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05. Oktober 2016, 23:27 Uhr

Syrienkrieg

Russland schickt noch mehr Kriegsschiffe ins Mittelmeer

Im Syrienkonflikt verschärfen sich die Spannungen erneut. Russland entsendet weiteres Kriegsgerät - und kündigt ein Atomabkommen mit den USA auf.

Syriens Verbündeter Russland hat zwei weitere Kriegsschiffe ins Mittelmeer entsandt. Die mit Marschflugkörpern ausgestatteten Korvetten "Seljony Dol" und "Serpuchow" sollten am Mittwochabend eintreffen, sagte Admiral Viktor Krawtschenko in Moskau. Die Zahl der Schiffe könne bei Bedarf auf 20 erhöht werden.

Derzeit sind in der Region rund zehn russische Kriegsschiffe im Einsatz. Erst kürzlich war bekannt geworden, dass im Lauf des Oktobers auch der einzige russische Flugzeugträger "Kusnetsow" im östlichen Mittelmeer eintreffen soll. Am Dienstag hatte das russische Verteidigungsministerium außerdem mitgeteilt, dass auf seiner Marinebasis im syrischen Tartus das Luftabwehrsystem S-300 stationiert worden sei.

Die nun entsandten Korvetten "Seljony Dol" und "Serpuchow" sind mit Marschflugkörpern ausgestattet. Sie waren bereits im August vorübergehend vor Syriens Küste stationiert gewesen. Von dort waren am 19. August Raketen auf Ziele in Syrien abgefeuert worden.

Spannungen mit Washington verschärfen sich

Russlands militärisches Vorgehen erfolgt vor dem Hintergrund zunehmender Spannungen zwischen Moskau und Washington im Syrienkonflikt. Moskau unterstützt die Führung in Damaskus. Am Montag hatten die USA angesichts der heftigen Angriffe auf die Stadt Aleppo die Gespräche mit Russland über eine Beilegung des Konflikts für beendet erklärt.

Immerhin haben beide Seiten mittlerweile wieder Kontakt aufgenommen. Zwei Tage nach dem Abbruch der Syrien-Gespräche telefonierten die Außenminister Sergej Lawrow und John Kerry am Mittwoch miteinander.

An anderer Stelle wurde indes deutlich, wie weit die Interessen Russlands und der USA auseinanderliegen. So hat Moskau am Mittwoch ein Abkommen mit Washington zur Zusammenarbeit in der Atom- und Energieforschung ausgesetzt. Als Grund gab die russische Regierung unter anderem die mehrfach verlängerten Sanktionen der USA wegen der Ukrainekrise an. In dem Abkommen von 2013 wird unter anderem die wissenschaftliche Kooperation zur friedlichen Nutzung der Atomenergie geregelt.

Am Montag hatte Moskau mit einer ähnlichen Begründung die vereinbarte Vernichtung von atomwaffenfähigem Plutonium ausgesetzt.

Kampf um Aleppo

Frankreich kündigte unterdessen an, dass Außenminister Jean-Marc Ayrault in den kommenden Tagen nach Moskau und Washington reisen werde, um beide Staaten zur Annahme einer Uno-Resolution für die umkämpfte Metropole Aleppo zu bewegen. In Berlin wollte sich Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier mit dem Syrien-Sondergesandten der Vereinten Nationen, Staffan de Mistura, treffen.

Die syrische Armee kündigte an, aus humanitären Gründen die Angriffe auf Ziele im Ostteil Aleppos zurückzufahren. Allerdings sind solchen Ankündigungen in der Vergangenheit nur unzureichend Taten gefolgt.

Die humanitäre Lage in Aleppo ist nach Uno-Angaben katastrophal. "Die Bilder und Nachrichten aus Ost-Aleppo sind an Grausamkeit kaum noch zu übertreffen", erklärte Steinmeier. "Dieser Wahnsinn kann und darf nicht ewig weitergehen."

Konflikte an allen Fronten

Der Kreml teilte am Mittwoch außerdem mit, Präsident Wladimir Putin habe mit dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan in einem Telefonat über Syrien gesprochen. Dabei sei betont worden, dass die Bemühungen der internationalen Gemeinschaft um einen friedlichen politischen Prozess verstärkt werden müssten. Wie dies konkret aussehen könnte, wurde nicht bekannt. Putin unterstützt Syriens Diktator Baschar al-Assad, Erdogan lehnt dessen Regime ab. Putin wird am Montag in der Türkei erwartet.

Parallel zu den Kämpfen zwischen Rebellen und Regierung toben in Syrien weiterhin Gefechte mit der Extremistenmiliz "Islamischer Staat" (IS). Türkische Soldaten und verbündete syrische Milizen rückten nach eigenen Angaben trotz heftiger Gegenwehr bis auf wenige Kilometer an das Dorf Dabik im Norden des Landes vor.

Der Ort ist von geringer strategischer, aber großer symbolischer Bedeutung: Die Islamisten glauben, dass dort die letzte Schlacht zwischen Muslimen und Ungläubigen stattfinden wird, die den Weltuntergang einläutet. Man erwarte heftige Kämpfe beim weiteren Vorrücken, sagte ein Kommandeur der Milizen.

wal/dpa/AFP/Reuters

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