündeten, die FSA, im Nordwesten des Landes installieren. Zumindest dem ersten Ziel ist der türkische Staatschef bereits ein Stück nähergekommen.

Sein Militär hat die kurdische Miliz YPG aus der syrischen Provinz Afrin vertrieben. Die Türkei wurde bei dem Einsatz von Russland unterstützt, das den Luftraum über Afrin für türkische Jets freigab.

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Eroberte syrische Stadt: In Afrin rollen die Bulldozer

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Iran ist gegen die türkische Präsenz in Afrin. Rohani erklärte, Ankaras Rückzug aus der Provinz wäre "eine konstruktive Entwicklung", ohne dabei die Türkei namentlich zu nennen. Bei dem Dreiertreffen gab es in dieser Frage offenbar keine Einigung. Für Erdogan ist der Gipfel trotzdem ein Erfolg: Er kann sich vor seinen Wählern als Staatsmann präsentieren, der die Geschicke im Nahen Osten mitbestimmt.

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